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Bäckerei-Räuber erbeutete 95 Euro im Kreis Soest - jetzt steht das Urteil fest

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Von: Klaus Bunte

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Wegen eines „versuchten“ schweren Raubes muss sich ein 22-jähriger Meinerzhagener im Amtsgericht Lüdenscheid verantworten.
Da das Amtsgericht in Werl fürchtete, das zu erwartende Urteil überschreite die eigenen Befugnisse, reichte den Fall ans Landgericht weiter.  © dpa

Im zweiten Anlauf kam es dann doch zum Urteil: Zu einer zweijährigen Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilte das Landgericht Arnsberg in dieser Woche einen früheren Enser, der beschuldigt wurde, am 24. Oktober 2018 mit vorgehaltenem Küchenmesser die Bäckerei Jürgens überfallen zu haben.

Höingen/Arnsberg - Das Urteil mag zunächst verwundern, denn eigentlich war von einer deutlich härteren Strafe auszugehen, zumal eine noch ausstehende einjährige Freiheitsstrafe einbezogen wurde. Doch schwerer Raub wird laut Strafgesetzbuch mit einer Freiheitsstrafe von mindestens drei Jahren bestraft, „wenn eine Waffe, ein gefährliches Werkzeug, sonst ein Werkzeug oder Mittel mitgeführt wird, um den Widerstand einer anderen Person durch Gewalt oder Drohung mit Gewalt zu verhindern oder zu überwinden oder eine Person in die Gefahr einer schweren Gesundheitsschädigung gebracht wurde“. Dem Angeklagten drohen sogar mindestens fünf Jahre Gefängnis, wenn er die Waffe auch „verwendet“, so der juristische Fachterminus.

Bäckerei-Raub im Kreis Soest: Täter zeigt sich plötzlich geständig

Darunter fallen auch bereits das Zücken des Messers und das Bedrohen der Verkäuferin, ohne sie damit auch nur zu berühren. Allerdings hatte die Staatsanwaltschaft schon in der Anklageschrift erklärt, dass auch ein „minderschwerer Fall eines besonders schweren Raubes“ infrage komme.

Der Überfall und seine juristische Aufarbeitung

Am 24. Oktober 2018 wurde die Höinger Filiale der Bäckerei Jürgens kurz vor der Öffnung von einem jungen Mann überfallen. Mit einem vorgehaltenen Küchenmesser griff er in die Kasse und erbeutete nur 95 Euro, da sich zu diesem Zeitpunkt nur das Wechselgeld darin befand, aber nicht ein einziger Cent Tageseinnahmen. Der vermeintliche Täter wurde früh ermittelt, doch bis zur gerichtlichen Aufarbeitung zog viel Zeit ins Land. Erstens, weil die Justiz keinen Anlass sah, ihn in Untersuchungshaft zu nehmen, also weder die Gefahr sah, dass er flieht, Beweismittel vernichten kann oder erneut zuschlägt. Wäre er in U-Haft genommen worden, hätte der Fall priorisiert innerhalb weniger Monate verhandelt werden müssen. Zudem fürchtete das Amtsgericht, das zu erwartende Urteil überschreite die eigenen Befugnisse, und reichte den Fall ans Landgericht weiter. Denn mehr als vier Jahre Gefängnis kann ein Amtsgericht nicht verhängen. Obendrein führte Corona im ersten Lockdown auch zu einem Stillstand im Gerichtswesen. Beim Auftakt vor sechs Wochen musste das Landgericht abbrechen. Das verdankte es einer Zeugin, der damaligen Partnerin des Angeklagten. Was sie Ende 2019 der Polizei gegenüber zu Protokoll gegeben habe, werde schon der Wahrheit entsprechen, meinte sie zwar. Doch aufgrund ihrer damaligen Drogensucht und familiärer Probleme habe sie eine Therapie gemacht, aufgrund derer sie alles vergessen habe – auch, dass ihr Ex ihr damals gestanden habe, eine Bäckerei überfallen zu haben, sie dies damals ausgesagt habe, oder dass ihr Ex sie schon einmal körperlich verletzt haben soll. Das mochte der Staatsanwalt ihr nicht glauben, er beantragte daher die Ladung weiterer Zeugen. Doch innerhalb der drei Wochen, in denen das Gericht die Verhandlung fortsetzen kann, ohne komplett abbrechen zu müssen, fand sich kein freier Termin. In dieser Woche sollten neben den bisherigen fünf weitere Zeugen gehört werden. Aufgrund der Geständigkeit des Täters wurden alle wieder heimgeschickt.

Dafür sprachen letztlich etliche mildernde Gründe. Zunächst einmal war der 28-Jährige plötzlich geständig. So wurden lediglich erneut die Bäckereifachverkäuferin sowie zusätzlich der psychologische Sachverständige gehört, alle anderen Zeugen wurden ungehört wieder heimgeschickt. Die Angestellte trug offenbar keine psychischen Schäden davon, die Beute war extrem gering und diente zur Finanzierung der Alkohol- und Drogensucht zum Tatzeitpunkt, die für eine verminderte Steuerungsfähigkeit sprachen.

Insofern konnten sich Anklage und Verteidigung auf ein sehr geringes Strafmaß verständigen, dem sich die Strafkammer anschloss.

Bäckerei-Raub im Kreis Soest: Suchtberatung und 100 Sozialstunden

Der Angeklagte hat sich nunmehr drei Jahre lang straffrei zu halten, wird der Aufsicht eines Bewährungshelfers unterstellt, muss regelmäßigen Kontakt zur Suchtberatung nachweisen und 100 Sozialstunden ableisten. Der frühere Enser, den es zuletzt über Arnsberg nach Osnabrück verschlagen hatte, kann also seine angestrebte Ausbildung zum Gärtner in dem Betrieb machen, in dem er bereits arbeitet – und nicht in der JVA.

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