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Jugendliche pflegen Gedenkstätte an der Grenze

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Von: Klaus Bunte

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Schüler der Möhnesee-Schule an der Gedenkstele bei Sieveringen
Gemeinsam mit Standartenträger John Davies (rechts) stellten sich alle für ein Gruppenbild an der Stele auf. © Klaus Bunte

 Die Holzstele ist eher klein und unscheinbar, erst recht im Vergleich zu dem großen Leid, für das sie steht:  für den Tod von 1 400 Menschen.

Ense - Sie steht auch für den von 54 britischen Soldaten in der Nacht vom 16. auf den 17. Mai 1943, als diese mit ihrem Bombern die Möhnetalsperre zerstörten und das Tal geflutet wurde.

Ein abgeschossener Bomber stürzte hier, an der Grenze von Ostönnen zu Sieveringen, ab. Während zwei Besatzungsmitglieder den Fallschirmabsprung aus sehr geringer Höhe schwer verletzt überlebten, starben fünf Crewmitglieder beim Aufprall der Maschine.

Es ist der 11. November 2021, für die Briten der Remembrance Day, der 103. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs, „unser Gegenstück zum deutschen Volkstrauertag“, meint Gabriele Knowlayne. Sie ist eines von vier Mitgliedern der Royal British Legion, Sauerland Branch, einem Verband britischer Kriegsveteranen unter der Schirmherrschaft der Queen, die an diesem Tag nicht nur zum Gedenken der Kriegsopfer herkommen ist. Ihre zwei Schweigeminuten legt sie mit ihren drei Mitstreitern – der Vorsitzenden Lorraine Dawson, ihrem Vorgänger John Davies sowie Christa Price – und Vertretern der Soester Politik sowie zwei Lehrern und vier Schülern der Möhnesee-Schule ab.

Letztere wollen sich künftig um die Stele kümmern. Pünktlich zu diesem Tag hat die Möhnesee-Schule nun offiziell die Patenschaft – und somit auch die Pflege – für die abgelegene Gedenkstätte zu der jährlich Briten pilgern, mit der Legion besiegelt. Die Pflege hatten bislang Jochen Peters vom Verein für Geschichte und Heimatpflege Niederense-Himmelpforten nicht nur als unmittelbarer Nachbar der Absturzstelle, sondern auch als Zeitzeuge, inne. Seit Donnerstag ist er damit nicht mehr allein.

„Jahrzehntelang sorgte Peters für ein würdiges Gedenken an dieser Stelle mit der Errichtung der Holzstele mit beschrifteter Aluminiumplakette, mit regelmäßiger Blumenablage und mit persönlichen Informationen für die meist englischen Besucher“, so Meinolf Padberg, neben Lars Schmitt einer der beiden Projektleiter an der Möhnesee-Schule. Peters selber war vier Jahre alt in der Nacht des Unglücks, er selber kann sich nur noch erinnern, „wie am nächsten Morgen ganz viele Menschen bei uns auf dem Hof standen und diskutierten. Das habe ich zwar wahrgenommen, nicht jedoch den Inhalt“, so der 82-Jährige. „Ich habe mich aber immer sehr bemüht, Zeitzeugen zu befragen.“ Auch Trümmerteile der Maschine bewahrt er auf, einige vermachte ihm der im März verstorbene Werler Chronist Helmuth Euler, der seinerseits ein ganzes Buch über die Zerstörung der Sperrmauer veröffentlichte.

Seit 2019 ist die Schule im Rahmen eines Projekts mit Peters und dem Absturzort verbunden, berichtet Padberg: „Er erzählte unseren Schülern die dramatische Geschichte rund um den Absturz. Bewegt sammelten sie Taschengeld für ein Blumengesteck mit einer Friedensbotschaft.“

Über eine Twitter-Nachricht der Schule aus 2019 wurde John Davies, der heute in Sundern lebt, auf die Schule aufmerksam. „Er hat uns und Jochen Peters offiziell die Patenschaft für diese Gedenkstätte angetragen“, berichtet Padberg. Ein erstes Treffen zur Übertragung fand bereits vor einem Monat an der Schule statt. „Eine gute Sache“, würdigt Davies den Einsatz der Jugendlichen, „denn wir werden alle älter.“ Die stellvertretende Bürgermeisterin Christiane Mackensen pflichtet bei und wendet sich an die Schüler: „Zeitzeugen gibt es kaum noch. Indem Ihr von den ersten Zeugen lernt, werdet Ihr Zweitzeugen.“

Jedes Jahr am Remembrance Day und am Gedenktag an die Möhnekatastrophe vom 16. und 17. Mai wollen die Schule und Peters der Opfer gedenken und sich auch gegebenenfalls mit deutschen wie britischen Besuchern treffen „und somit eine dauerhafte Friedensbrücke zwischen Deutschland und Großbritannien bauen“. Schmitt: „Unser Ziel ist es, das Gedenken an die Kriegsopfer zur Bewahrung des Friedens dauerhaft aufrechtzuerhalten, indem wir die Gedenkstätte bis zum 80. Jahrestag des Ereignisses am 16. und 17. Mai 2023 aufwerten.“

Noch direkt vor Ort wurden bereits Pläne geschmiedet und Ideen ausgetauscht: Eine zweite Bank soll aufgestellt, die Fläche vor der Stele gepflastert, dazwischen ein Quadratmeter Pflanzbeet und dahinter ein kleines Mohnfeld angelegt werden – traditionell werden mit stilisierten Mohnblüten die Gräber britischer Soldaten dekoriert, „sie stehen für das ganze Blut, das geflossen ist“, meint Christa Price. Ostönnens Ortsvorsteher Thomas Teiner schlägt den Anschluss an eine Radroute vor.

Auch Schulleiterin Sabine Baukmann ist voll des Lobes für ihre Schüler: „Die haben tolle Ideen, bringen sich begeistert ein, und es macht Spaß, das mitzuerleben.“

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