Gemeinde Ense muss für archäologische Spurensuche in Bremen rund 70.000 Euro locker machen  

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Ein tiefer Blick in die Geschichte: Vertreter aus Heimatverein, Verwaltung und Politik ließen sich die Grabungen erläutern. Auf der 7 000 Quadratmeter großen Fläche am Ruhner Weg haben die Forscher Funde aus der Jungsteinzeit freigelegt.

Bremen – Aus der Vermutung sollte schnell Gewissheit werden. Und aus der Gewissheit ein bemerkenwerter Fund. Denn wo am Nordrand von Bremen in Kürze ein neues Wohngebiet entsteht, haben schon vor über 7 000 Jahren Menschen der frühen Jungsteinzeit gelebt und ihre Häuser gebaut.

Das jedenfalls bestätigen aktuelle Ausgrabungen von Archäologen, die in Abstimmung mit dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeiten. Am Donnerstagmorgen  wurden die Funde, von denen es aktuell 270 schon gibt und deren Zahl noch auf knapp 400 anwachsen könnte, Mitgliedern des Heimatvereins, der Verwaltung und Politik präsentiert. Danach aber verschwinden sie im Magazin, sind für die Öffentlichkeit dann nur noch als Bilder in einem Katalog zu sehen, wie Professor Dr. Michael Baales. Leiter der Außenstelle Olpe der LWL-Archäologie für Westfalen Lippe auf Anzeiger-Nachfrage erklärte.

Zukünftige Häuslebauer indes dürften aus einem anderen Grund länger etwas von diesen Grabungen haben. Denn im nicht-öffentlichen Teil der Haupt- und Wirtschaftsförderungsausschusssitzung am Dienstagabend hat die Politik rund 70.000 Euro für die archäologische Spurensuche „Am Gerlinger Notweg“ locker machen müssen. Die Funde nämlich gehören zwar dem Land, bezahlen aber muss deren Sicherung die jeweilige Kommune. Und die wird sie dann aller Voraussicht nach auf die Erschließungskosten der Grundstücke umlegen. 

Gegraben wird aller Voraussicht nach noch weitere 20 Arbeitstage bis März. Die Planungen für die Umsetzung des Baugebietes wird das zeitlich aber nicht stören, so der Beigeordnete Andreas Fresen.

Die Jungsteinzeit, so die Ausführungen, markiert einen der wichtigsten Wendepunkte der Geschichte: Um etwa 5 500 vor Christus wurden die Menschen in Mitteleuropa erstmals sesshaft, errichteten Häuser und betrieben Ackerbau und Viehzucht. Auf der 7 000 Quadratmeter großen Fläche am Ruhner Weg haben die Forscher Befunde freigelegt, zu denen beispielsweise Pfostenlöcher gehören, die von den vergangenen Holzhäusern stammen. Mithilfe dieser Pfostenlöcher lassen sich Gebäude mit einer Größe von etwa 25 mal 8 Metern rekonstruieren. Die Häuser erfüllten mehrere Funktionen wie Wohnen und Getreidelagerung.

„Die Überreste gehören zu einer Siedlung der sogenannten Linearbandkeramik, der ersten Epoche jungsteinzeitlicher Bauerngesellschaften in Mitteleuropa“, so Professor Dr. Michael Baales. Darüber hinaus entdeckten die Wissenschaftler verfüllte Gruben. „Solche Gruben sind für uns wie ein Archiv“, erläutert der Experte. „Darin haben die Menschen häufig ihren Abfall entsorgt, der uns Aussagen über ihre Lebensweise ermöglicht.“ Die Archäologen entdeckten darin Scherben von Keramikgefäßen. Die Scherben tragen eingeritzte Bandmuster, die dieser Epoche in der Wissenschaft den Namen gab: Linearbandkeramik.

Außerdem stießen die Archäologen auf sorgfältig bearbeitete Werkzeuge aus Feuerstein wie Klingen und Pfeilspitzen. Nicht selten stammt der Feuerstein aus den südlichen Niederlanden, was die weiträumigen Beziehungen der damaligen Menschen unterstreicht. Vor der jetzigen Maßnahme hatten Probegrabungen den Verdacht der LWL-Archäologen bestätigt, die an dieser Stelle Siedlungsspuren vermutet hatten. Daraufhin vereinbarte der LWL mit der Gemeinde Ense eine Untersuchung. Die aktuelle Ausgrabung führt eine von der Gemeinde beauftragte archäologische Fachfirma durch. Die fruchtbaren Löss-Böden in der Hellwegregion waren für die ersten Bauerngesellschaften besonders attraktiv. So ist dies auch nicht die erste frühjungsteinzeitliche Siedlung in Ense. Vor Jahrzehnten wurden beim Lehmabbau weiter westlich bereits Überreste einer Siedlung der Linearbandkeramik entdeckt und teilweise untersucht.

„Es ist ganz typisch für diese Zeit, dass mehrere dieser dorfartigen Siedlungsplätze, die aus mehreren Hofstellen bestehen, benachbart liegen“, so Professor Dr. Michael Baales. 

Wenn die Archäologen die Untersuchung abgeschlossen haben, dann kann das Gelände nach über 7 000 Jahren erneut bebaut werden. Für die rund 20 Grundstücke gibt es dabei schon über 80 Bewerbungen, wie Beigeordneter Andreas Fresen ergänzte. Das sei nicht unüblich in Ense.

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