Tausende Tiere 

Zu viele Schweine bleiben länger im Stall - Landwirt macht Verluste

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4700 Schweine hat der Oberenser Landwirt Wymar Schlösser in seinen Ställen. 250 werden wöchentlich geschlachtet.

Oberense - Billiges Fleisch, strenge Auflagen und ein wachsender „Schweine-Stau“ – die Situation für Schweinezüchter ist nicht einfach. Wymar Schlösser hat auf seinem Betrieb in Oberense rund 4700 Tiere. 250 werden in der Regel wöchentlich geschlachtet. 

Der 33-Jährige erwartet nach der Corona-Krise einen großen Strukturwandel in der Schweinezucht.

Der Landwirt, der mit seiner Mistgabel im Strohhaufen steht, sei in den Köpfen vieler Menschen noch immer ein Bild für idyllische Landwirtschaft. Das sei aber veraltet: „Warum soll ich die Mistgabel benutzen, wenn ich mit dem Traktor viel schneller bin“, sagt Wymar Schlösser. Der 33-jährige Landwirt aus Oberense hat ein abgeschlossenes Masterstudium in Agrarwissenschaft. Mittlerweile arbeitet Schlösser auf dem elterlichen Hof in Oberense. Insgesamt hat der Betrieb rund 4700 Schweine – 250 werden wöchentlich in Schlachthöfe verkauft. Die Schließung der Tönnies-Betriebe in Rheda-Wiedenbrück hat auch den Oberenser getroffen. Rund 20 Prozent der gesamten Schlachtkapazitäten seien so weggefallen. Und auch nachdem der Schlachthof den Betrieb wieder aufgenommen hat, können deutlich weniger Tiere geschlachtet werden. „Das können die anderen Betriebe gar nicht auffangen, da auch insgesamt Arbeiter für diesen Sektor fehlen“, sagt Schlösser. Das führt dazu, dass immer mehr Tiere nicht geschlachtet werden können.

„Wir sind kein industrieller Betrieb, der die Maschinen einfach abschalten kann“, sagt Wymar Schlösser. Er rechnet vor, dass es rund neun Monate dauern würde, ehe weniger Schweine auf dem Markt seien, wenn jetzt weniger Sauen besamt werden. Die Ställe sind voll, die Schweine bleiben länger bei den Landwirten.

Wenige Cents mehr für Veränderungen

„Es gibt eine Gewichtsmaske in den Schlachthöfen“, erklärt Wymar Schlösser, sind die Tiere zu leicht oder zu schwer, gibt es für die Landwirte Abzüge – allein für die Abzüge durch das Übergewicht verlieren die Landwirte aktuell bis zu 25 Euro pro Schwein, hinzukommt ein Preisverfall beim Schweinefleisch. „Wir legen Geld drauf“, sagt er.

Schlösser erwartet, dass die Situation auch Opfer fordert: „Es wird passieren, dass Landwirte bedingt durch diese Krise aus der Landwirtschaft aussteigen oder keinen Nachfolger mehr für ihren Betrieb finden.“ Die Landwirtschaft befinde sich in einem großen Strukturwandel.

Schlösser bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen Tierwohl und Verdienstmöglichkeit. „Gibt es zwischen 50 und 70 Cent pro Kilogramm mehr, reiche das, um Veränderungen zu gewährleisten.“ Dafür müsse es aber einen Schulterschluss zwischen Landwirten, Schlachthöfen und Einzelhandel geben. „Wir brauchen politische und gesellschaftliche Sicherheit“, fordert Schlösser, der für Veränderungen offen ist. „In der medialen und öffentlichen Wahrnehmung zählt unser Betrieb zur Agrarindustrie“, sagt er. Mit nur wenigen hunderten Tieren in seinen Ställen sei das Geschäft aber keinesfalls rentabel – egal welche Haltungsform Schlösser wählt. Die Größe eines Betriebs sei zudem kein Indikator dafür, wie gut oder schlecht die Haltungs- und Produktionsbedingungen sind, so der Landwirt weiter.

Konkurrenz aus dem Ausland

Laut Statistischem Bundesamt geben die Deutschen weniger als 14 Prozent ihrer Ausgaben für Lebensmittel aus. Ein Großteil der Ausgaben fließt demnach in Wohnkosten. Der Griff zum Billigfleisch im Supermarkt sei Alltag, sagt Schlösser. Das Billigfleisch sei dabei aber keine Frage der Herkunft der Tiere, sondern meist eine der weiteren Verarbeitung. Seine Hoffnung ist, dass der Einzelhandel sich geschlossen hinter die deutschen Landwirte stellt und nicht auf Fleisch aus dem Ausland zurückgreift, weil es billiger im Einkauf ist und nicht von Tönnies stammt. Denn generell seien die Qualitätsstandards hierzulande deutlich höher. Denn in Konkurrenz mit Landwirten aus dem Ausland, können deutsche Schweinezüchter wegen der strengen Auflagen und höheren Lohnkosten gar nicht treten, erklärt Schlösser. Brasilien, Spanien und die USA, nennt er als Beispiele. Er zweifelt daran, dass in diesen Ländern strengere Haltungs- und Produktionsbedingungen als in Deutschland vorherrschen.

Kennzeichnung und ehrliche Diskussion

Auch die Hoffnung, dass es nach den Problemen bei Tönnies statt der wenigen großen Schlachtbetriebe viele kleinere Schlachthöfe geben wird, hält Schlösser für unrealistisch. „Dafür sind die Auflagen viel zu groß“, sagt er, die würden selbstverständlich auch bei einer eigenen Hofschlachtung gelten und machen diese daher unattraktiv. Vielmehr müsse man aufpassen, dass sich die Schlachthöfe nicht aus Deutschland zurückziehen und im Ausland produzieren, denn das würde wohl das Aus der deutschen Schweinezüchter bedeuten. Wymar Schlösser glaubt, dass die heimische Landwirtschaft die Verbindung zum Konsumenten schon vor vielen Jahrzehnten verloren hat. „Niemand weiß heute mehr, woher die Produkte kommen und wie viel Arbeit dahintersteckt. Es wurde einfach nie dafür geworben. Dieses Rad lässt sich nun sehr schwer zurückdrehen.“

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