Planung wird aufgenommen

Renaturierung der Ruhr: Bezirksregierung stellt Pläne für Gemeinde vor

In Arnsberg-Bachum wurde die Ruhr bereits renaturiert. So könnte bald auch der Ruhrbogen bei Füchten in Ense aussehen.
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In Arnsberg-Bachum wurde die Ruhr bereits renaturiert. So könnte bald auch der Ruhrbogen bei Füchten in Ense aussehen.

Die Bezirksregierung Arnsberg bereitet die Renaturierung des Ruhrbogens bei Haus Füchten vor. Mit einem Start der Arbeiten ist allerdings nicht vor 2023 zu rechnen. Derzeit vermisst die Bezirksregierung das Gewässerbett aus einem Boot heraus und tauscht sich mit den Pächtern und Eigentümern der anliegenden Flächen aus. Denn die landwirtschaftliche Nutzfläche kann rund um den Fluss im Zuge der Renaturierung um rund 30 Hektar schrumpfen.

Hünningen/Waltringen - „Wir befinden uns noch in der Vorplanung“, sagt Ulrich Detering von der Bezirksregierung Arnsberg. Die Renaturierung der gesamten Ruhr bestehe aus vielen unterschiedlichen Projekten und Bauabschnitten – dazu gehöre auch der Ruhrbogen bei Haus Füchten. Ulrich Detering geht davon aus, dass im Herbst 2022 alle Genehmigungen für die Renaturierung vorliegen, sodass die tatsächlichen Arbeiten im darauffolgenden Jahr stattfinden können.

Die Ruhr auf Enser Gemeindegebiet soll unter anderem von massiven Steinschüttungen befreit werden. Mit einer Verbreiterung des Flussbettes sowie der Anhebung der Gewässersohle soll der Fluss in einen naturnahen Zustand zurückversetzt werden.

Die Autobrücke, die Ense und Wickede miteinander verbindet, soll erhalten werden.

Derzeit verpachtet die Bezirksregierung rund 126 Hektar in Ufernähe, die landwirtschaftlich genutzt werden. Nach der Renaturierung sollen rund 93 Hektar übrig bleiben. Da die Landwirte die Reduzierung der Flächen durchaus kritisch sehen, habe es in der Vergangenheit bereits konstruktive Ortstermine gegeben, erklärt Detering. Die Renaturierung soll landwirtschaftlichen Betrieben nicht die Existenzgrundlage rauben, betont er, sondern agrarstrukturell und einzelbetrieblich verträglich sein. Die Vermessungen des Gewässerbetts sollen unter anderem noch einmal Aufschluss darüber geben, inwieweit die landwirtschaftliche Nutzfläche optimiert werden kann. Anschließend werde sich die Bezirksregierung erneut mit den Landwirten austauschen, sagt Detering.

Die Bezirksregierung Arnsberg ist als Träger der Gewässerunterhaltung an der Ruhr zur Umsetzung der europäischen Wasserrahmenrichtlinie verpflichtet. Dem Ruhrabschnitt bei Haus Füchten wird kein guter Zustand bescheinigt. Das wird beispielsweise durch die Untersuchung des Fischvorkommens belegt, so ein Ergebnis der Bezirksregierung.

Fakten zur Ruhr

Die Ruhr entspringt auf dem Ruhrkopf im Sauerland (bei Winterberg) in einer Höhe von 674 Meter über dem Meeresspiegel. Der kleine Fluss ist 219 Kilometer lang und mündet in den Rhein bei Duisburg. Die Elbe oder der Rhein sind im Vergleich mit rund 1000 Kilometern rund fünfmal so lang. Die wichtigsten Nebenflüsse der Ruhr sind Lenne, Volme, Möhne, Wenne und Röhr. Die Ruhr und ihre Nebenflüsse versorgen mehr als 4,5 Millionen Menschen sowie Gewerbe- und Industriebetriebe mit Trink- und Brauchwasser. Apropos Ruhr: Das Ruhrgebiet ist einer der wichtigsten Ballungsräume in Europa. Ihren Namen erhielt diese Region von dem Fluss, der an ihrem Südrand vorbeifließt – der Ruhr. Quelle: ruhrverband.de

Fische benötigen demnach ein reich strukturiertes Flussbett mit Vertiefungen und flachen Kiesbänken. Derzeit werde die Ruhr durch Uferbefestigungen aber teilweise in ein schmales und tiefes Gewässerbett gezwängt.

Renaturierung der Ruhr: Schotterinseln und Rinnen

Durch die Renaturierung sollen sich Schotterinseln und Strukturen selbstständig entwickeln können. Dazu soll auf landeseigenen Flächen durch die Aktivierung von alten Rinnen eine bessere Vernetzung zwischen Fluss und Aue erreicht werden – schutzwürdige Grünflächen sollen erhalten bleiben, so die Bezirksregierung. Die Anhebung der Gewässersohle bis zu einem Meter sorge dafür, dass die Rinnen häufiger geflutet werden. Da das Flussbett aber gleichzeitig breiter wird, wirken sich diese Überflutungen nicht auf die landwirtschaftlichen Nutzflächen aus. Die Anhebung der Wasserstände helfe auch den angrenzenden Flächen und der Landwirtschaft bei immer trockener werdenden Sommern.

