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Das Fahrrad bringt den größten Nutzen

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Von: Klaus Bunte

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Gruppenfoto von Menschen mit Plakat
Sie wollen das Verkehrsaufkommen im Industriepark senken: Vertreter der Gemeinde- sowie der Kreisverwaltung, der Unternehmen sowie der beiden beteiligten Projektbüros B.A.U.M. aus Hamm und EcoLibro aus Troisdorf. © Bunte, Klaus

273 Tonnen CO2 könnten jährlich eingespart werden – wenn es sich nicht bloß um Lippenbekenntnisse handelt, die die Beschäftigten der vier größten Arbeitgeber im Industriepark Höingen bei einer Umfrage im Rahmen des Projekts „Betrieblichen Mobilitätsmanagement“ zu Protokoll gaben.

Höingen – Wie lässt sich die Verkehrsbelastung dort dauerhaft senken? Mit dieser Frage beschäftigen sich zwei Büros seit einem Jahr. Die Ergebnisse dieses Pilotprojekts, das in dieser Form erstmalig ist, wurden Vertretern der Unternehmen jetzt vorgestellt – in einer verknappten Form, ein ausführlicher Bericht geht den Betrieben noch zu. Im neuen Jahr soll es, so Corona es dann zulässt, einen größeren Aktionstag geben, der das Interesse bei den Mitarbeitern wecken soll.

Die 273 Tonnen würden nur dann möglich, wenn die Befragten wirklich bereit sind, auf E-Bikes umzusteigen, verstärkt die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen oder Fahrgemeinschaften zu bilden, so denn jeweils die entsprechende Infrastruktur gestellt wird. Einige Unternehmen sind bereits auf einem guten Weg, haben Ladestationen für Elektrofahrräder und -autos eingerichtet, stellen den Fuhrpark auf elektrisch und auf Dienstradleasing um oder fördern Home Office.

Schlechte Noten für Bus, Bahn und Radwege

Die 273 Tonnen wären ein Fünftel der derzeitigen Emissionen von 1370 Tonnen im Jahr. Diesem optimalen Ergebnis steht ein realistisches von 89 Tonnen gegenüber, wenn nur jeder Dritte oder Vierte sich davon abbringen lässt, Tag für Tag im eigenen Pkw zur Arbeit zu fahren.

Befragt wurden knapp 800 Beschäftigte, und die Hälfte von ihnen lebt im Umkreis von zehn Kilometern – in diesem Radius seien E-Bike und E-Roller das „nutzenoptimalste Fahrzeug“, eine Rechnung, die sich zur Hälfte auf die erforderliche Zeit, zu 30 Prozent auf die anfallenden Kosten und zu je zehn Prozent auf CO2 und Bewegung stützt. „Und es ist gegenüber dem Pkw im Umkreis von zwei Kilometern sogar schneller oder gleich schnell und bietet auch im weiteren Umkreis von bis zu zehn Kilometern oft eine gleichwertige Alternative“, so Knut Petersen von der EcoLibro GmbH aus Troisdorf. Daher liege ein großes Potenzial im Leasing von Diensträdern, verbesserungswürdig seien jedoch bekanntermaßen die Radwege zum und im Gewerbegebiet.

Schlechte Noten erhielt die Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel: Nur drei Prozent der Befragten hätten überhaupt die Möglichkeit, mit Bus und Bahn unter einem vergleichbaren Zeitaufwand an ihren Arbeitsplatz zu gelangen – wer jedoch Früh- oder Spätschicht hat, kommt erst gar nicht vom Fleck. Nur unterliegt der Busverkehr nicht dem Kreis, sondern einem Wirtschaftsunternehmen, das auf Wirtschaftlichkeit achten muss, so Gunnar Wolters, Sachgebietsleiter Verkehr und Mobilität im Dezernat Regionalentwicklung beim Kreis Soest.

Dort sei man zwar offen für Gespräche und eine Verlegung der Fahrten nach Höingen über den Indupark sei theoretisch möglich – dann würde jedoch die unlängst erst frisch barrierefrei umgestaltete Haltestelle Höingen Ort nicht mehr bedient. Fahrten zumindest zu relevanten Zeiten seien möglich, die Finanzierung sei jedoch noch offen. Geplant seien „Mobilstationen“ in Bremen und Höingen, die als Verknüpfungspunkte die „letzte Meile“ zwischen Haltestelle und Carsharing oder Radstation überbrücken sollen. Die Förderanträge seien gestellt oder in Vorbereitung.

Kein Wunder also, wenn derzeit noch drei Viertel aller Beschäftigten mit dem Pkw anreisen, während weniger als zehn Prozent das Rad – mit oder ohne elektrische Verstärkung – nutzen. Auf die Frage, warum die Wahl am ehesten aufs Auto entfällt, lautete die häufigste Antwort: kürzere Weg- und Fahrtzeiten. Auf den Plätzen zwei bis fünf: ungünstige Bus-Anbindungen, fehlende praktikable Alternativen, Bequemlichkeit und Besorgungen, die unterwegs noch erledigt werden sollen. Allerdings sehen nur die wenigsten im Öffentlichen Nahverkehr selbst unter verbesserten Konditionen eine Alternative zum Auto und stehen Fahrgemeinschaften skeptisch gegenüber – dagegen ist die Hälfte der Befragten dem E-Bike nicht abgeneigt.

Vier neue Mobilitätsmanager

Einige Mitarbeiter sind jedoch sogar so stark interessiert an dem Thema, dass sie sich in Online-Schulungen zu Mobilitätsmanagern ausbilden ließen. Für Inotec ist dies Lena Bankamp, für Brökelmann sind es Björn Franke, Nina Rüthing und Vivien Wegert. Sie erhielten ihre Urkunden von Roman Bohle, Leiter des IHK-Bildungsinstituts Hellweg-Sauerland.

Im Rahmen des vom Kreis Soest organisierten „Unternehmernetzwerks“ entstand die Idee, ein unternehmensübergreifendes BMM-Modellprojekt im Industriepark Ense-Höingen gemeinsam mit der Gemeinde Ense, dem Initiativkreis Ense, dem Zukunftsnetz Mobilität NRW und einem externen Planungsbüro umzusetzen. Das Projekt umfasst die Konzeption und Durchführung eines Beratungsprogramms für die Betriebe im Industriepark.

Dazu gehören neben betriebsübergreifenden Workshops zu den verschiedenen Handlungsfeldern des Mobilitätsmanagements auch eine übergreifende Analyse der Betriebe zu Verlagerungspotenzialen auf effiziente und umweltfreundliche Verkehrsmittel sowie eine individuelle Vor-Ort-Beratung der einzelnen Betriebe. Dazu hat der Kreis Soest ein Förderprogramm ausgeschöpft, sodass Mittel in Höhe von rund 100 000 Euro zu 80 Prozent gefördert werden. Den Eigenanteil übernehmen Kreis und Gemeinde je zur Hälfte.

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