Chorgemeinschaft tritt heute im Finale an

Werden Höinger der "beste Chor im Westen"?

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„Singt das Ah nicht so, als hätte Euch eine Biene gestochen!“ Chorleiter Stefan Risse spart bei den Proben nicht mit lockeren Sprüchen.

Höingen - Für die Chorgemeinschaft Höingen/Voßwinkel gehen heute aufregende Wochen zu Ende, wenn sie im Finale des TV-Wettbewerbs „Der beste Chor im Westen“ auf- und antritt.

Im Fernsehen war er schon mal. „1962 war das, als Messdiener beim Dreikönigssingen“, lacht Thomas Wittmann, Vorsitzender MC Cäcilia 1892 Voßwinkel, die mit dem MC Liederkranz Höingen 1898 vor zehn Jahren zur Chorgemeinschaft Voßwinkel-Höingen fusionierte. Gelegentlich auch mal, wenn man der Lokalzeit des WDR seine Amateurvideos vom Chor geschickt hatte, um für wenige Sekunden in den Kulturtipps gezeigt zu werden. Und in einem weiteren Beitrag waren sie kurz zu sehen, wie sie auf dem Soester Weihnachtsmarkt sangen. Aber in einem solchen Ausmaß wie im Rampenlicht und im Zentrum der Aufmerksamkeit wie beim Wettbewerb „Der beste Chor im Westen“? Eine ganz neue Erfahrung für die rüstigen Herren der Chorgemeinschaft. 

Die drei Dutzend Sänger stehen in einem Nebenraum der Schützenhalle Voßwinkel und singen sich ein. Es ist Montagabend, 19.30 Uhr, die erste von drei finalen Proben. Der Blick in die Runde zeigt: Der Altersdurchschnitt liegt über der Pensionsgrenze. Doch scheint das gemeinsame hochgesteckte Ziel dafür zu sorgen, dass die Herren, denen 2009 und 2014 der Titel „Meisterchor“ verliehen wurde, die Lust am Gesang nicht verlieren. Mit gut 35 Sängern ist der Männergesangverein erstaunlich gut bestückt für ein Exemplar, das zu seiner aussterbenden Spezies zählt. 

Wenn die Sangesbrüder nun heute Abend im Finale des Chorwettbewerbs antreten, haben sie eine straffe Woche hinter sich, und da kommt ihnen ihr Alter entgegen: Die wenigsten mussten gestresst von der Arbeit zur Probe kommen, sondern kamen ganz in Ruhe und „relaxt“ von daheim. Drei Proben von Montag bis Mittwoch, gestern die Generalprobe in Köln. 

„Uns geht es um Authentizität“

Diese drei Proben seien jedoch zwingend nötig, „denn wir haben das Stück, das wir fürs Finale ausgewählt haben, bislang etwas vernachlässigt, weil wir gar nicht damit rechneten, dass wir es brauchen würden“, sprich, ins Finale zu kommen, übt sich Chorleiter Stefan Risse mehr als nur ein wenig in Bescheidenheit. An diesen Abenden geht es um Feinschliff, um Dinge, die der Laie gar nicht so heraushört. Die Jury dagegen schon. Denn die sei nun wirklich vom Fach, lobt Wittmann. 

„Ich hatte sie mir viel weniger fachmännisch vorgestellt, aber die vier wissen, wovon sie reden“, meint er. Rolf Schmitz-Malburg vom WDR-Rundfunkchor etwa, „der steht musikalisch ganz oben“, die Australierin Jane Comerford, nicht nur Sängerin bei „Texas Lightning“, sondern selber Dozentin für Gesang, erkenne genau, was sich gesangstechnisch vor ihren Augen und vor allem Ohren abspiele, auch Popsängerin Natalie Horler, die sich dabei etwas jugendlicher ausdrücke, und Ex-Bro’Sis-Sänger Giovanni Zarrella? „Der ist auch Showmensch, musikalisch aber nicht minder versiert als die anderen.“ Vor allem „drücken die sich alle sehr positiv aus, denn sie haben es mit Laien zu tun und wollen sie nicht knicken, sondern bestärken“, hat Wittmann festgestellt. 

