Interview

„Circus Manjana“: Corona-Krise setzt Unternehmen schwer zu - Ärger beim Zirkus-Chef

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Mehr als fünf Monate sitzt Zirkus-Chef Williams Köllner mit seiner Familie vom „Circus Manjana“ mittlerweile in Bremen fest. Die Corona-Krise hat dem Unterhaltungsbetrieb den Boden unter den Füßen weggezogen: Die Einnahmen einer ganzen Saison fehlen.

Ense - 400 Euro plus Kindergeld bekommt Williams Köllner vom Amt – zu wenig, um Rechnungen und laufende Kosten zu bezahlen. In den sozialen Medien wurde eine Diskussion losgetreten, der 45-jährige Williams Köllner hat sich eingemischt und versucht, die Situation aus seiner Sicht darzulegen.

Mit Anzeiger-Redakteur Tobias Hinne-Schneider hat der Vater von zwölf Kindern im Alter von 3 bis 22 Jahren über Hetze im Netz, „dicke Karren“ vor der Haustür und eine mangelnde Perspektive gesprochen.

Sie haben sich in eine Diskussion auf Facebook eingemischt, haben versucht Ihren Standpunkt zu vertreten. Wie schwer ist es, sich immer wieder gegen vorwurfsvolle Kommentare zu verteidigen? Das ist sehr anstrengend. Wir stellen und immer wieder dieselbe Frage: Was machen wir verkehrt?
Es gibt Kommentare, in denen steht, dass wir unsere Wohnwagen verkaufen sollen. Das sind aber unsere Wohnungen, dann würden wir auf der Straße stehen. Es gibt Menschen, die meinen wir bekommen ungemein viele Spenden, das stimmt aber nicht, dann wären wir schon lange nicht mehr in Ense.

Williams Köllner (2. von links) macht sich Sorgen um die Zukunft des Zirkus.

Immer wieder heißt es, verkauft doch Eure „dicken Karren“.
Die Mercedes sind finanziert. Wir müssen jeden Monat die Raten begleichen. Vor der Corona-Zeit haben wir jeden Euro in den Zirkus gesteckt, konnten keine Rücklagen bilden. Wir können nicht in Holzautos rumfahren. Die Leute verlangen ein ordentliches Auftreten. Wir investieren in Lichter, Kostüme und unser Zelt. Da gehören auch Autos und Wohnwagen zu.

Der Vorschlag aus dem Netz: Jeden Tag eine Vorstellung vor 30 Zuschauern. Könnten Ihr Euch so über Wasser halten?
Nein. 30 Zuschauer decken nicht die Kosten einer Aufführung. Wir haben eine normale Bestuhlung, wenn wir umrüsten, dürften wir sogar 150 Zuschauer in unser Zelt lassen, damit könnten wir uns über Wasser halten. Die 20 000 Euro, die das kosten würde, haben wir aber nicht.

Sie haben geschrieben, dass Spendensammeln die einzige Möglichkeit ist, um sich über Wasser zu halten.
Das stimmt. Normalerweise bauen wir unser Zelt auf, machen unsere Aufführungen und reisen dann wieder ab. Wir wollen viel lieber arbeiten. Die Menschen reagieren unterschiedlich, wenn wir von Haus zu Haus ziehen. Einige sind unfreundlich und schicken uns sofort wieder weg, dann schämt man sich, wenn man beim nächsten Haus wieder klingeln muss.

Ein Blick in die Zukunft: Welche Perspektive hat der Zirkus noch?
In einigen Anhängern gibt es keine Öfen, kommt der Winter, dann fangen wir an zu frieren. Die Show muss weitergehen. Wir sind nicht der einzige Zirkus, der in dieser Situation ist. Die Schausteller wurden vergessen, der Staat hat uns hängen lassen. Wir sind auf der Suche nach Auftritten an der frischen Luft – in Schulen, Kindergärten, Seniorenheimen oder so. Es haben sich Leute gemeldet, die wollten das wir an einem Tag vier Vorführungen geben. Dafür sollten wir 150 Euro bekommen, das mussten wir ablehnen. Wir wollen uns nicht ausnutzen lassen. Wir sind ein kleiner Zirkus in der 7. Generation, wir machen das, um Spaß und Freude zu vermitteln, leben für die Emotionen unserer Zuschauer.

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