Zirkus in Ense tagelang ohne Wasser und Strom

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Gestrandet auf der Wiese an der Sekundarschule in Bremen ist die vielköpfige Familie Köllner.

Bremen – Mehr Verzweiflung geht wohl kaum: „Wir leben von der Hand in den Mund.“ Und wie es weitergehen soll, weiß Linda Köllner erst recht nicht.

Dabei ist die Situation für sie und ihre 16-köpfige Familie nahezu unerträglich. Und verantwortlich dafür ist einzig und allein jenes Virus, das derzeit die gesamte Welt in Atem hält. 

Denn seit Corona auch den Kreis Soest erreicht hat, ist der „Zirkus Manjana“ nicht nur auf der Wiese gegenüber der Conrad-von-Ense-Schule unfreiwillig gestrandet. Nichts ist mehr so wie vor dem Ausbruch der Pandemie.

So mussten nämlich nicht nur die für das Wochenende vom 13. bis 15. März geplanten Vorstellungen in Bremen abgesagt werden. „Wir können Ense auch nicht mehr verlassen“, so Linda Köllner im Gespräch mit dem Anzeiger. Das aber heißt vor allem: keine Einnahmen, kein Geld, um sich länger als ein paar Tage aus eigener Kraft über Wasser halten zu können.

Doch das betraf anfangs nicht nur die Möglichkeit, sich mit den nötigsten Lebensmitteln und Hygiene-Artikeln versorgen zu können. „Die ersten sechs Tage waren wir ohne Wasser und Strom“, berichtet Linda Köllner. Dann allerdings sei Hilfe gekommen – und zwar vor allem in Form der Tierärztin Dr. Maren Neumann-Aukthun.

Mit vereinten Kräften, so die Veterinärin im Gespräch mit dem Anzeiger, sei gelungen, die notwendigen Leitungen zu legen und die Versorgung zu gewährleisten. Doch nicht nur das: Maren Neumann-Aukthun erledigte mit einer Bekannten aus Ruhne die ersten Einkäufe, damit die Artisten ausreichend zu essen und trinken hatten. Seither sieht das Duo immer wieder nach dem Rechten, organisiert, was fehlt.

„Das ist für mich praktische Nachbarschafts-Hilfe“, will die Bremerin ihren Einsatz nicht überbewerten. Vielmehr hofft sie, dass sich noch mehr Enser ihrem Beispiel anschließen und die 17-köpfige Zirkusfamilie Köllner im Alter zwischen 6 Monaten und 49 Jahren mit dem Nötigsten unterstützen.

Ein ganz wichtiger Verbündeter sei in diesem Zusammenhang der Besitzer des Astare-Grills. Er versorgt die Familie kostenlos mit Essen und Trinken, so Neumann-Aukthun.

Bürgermeister dementiert Gerücht

Wenig Chancen auf eine Unterstützung der Familie Köllner durch die Gemeinde sieht Bürgermeister Hubert Wegener. „Wir können ihr nur raten, Leistungen bei der Agentur für Arbeit zu beantragen. So, wie es jeder andere von der Epidemie Betroffene es in diesen Tagen auch muss“, so der Verwaltungschef gestern.

Gleichzeitig räumt er mit einem Gerücht auf: Mit der Behauptung, der Familie 500 Euro für den Fall geboten zu haben, dass sie Ense verlässt. Richtig sei vielmehr, dass die Familie in einer solchen Situation an ihrem gemeldeten Wohnort zurückkehren müsse. Und für den Fall, dass sie dies aus eigenen Mitteln nicht hätte finanzieren können, sei man bereit gewesen, der Familie als freiwillige Leistung einen Tankgutschein in der benötigten Höhe zur Verfügung zu stellen.

Und als seien die Probleme nicht schon groß genug: Wie Williams Köllner erläutert, ist für die Artisten aufgrund des unebnen Untergrunds auf der Wiese an reguläres Training aus Sicherheitsgründen nicht zu denken. Viel gravierender aber: Das Zelt muss zum TÜV. Doch auch hierfür fehle aktuell das Geld. Das aber berge eine andere Gefahr: Laufe der TÜV ab, dann müsse sich das Unternehmen um eine ganz neue Statik kümmern. Kosten: Schnell zwischen 5.000 und 6.000 Euro, wie Williams Köllner ausführt. Aus Sicherheitsgründen verzichten will Familie Köllner darauf, von Tür zu Tür zu ziehen und um Hilfe zu bitten.

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