„Opa, geht‘s noch?“: Willi Schauer mit seinem Enkel auf dem Jakobsweg

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Willi Schauer zeigt seinen Pilgerpass: Nach seiner ersten Tour allein ging er nun zusammen mit seinem Enkel auf dem Jakobsweg.

Bad Sassendorf - Christian Mantei machte Nägel mit Köpfen:„Opa, es wird Zeit. Wir wollen gemeinsam über den Jakobsweg pilgern.“ Der Großvater, Willi Schauer, hatte ihn mit den Schilderung vieler schöner Erlebnisse auf dem Pilgerweg, den er 2006 gegangen war, immer wieder begeistert.

Der 34-Jährige war neugierig geworden, wollte – wenn auch nicht wie der Großvater auf 800 Kilometern – zumindest auf einer kürzeren Strecke unvergessliche Eindrücke sammeln. „Drei Jahre lang hat er gebohrt. Im Juli ging sein Wunsch in Erfüllung“, berichtete der 81-Jährige Sassendorfer. Wie damals bei seiner großen Tour machte er sich frühzeitig an eine stichhaltige Planung für eine immerhin 113 Kilometer lange Strecke. Schauer musste den passenden Startpunkt finden und überlegen, was er sich selbst noch zutrauen konnte. Die Wanderung mit dem Enkel ließ sich wunderbar mit dem Campingurlaub der Schauers verbinden, den sie in jedem Jahr in Spanien verbringen. Das Ehepaar fuhr voraus, der Enkel reiste mit dem Flugzeug nach. 

20 Kilometer pro Tag

Willi Schauer und sein Enkel Christian Mantei sitzen mit ihrem Gepäck auf einem Campingplatz.

„Als Startpunkt bot sich der Ort Sarria an, den wir vom Campingplatz aus gut erreichen konnten. Um 21 Uhr bestiegen wir den Nachtzug in Tarragona, um 9 Uhr am anderen Tag kamen wir in Sarria an.“ Willi Schauer überließ nichts dem Zufall, hatte die Fahrkarten bereits in Soest gekauft. Damit die Übernachtungen gewährleitet waren, buchte er auch die Zimmer in Hotels und Pensionen schon vorab. „Es kann einem passieren, dass Herbergen und Hotels kein freies Zimmer mehr zur Verfügung haben und man fünf Kilometer und mehr bis zum nächsten Ort laufen muss“, weiß Schauer aus Erfahrung. 20 Kilometer hatten sich Opa und Enkel täglich zum Ziel gesetzt und die haben sie letztlich ohne große Blessuren geschafft. 

Mit leichtem Gepäck und dem Pilgerpass in der Tasche bewältigten sie die erste, 23 Kilometer bis nach Portomarin. Vor vielen Jahren hatte man den Ort zugunsten eines Sees abgeräumt. Allein die alte Kirche Sao Nicolás wurde Stein für Stein wieder aufgebaut. 

Von Landschaft und Menschen begeistert

Kirchen, Sehenswürdigkeiten, die schöne Landschaft und die Pilger aus vieler Herren Länder, die ihnen freundlich mit dem Pilgergruß „Buen Camino“ begegneten – was den Opa schon vor elf Jahren begeisterte, faszinierte auch Enkel Christian. Der Junior war sehr gut zu Fuß, sorgte sich um den Senior. „Opa, geht‘s noch? Das musste ich mir öfter anhören“, erzählt Willi Schauer, lächelnd, wohlwissend, dass der junge Mann es nur gut meinte. 

Zum Glück kommt ein Bus vorbei

Ausgeruht ging es weiter von Portomarin nach Palas de Rey. Der Anstieg war beinhart und der 81-Jährige befürchtete schon, dass er sich zu viel zugemutet hatte. Mit mentaler Unterstützung des Enkels und kleinen Pausen ging es aber munter weiter. In elf Jahren hat sich einiges verändert. Diese Erfahrung machte auch Willi Schauer. „Es gab viel mehr neue Herbergen und Stationen zum durchatmen, bis wir endlich die Herberge San Marcos erreicht hatten.“ Das nächste Ziel war Arzia, der letzte Ort vor Santiago de Compostela. „An dem Tag sollte unsere Wegstrecke 40 Kilometer lang sein“, erinnert sich Schauer an die längste Etappe. Zum Glück entdeckte der Enkel plötzlich einen Linienbus, der sie ein paar Kilometer mitnahm. 

Weihrauchgefäß schwingt durch die Kirche

Mit letzter Kraft erreichten die beiden Pilger das Hotel Pico Sacro. „Wir hatten unser Ziel erreicht und erlebten am nächsten Tag in der Kathedrale eine Messe mit aktivem Botafumeiro. Für mich ein ganz besonderes Geschenk“, strahlt der Senior: „Der Botafumeiro ist ein uraltes Weihrauchgefäß, das sechs Mönche während der Messe an einem langen Seil durch die Kathedrale schleudern.“ Als die Pilger früher noch in der Kirche übernachten durften, sei damit der Geruch gemildert worden, der von so vielen Menschen auf engem Raum ausging. Santiago de Compostela ist der Ort, der bei Willi Schauer das Verlangen geweckt hat, über den Jakobsweg zu pilgern. „Von unserem Campingplatz aus haben meine Frau und ich die Stadt im Urlaub 1999 besucht. Ich sah nur strahlende Augen, blickte in fröhliche Gesichter. Da hat mich das Pilgerfieber gepackt“, erinnert er sich. 

Zwei Bücher sind entstanden

Von dem Zeitpunkt an beschäftigte er sich intensiv mit dem Camino, wurde unter anderem Mitglied bei den Jakobsfreunden Paderborn. Mittlerweile ist Schauer ein Experte auf diesem Gebiet, hat zwei Bücher geschrieben, besitzt etliche Fotos und bietet Kurzpilgertouren auf Strecken des hiesigen Jakobsweges an. Dritte Tour zu dritt? Die Begeisterung des Opas hat den Enkel vor Ort angesteckt. Neben all den vielen Eindrücken auf der Strecke gab es auch ein kulinarisches Erlebnis für den jungen Krankenpfleger: der Genuss von Sardinen, die ohne Messer und Gabel an Kopf und Schwanz gefasst und verspeist werden. „Da musste ich so viele Kilometer reisen um diese leckeren Fische erstmals zu essen“, meinte er schmunzelnd. 

Christian Mantei würde gern mit dem Opa noch einmal pilgern. Wieder daheim meldete auch der jüngere Enkel, Stefan Mantei (32), Interesse an. Vielleicht starten sie einmal zu dritt. „Wenn ich gesund bleibe, warum nicht?“, sagt Willi Schauer.

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