Tausende Euro Lohnnachzahlung

Happy End für philippinische  Lastwagen-Fahrer

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Ihr Leben im Lkw unter unwürdigen Bedingungen mussten die philippinischen Fahrer verbringen – für einen Hungerlohn.

Triumph für die Gewerkschaft und viel Geld für jene philippinischen Lkw-Fahrer, die im vergangenen November im Höinger Gewerbegebiet gestrandet waren.

Höingen -  Die Männer, die monatelang Opfer schweren Lohndumpings geworden waren, haben Anspruch auf gesetzlichen Mindestlohn in Deutschland und können mit einer Nachzahlung von 1000 bis 2000 Euro pro gearbeitetem Monat rechnen. Das teilt der Deutsche Gewerkschaftsbund mit, der monatelang für die Belange der Lkw-Fahrer gekämpft und Strafanzeigen gestellt hatte.

Die Philippinos waren über die dänische Firma Kurt Baier nach Europa gelockt worden und hatten die Arbeitsverträge bei einer polnischen Tochterfirma unterzeichnet. Die dänische Firma wiederum war vom Höinger Logistikunternehmen NTG gebucht worden.

Ihre Arbeitsbedingungen waren katastrophal, berichtet die Gewerkschaft. Die Fahrer hätten provisorisch im Freien gekocht, ihre Wäsche in alten Bottichen auf dem Pflaster des Parkplatzes gewaschen, ihre Wochenenden hätten sie ohne fließendes Wasser verbringen müssen. Zudem hätten sowohl Grundgehalt als auch Spesen noch weit unter dem gelegen, was die Gewerkschafter normalerweise aus Lohnabrechnungen polnischer Verträge kennen. Laut Arbeitsverträgen verdienten die Fahrer gerade einmal 428 Euro. Bei 200 Arbeitsstunden im Monat kamen sie somit auf zwei Euro pro Stunde.

Polizei stoppt die Lkw

Als im November 2018 die Zustände öffentlich wurden, griff die Polizei ein und stoppte die Lkw. Der Höinger Logistikunternehmer NTG kündigte daraufhin die Verträge mit seinem dänischen Subunternehmer.

Aus dem Schneider ist NTG damit aber offensichtlich nicht. Nach Angaben der Gewerkschaft müsse der deutsche Auftraggeber die satte Nachzahlung an die Philippinos zahlen. Der Hintergrund dafür ist, wie die ganze Geschichte, kompliziert.

Anspruch auf den deutschen Mindestlohn hätten die Fahrer, weil sie ständig vom Gelände des deutschen Auftraggebers, eben in Ense, losgefahren und in der Regel auch dorthin zurückkehrt waren, so der DGB. Weil aber der polnische wie auch der dänische Arbeitgeber alle an sie gestellten Lohnforderungen ignoriert hätten, seien die Gewerkschafter an den deutschen Auftraggeber in Ense herangetreten – auf Grundlage der so genannten "Generalunternehmerhaftung“.

Laut Gewerkschaft habe das Unternehmen die Forderungen auch bereits übernommen. NTG selbst hält sich zu dem Fall noch bedeckt. Auf Anzeiger-Anfrage wollte ein Geschäftsführer keine Stellungnahme abgeben. Ein Gewerkschaftssprecher zeigte sich zufrieden: Der positive Abschluss bilde „ein wichtiges Signal für andere Fahrer, die sich in einer ähnlichen Situation befinden“. „Es ist auch in dieser Branche möglich, sich gegen ausbeuterische Beschäftigungsformen zu wehren“, so Michael Wahl vom DGB-Projekt „Faire Mobiltät“.

Ausgebeutet von Subunternehmer-Ketten

So funktioniert das Lohndumping im Lkw

Die philippinischen Lkw-Fahrer bekamen laut Gewerkschaft einen Stundenlohn von gerade einmal zwei Euro. Wie ist das möglich in einer Branche, in der ein deutlich höherer Mindestlohn gezahlt werden muss? Die niederländische gewerkschaftsnahe Stiftung FNV-VNB hatte seit Monaten zu den undurchsichtigen Arbeitsbedingungen der dänischen Firma Kurt Baier recherchiert, berichtet der DGB. 

Demnach warb das Unternehmen über eine polnische Briefkastenfirma Lkw-Fahrer aus Drittstaaten wie Sri Lanka und den Philippinen an. Viele Fahrer, die nicht aus der EU kommen, seien formal in Polen angestellt – das sei aufgrund von bilateralen Abkommen mit bestimmten Drittstaaten möglich, heißt es. In Polen, so der DGB, steigen die Fahrer allerdings nur in einen Minibus und werden zu ihrem eigentlichen Arbeitsort in Westeuropa transportiert. Im Falle der philippinischen Männer lag ihr Arbeits- und Lebensmittelpunkt in Ense. 

Hier hausten sie in ihren Lkw und auf dem Parkplatz des deutschen Auftraggebers. Subunternehmerketten seien auch in der Logistikbranche gängige Praxis. So könnten die Löhne gedrückt werden, denn die osteuropäischen Verträge sehen oft nur ein Grundgehalt vor und das orientiert sich am Mindestlohn – allerdings am Mindestlohn im Land des Arbeitgebers, in diesem Fall Polen. Dazu kommen Spesen, die abgaben- und steuerfrei sind. Insgesamt liegt der Lohn damit bis zu 1000 Euro unter dem Verdienst, den ein Fahrer aufgrund des deutschen gesetzlichen Mindestlohnes verdienen könnte.

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