Risse geht ebenso vor. Keine Kritik, kein Tadel, eher viel Witz. Immer wieder haut er lockere Sprüche raus: „Singt das ,ah‘ nicht so, als wäret Ihr gerade von einer Biene gestochen worden“, zieht er die Baritone auf, ein anderes Mal meint er: „Beim letzten Ton soll jeder im ganzen Sauerland und im Rheinland wissen: Diesen Ton wollten die genau da hin haben, statt dass die sich sagen müssen: Au, das aber knapp.“ 

„Wir waren immer ganz cool drauf“

 Was die anderen Chöre singen werden, wissen die Männer nicht. Sie selber haben sich für das Stück „Al lado de mi cabana“ entschieden, zu deutsch „Die kleine Hütte“, ein spanisches Volkslied, das sie teils im iberischen Original, teils in der teutonischen Fassung singen, „ein interessantes und fetziges Lied“, meint Risse, „wieder was anderes als das heitere ,Männer mag man eben‘ oder das ernste ,Pater Noster‘, aber bewusst kein Popsong in englischer Sprache, denn das passt nicht zu uns. Wir wollen authentisch rüberkommen. Dieses Stück müssen wir jetzt auf die erforderlichen 150 Prozent bringen, und da sind wir noch lange nicht. Wenn wir nach der ersten dieser drei Proben bei 85 Prozent sind, dann haben wir schon viel erreicht.“ 

Der Anfang des Dreivierteltakters ist jedoch multilingual: „La la la la“ singen der Tenor und der erste Bass in der Einleitung, der Bariton singt ein lang gezogenes „Ah“, der zweite Bass brummelt sein „dum dum dum duuuh“. Risse ändert das lalala in ein dann-dann-deranndannda ab. Das lässt sich besser absetzen, verschleift weniger, „dieses ,da‘ wird besser als jedes ,la‘, das wir je gesungen haben. Warum sind wir erst jetzt auf die Idee gekommen und nicht schon vor 20 Jahren?“ lacht er. 

Ja, im Dorf sei man jetzt Ortsgespräch, meint Wolfgang Schrage, Vorsitzender der Höinger Chorhälfte, wie Popstars komme man sich jedoch nicht vor: „Klar, man wird von allen angesprochen, auch von Höingern, mit denen man jetzt nicht vielleicht täglich zu tun hat, die sind alle wirklich hellauf begeistert von uns.“ 

Mit Herzblut sind die Sänger bei der Sache. Man merkt ihnen den Spaß an der heutigen Herausforderung förmlich an.


Wie zur Bestätigung steht zu Beginn ein Sänger auf, er solle schön von einem Freund grüßen, „der war so begeistert, der hat mir 50 Euro in die Hand gedrückt, wir sollen uns hübsch davon einen trinken“, hebt er mit der Aussicht auf das Bierchen nach der Probe die Stimmung noch einmal erheblich. 

Normalerweise tritt man als Männerchor ja eher in Schützenhallen und Kirchen auf, doch kaum je auf solch einer Bühne, in solch einem Licht und vor einem Publikum im Saal und vor den TV-Geräten daheim. Nervös sei man bei den Auftritten dennoch nicht gewesen, „wir waren eigentlich ganz cool drauf und sahen cool aus“, meint Schrage, „wir stehen da und singen unseren Part und fertig. Anfangs war es höchstens etwas ungewohnt, aber mittlerweile kennt man die Räumlichkeiten. Man geht hin, dann ist man da und fühlt sich auch wohl.“ 

Und im Backstage-Bereich lasse sich der WDR nicht lumpen, erzählt Schrage: „Was man alles aus einer Wirtshausgarnitur machen kann, so fein mit Hussen eingedeckt, alles sehr edel. Die Versorgung ist super, es gibt genug zu trinken, was für die Stimme wichtig ist, und auch Kleinigkeiten zu essen.“ Alles laufe wie ein Uhrwerk, „die Betreuung ist top durchorganisiert. Alle tragen Headsets und geben fremdgesteuert genau auf die Sekunde Kommando, wann es zum Einsingen geht.“ Die Produktion sei absolut seriös, auch bei den ersten Aufzeichnungen sei am Stück und ohne Schnitt gefilmt worden. 

Die letzte Vorbereitung heute Abend besteht nun darin, „dass wir einfach froh gelaunt sind und schauen, was auf uns zukommt. Wichtig ist für uns, dass wir gut vorbereitet sind“, schließt Schrage.

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