Renaturierung der Ruhr: Die nächsten Schritte

Nach den weiteren Beratungen mit den Landwirten soll eine Arbeitsgruppe einberufen werden, die einen Genehmigungsantrag für die Obere Wasserbehörde der Bezirksregierung fertigt. Noch im Sommer soll den Landwirten ein überarbeiteter Plan zur Verfügung stehen.

Renaturierung der Ruhr: Zustand der mittleren Ruhr

Grundlage für die Planung sind die Arbeiten des Büros NZO aus Bielefeld. Ergänzt wurden sie durch eine morphologische Untersuchung von Dr. Till Kasielke von der Ruhr-Universität in Bochum. Darüber hinaus wird der Zustand der mittleren Ruhr – dazu gehört auch der Ruhrbogen bei Haus Füchten – vom Landesumweltamt Nordrhein-Westfalen im Rahmen der europäischen Wasserrahmenrichtlinie untersucht. Demnach wird ein guter ökologischer und chemischer Zustand nicht erreicht. Zu viele Mikroschadstoffe und Metalle lassen sich in diesem Bereich der Ruhr nachweisen. Das sorgt unter anderem dafür, dass es Defizite bei der Fischfauna, bei Wasserpflanzen und der benthischen wirbellosen Fauna (Lebensgemeinschaft an der Gewässersohle: Insektenlarven, Kleinkrebse, Schnecken und Muscheln usw.) gibt.

Renaturierung der Ruhr: Ursachen des schlechten Zustands

Durch den technischen Ausbau der Ufer und abschnittsweise der Sohle fehlen dem Fluss Substrate – beispielsweise Steine, Schlamm, herabgefallenes Laub und Totholz –, aber auch Wasserpflanzen fehlen. Staubereiche innerhalb der Ruhr sorgen flussauf- und abwärts für eine gestörte Durchgängigkeit.

Renaturierung der Ruhr: Faktoren für die Renaturierung

Bei der Renaturierung der Ruhr müssen zahlreiche Faktoren berücksichtigt werden. Die Bezirksregierung führt folgende an: Naturschutz, Gewässerentwicklung, Wasserversorgung, Wasserkraftnutzung, Hochwasserschutz, Landwirtschaft, Fischerei, Denkmalschutz sowie Tourismus und Naherholung.

Renaturierung der Ruhr: Drei Abschnitte - Nord, Süd und Mitte

Die Planung im Ruhrbogen bei Haus Füchten lässt sich in drei Abschnitte einteilen: Nord. Mitte und Süd. Demnach soll im nördlichen Bereich des Ruhrbogens dauerfeuchter Lebensraum für Amphibien in den linksseitigen Auen entwickelt werden. Die hochwertigen Biotoptypen vor Ort sollen nicht verändert werden. Um Hochwassersituation und die Funktion der Wassergewinnung nicht zu verändern, soll der Damm erhalten bleiben, das geht aus den Planungen der Bezirksregierung hervor.

Im mittleren Bereich bei Haus Füchten soll die Straßenbrücke nicht verändert werden. Stattdessen soll ein Schotterkorridor entstehen.

Südlich ist der Fluss zu tief eingeschnitten und rechtsseitig von der Aue abgekoppelt, heißt von der Bezirksregierung. Durch die Uferbefestigungen fehlen gewässertypische Strukturen sowie eine entsprechende Aue. Ein Schotterkorridor sowie die Reaktivierung von Rinnen in der Aue, ein Randsumpf und strukturiertes Grünland im Umfeld des Flusses sind dort Teil der Renaturierung.

Renaturierung der Ruhr: Bezirksregierung definiert Zielarten

Durch die Renaturierung des Ruhrbogens sollen Lebensräume für Tiere und Pflanzen entstehen. Die Bezirksregierung hat beispielsweise folgende Tiere als Zielarten definiert. Demnach sollen Flussregenpfeifer, Kiebitze, Wiesenpieper, Bekassine, Eisvögel, Uferschwalben, Äschen, Quappen, Geburtshelferkröten, Grasfrösche, Südliche Binsenjungfern und Sumpfschrecken sich im und um den Fluss ansiedeln können.

Renaturierung der Ruhr: Veränderung Nebengewässer

Nach den Ausführungen der Bezirksregierung werden die östlichen Nebengewässer der Ruhr durch die Renaturierung nicht beeinflusst. Westlich beeinflusst die Sohlaufhöhung während der Renaturierung den Riesbach, Scheebach und Hasbach. Beim Riesbach befürchtet die Bezirksregierung keinen erhöhten Wasserspiegel, bei Scheebach und Hasbach sei mit einem Anstieg der Wasserspiegel nur bei einem Hochwasser in der Ruhr zu rechnen.

In vielen Bereichen, in denen die Ruhr durch den Regierungsbezirk Arnsberg fließt, sind bereits erfolgreiche Renaturierungsmaßnahmen abgeschlossen worden – beispielsweise in Wickede und Arnsberg. 2013 wurde in Wickede ein renaturierter Abschnitt zwischen Wehranlage und Freibad geflutet. Ein zweiter Abschnitt der Ruhr in Wickede steht ebenfalls noch an.

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