Fashion für die Fehde

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Gökcen Stenzel präsentiert sich im roten Fehde-Gewand.

Soest  Was macht frau, wenn ihr mehrere große Betttücher aus qualitätvollem Leinen in die Hände fallen. Sie beschließt, ein Gewand für das Fehde-Festival für die Kollegin Gökçen Stenzel nähen. Leinen ist genau der richtige Stoff für das Projekt, denn Leinen trug man schon vor 575 Jahren. 

Einem Fehde-Neuling wie Gökçen Stenzel muss man das erklären: Das Fehde-Festival ist kein Spaß. Einfach so im Umzug bis zur Huldigung mitlaufen? Ohne passende Gewandung, womöglich in Turnschuhen und mit falscher Kopfbedeckung? Das geht gar nicht. Das Fehde-Festival soll authentisch gefeiert werden, und dazu braucht es Kleidung wie vor 575 Jahren. 

Was man damals, Mitte des 15. Jahrhunderts, trug, haben Fehde-Schneiderin Ruth Reismann und ihre Mitstreiterinnen aus der Kleiderschneidereiim „Eselstall“ in Büchern, auf Bildern, in Ausstellungen und Internet-Recherchen genau ermittelt. Zum Umzug und zur offiziellen Huldigung lassen sie niemand durch, der nicht auch zur Fehde-Zeit die Straße hätte passieren können. Die Schneiderinnen sind so streng wie die Kleiderordnung vor mehr als 500 Jahren. 

Damals durfte niemand tragen, was ihm gerade Spaß machte. Vielmehr musste jeder seinem Stand entsprechend gekleidet sein. Wer an der Spitze stand, Macht und Geld besaß, zeigte das mit prachtvollen Gewändern aus edlen Materialien. Handwerker, Bauern, Nonnen – jeder war an seinem „Outfit“ zu erkennen. Das einfache Volk trug einfache Kleider aus Leinen, Hanf oder Nessel. Das Oberkleid war manchmal aus Wolle. Die wärmte im Winter. Denn üblicherweise besaßen Frauen ein, höchstens zwei Kleider, die sie ihr Leben lang trugen. 

Die Reichen konnten sich Seide und edle Tuchen leisten. Baumwolle kannte das Mittelalter noch nicht, Trikot und Netzstoff auch nicht. Und Polyester ist ohnehin tabu.

Pflicht bei der Soester Fehde ist ein Unterkleid. Darüber darüber kommt – je nach Geschmack und Geldbeutel – ein aufwendigeres Überkleid. Wir entscheiden uns, Ober- und Unterkleid aus dem selben Stoff zu nähen. Schließlich ist ja reichlich Leinen da. Das denken wir jedenfalls.

Doch beim Zuschneiden kommt es zur ersten Pannen. Die Schnittteile sind so verschwenderisch aufgelegt, dass kaum Stoff für die insgesamt sechs Gehren, die godetähnlichen Einsätze, übrig bleibt. Da heißt es: improvisieren. Schnell werden ein paar Reste zusammengenäht, aus denen dann die Gehren geschnitten werden. Ist ja fürs Unterkleid – das sieht keiner. Schließlich gilt der Spruch: Wie’s untendrunter aussieht, geht keinen was an.

Sichtbare Nähte müssen mit der Hand genäht werden. 

Das ist auch der Grund, warum nur die sichtbaren Nähte mit der Hand gestichelt werden müssen. Für die langen Nähte von Ober- und Unterkleid ist die Nähmaschine erlaubt. Mit der Hand zu nähen, ist mühsam. Von Stich zu Stich wächst die Bewunderung für die Vorfahren, die ihren gesamten Kleiderschatz und den der Familie manuell anfertigte.

Schließlich sind Ober- und Unterkleid fertig. Beide sind mit Baumwollgarn genäht, denn nur das lässt sich färben. Das Färben ist der nächste Schritt. Glücklicherweise fordern die strengen Näherinnen nicht, das Rote Bete oder andere natürliche Mittel eingesetzt werden, die es schon im Mittelalter gab. Beim Färben ist moderne Chemie und der Einsatz einer Waschmaschine erlaubt. Und so wählen wir ein leuchtendes Rubinrot, stecken den Inhalt von zwei Färbepäckchen und das Oberkleid in in die Waschmaschine. Und holen eine Stunde später ein rotes Gewand heraus. 

Beim Färben ist moderne Chemie erlaubt.

Fehlt nur noch das weiße Tuch, das Mittelalter-Frauen so um den Kopf banden, dass die Haare nicht zu sehen waren. Damals war eine „hohe Stirn“ schick, aber heute ist das wenig kleidsam. Klar, weiß Ruth Reismann das. „Aber da muss man durch“, sagt sie. Authentisch sein – das ist da Wichtigste. 

Wie lange das Projekt „Kleid nähen“ dauert? Das dürfte unterschiedlich sein und von Kenntnis und Erfahrung des Nähers abhängen. Wer sich jedoch schnell im „Eselstall“ einen Schnitt besorgt, Stoff kauft und sofort loslegt, der kann’s bis zum nächsten Wochenende schaffen und am Samstag im selbstgenähten Gewand am Fehde-Zug teilnehmen.

Information: Die Kleiderschneiderei im „Eselstall“, Leckgadumstr. 37 (ehemals Gasthaus Flüchter „Eselstall“) ist zu Fehde-Zeiten mittwochs von 10 Uhr bis 18 Uhr geöffnet. Zudem ist an jedem ersten und dritten Samstag von 10 bis 13 Uhr geöffnet.

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