Mehr als 60 Jahre Erfahrung

So läuft es im Gemeinderat wirklich: Ausgeschiedene Ratsmitglieder teilen ihre Erfahrungen

Rathaus der Gemeinde Ense in Bremen
+
Im Rathaus in Ense haben Marianne Neumann, Horst Schlitt und Hans-Georg Knaup zahlreiche Stunden verbracht.

Sie wohnen in unterschiedlichen Ortsteilen, gehören verschiedenen Parteien oder Wählergemeinschaften an, aber eins verbindet Marianne Neumann (SPD), Horst Schlitt (BG) und Hans-Georg Knaup (CDU) dennoch: Sie verfügen über jahrelange Erfahrung im Gemeinderat – gemeinsam mehr als 60 Jahre.

Bremen/Niederense/Waltringen - In der konstituierenden Ratssitzung wurden Neumann, Knaup und Schlitt verabschiedet. Sie geben einen Einblick in die Kommunalpolitik der Gemeinde.

Horst Schlitt (Bürgergemeinschaft)

Horst Schlitt war 19 Jahre lang im Gemeinderat tätig.

Horst Schlitt kann stundenlang reden, mal über das eine, mal über das andere Thema. Erst vor wenigen Tagen feierte er seinen 77. Geburtstag aufs Altenteil zurückziehen ist aber nicht drin. Zum einen, weil seine Kollegen in der Bürgergemeinschaft ihn nicht gehen lassen wollen, zum anderen wäre es wohl auch für Schlitt selber ein zu großer Schritt alle Ämter ruhen zu lassen. „Die Kreis-BG hat mir 1994 die Kasse in die Hand gedrückt, die habe ich noch heute“, erklärt der Bremer. Als sachkundiger Bürger sitzt er zudem noch für die Bürgergemeinschaft im Kreis-Ausschuss für Ordnungsangelegenheiten und Rettungswesen. Einzig im Rathaus in Bremen wird Schlitt künftig weniger zu sehen sein. Wenn er über Kommunalpolitik redet, dann am besten mit seinem dicken Aktenordner in der Hand.

Dort sammelt Schlitt Zeitungsartikel, Broschüren und Bilder in Zusammenhang mit dem politischen Wirken der Bürgergemeinschaft. Nicht grundlos: „Man muss Geduld haben“, sagt er über die Kommunalpolitik. „Es gibt Sachen, die brauchen 20 Jahre, bis sie umgesetzt werden.“ In der Hand hat Schlitt einen Artikel von 1999 – Thema: der Abstieg ins Bannertal in Parsit und die Herstellung des Stakenberg-Weg. Insgesamt 19 Jahre lang saß Schlitt für die BG im Rat – von 1999 bis 2009 und von 2011 bis 2020. Jetzt drängt er auf eine Verjüngung in der Wählergemeinschaft. „Die Unabhängigkeit in der BG habe ich immer genossen“, sagt Schlitt, denn einen Parteizwang gebe es nicht.

Marianne Neumann (SPD)

Marianne Neumann war 31 Jahre lang im Gemeinderat tätig.

Marianne Neumann studierte zu Zeiten der 68er-Bewegung in Aachen. „Damals war jeder politisch“, sagt die 74-Jährige zu ihren Anfängen in der Politik. Als die pensionierte Lehrerin mit Mann Hans-Werner Neumann 1982 nach Niederense zog, engagierte sie sich politisch. „Wenn ich irgendwo lebe, dann möchte ich mitgestalten“, sagt sie. Bei der ersten Kommunalwahl habe sie gegen einen jungen CDU-Kandidaten verloren, „da kannte man eigentlich nur die Eltern, da war ich schon ein wenig enttäuscht“, erinnert sie sich. „Die CDU hätte einen schwarz angemalten Dackel aufstellen können und hätte trotzdem gewonnen“, sagt sie und lacht. Seit 1989 war Neumann schließlich Mitglied im Gemeinderat – insgesamt 31 Jahre.

Zunächst seien die Ratssitzungen aber wenig ergiebig gewesen. „Da hat man gegen eine Wand argumentiert. Es wurde abgestimmt, nur um den Antrag der anderen Partei zu verhindern“, sagt Neumann in Richtung CDU. In Zeiten des ehrenamtlichen Bürgermeisters Clemens Tillmann habe sich dies aber geändert. „Die SPD wurde stärker, die Konfrontationspolitik hat aufgehört.“ Stattdessen haben sich Parteien und Wählergemeinschaft zusammengesetzt und einen gemeinsamen Weg gefunden. Das habe bis zuletzt angehalten. Dementsprechend wäre es laut Neumann schlecht, wenn sich die Mehrheitsverhältnisse in Richtung einer Partei verschieben. „Der mit einer anderen Meinung muss auch weiter gehört werden.“

Hans-Georg Knaup (CDU)

Hans-Georg Knaup war 16 Jahre lang im Gemeinderat tätig.

Hans-Georg Knaup ist Ehrenamtler durch und durch: Als Fußballtrainer zog es ihn 1985 aus Arnsberg nach Waltringen. Dort trainierte er Jugend- und Seniorenmannschaften, später war er auch lange Zeit Vorsitzender der Sportfreunde. Der 63-Jährige ist zudem Vorsitzender des Deutschen Roten Kreuzes in Ense. Eine Aufgabe in die er nach seinem Rückzug aus dem Rat mehr Zeit investieren möchte. „Wenn man es richtig machen möchte, dann muss man als Mitglied des Gemeinderats wöchentlich sechs bis acht Stunden investieren.“ 16 Jahre lang hat Knaup dem Rat angehört.

CDU-Mitglied sei er schon immer gewesen, als Huckepack-Kandidat – stellvertretendes Ratsmitglied – habe er mit 38 Jahren erste Erfahrungen mit der Politik in der Gemeinde gemacht. „So bekloppt, wie in Düsseldorf und Berlin können die doch gar nicht sein“, habe ich mir gedacht. Als Kommunalpolitiker müsse man alle Ortsteile im Blick behalten, erklärt der selbstständige Finanzkaufmann – „Es geht ums Ganze“. Der Wahlbezirk Hünningen/Waltringen sei dennoch schwierig. „Es ist nicht die große Liebe“, sagt Knaup, alleine durch die räumliche Entfernung. Als Waltringer stehe man ja nicht in Hünningen beim Bäcker und höre die Sorgen der Bürger. Die CDU sieht Hans-Georg Knaup gut aufgestellt. „Man muss erkennen, wann Schluss ist. Die CDU hat kein Nachwuchsproblem und die jungen Kandidaten, die jetzt im Rat sitzen, dürfen auch Fehler machen. Das haben wir auch“, sagt Knaup.

Wichtig sei ihm, dass das Klima zwischen den Parteien und der Wählergemeinschaft weiter positiv ist, denn das helfe der Gemeinde.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf soester-anzeiger.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare