„Verschickungskinder“ verlangen Gehör

Anhörung im Landtag mündet in Forderung nach Aufklärung auf Bundes- und Länderebene

Diesen drei Jungs scheint das Solebad im Holzbottich ganz gut zu gefallen. Es gab, auch in Bad Sassendorf, allerdings öfters „Verschickungskinder“ die ihren Aufenthalt in ihrem Kinderkurheim als sehr belastend erlebt haben.
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Diesen drei Jungs scheint das Solebad im Holzbottich ganz gut zu gefallen. Es gab, auch in Bad Sassendorf, allerdings öfters „Verschickungskinder“ die ihren Aufenthalt in ihrem Kinderkurheim als sehr belastend erlebt haben.

Das Schicksal der „Verschickungskinder“, die in den Jahrzehnten seit den 1950-Jahren reihenweise in Kinderkurmaßnahmen geschickt wurden, muss umfangreich aufgearbeitet werden. Dieser Grundkonsens lässt sich nach der Anhörung im Landtag in Düsseldorf feststellen. Einigkeit bestand auch darin, dass die Aufklärungsarbeit insbesondere auf Bundesebene erfolgen muss, weil die traumatisierenden Erlebnisse der Verschickungskinder sich von der Küste bis zu den Alpen ähneln. Während jedoch Einrichtungen wie die Kommunalen Spitzenverbände, Diakonie oder Caritas zunächst auf diese bundesweite Erforschung setzen, betonen unter anderem die Vereinigungen der Betroffenen, dass das Leid der Betroffenen auch in den jeweiligen Bundesländern aufgearbeitet werden muss. Eine Verlagerung der Aufklärung auf die Bundesebene könnte auch eine Verlagerung der Verantwortung bewirken, befürchtet die SPD-Landtagsfraktion in einer Pressemitteilung.

Wenngleich vieles noch offen ist, die Anhörung im Landtag darf gleichwohl als Erfolg für die Vereinigungen der Verschickungskinder angesehen werden. So konnte der Verein zur „Aufarbeitung Kinderverschickungen NRW“ seine Forderung nach einem „Runden Tisch“ mit Verantwortlichen aus Politik sowie seitens der Träger und Betroffenen bekräftigen, um die Aufklärung voranzubringen. Ziel müsse eine umfassende Dokumentation von Einzelschicksalen und Verantwortlichkeiten sein.

Man muss anerkennen, dass viele Kinder unter den Kuren und den dort erfahrenen Handlungen gelitten haben.

Dennis Maelzer, SPD-Landtagsabgeordneter

Zudem zeigt die Anhörung, dass das Thema mehr und mehr wahrgenommen wird. Dies machte in einem Statement der SPD-Landtagsabgeordnete Dennis Maelzer deutlich, der die Anhörung mit seinem Fraktionskollegen Josef Neumann initiiert hatte. „Wir stehen am Beginn der Aufarbeitung eines weiteren dunklen Kapitels deutscher Nachkriegsgeschichte und der damals geltenden Sicht auf das Kind“, erklärte Maelzer, „auch wenn nicht für alle Kinder diese Kuren mit traumatischen Erlebnissen einhergegangen sind und nicht das gesamte Personal gedemütigt, erniedrigt oder missbraucht hat, so muss man dennoch anerkennen, dass viele Kinder unter den Kuren und den dort erfahrenen Handlungen gelitten haben.“

Es müsse anerkannt werden, dass dies keine Einzelschicksale seien, sondern strukturelle Missstände. Wichtig sei es, die Initiativen der Verschickungskinder über eine Geschäftsstelle bei der Vernetzung zu unterstützen. Eine wissenschaftliche Aufarbeitung oder Runde Tische mit den beteiligten Organisationen und Kostenträgern seien weitere Elemente.

Wir müssen das Unrecht aufklären – und zwar in ganz Deutschland.

Charlotte Quik, CDU-Landtagsabgeordnete

Ähnlich äußerte sich die CDU-Abgeordnete Charlotte Quik: „Wir müssen das Unrecht aufklären – und zwar in ganz Deutschland.“ Die Anhörung habe deutlich vor Augen geführt, dass das Unrecht und Leid, das Verschickungskinder zwischen den 1950er- und 1980er-Jahren erdulden mussten, ein Massenphänomen war. Quik: „Schläge und Demütigungen in den Kinderkuren waren keine Begleiterscheinung, sie hatten System.“

Quik wies in ihrem Statement darauf hin, dass die Aufarbeitung in Nordrhein-Westfalen durch eine Arbeitsgruppe im Gesundheitsministerium intensiv betrieben werde. So werde die Archivarbeit bei den ehemaligen Trägern der Verschickungsheime koordiniert, um einen Überblick über die Zahl der Betroffenen in NRW zu erreichen. An der Aufklärung werde auch die Initiative Verschickungskinder NRW beteiligt, die dafür eine Projektförderung vom Land erhält.

Damit gehöre NRW zur Spitze bei der Aufarbeitung. Diese dürfe aber nicht jedes Bundesland für sich betreiben. Kinder aus NRW seien nicht nur innerhalb des Landes verschickt worden. Gleiches gelte für die anderen Bundesländer. Die Aufarbeitung müsse über Ländergrenzen hinweg erfolgen. Dazu brauche es eine zentrale Erforschung, die insbesondere auch vom Bund vorangetrieben werden müsse.

Dr. Lena Krull, die an der Uni Münster das Projekt „Kinderkuren in Westfalen“ betreut, betonte, dass ein landesweites interdisziplinäres Forschungsprojekt in Anbindung an die Universitäten wünschenswert sei, um die organisatorischen Strukturen des Kinderkurwesens systematisch aufzuarbeiten.

Als „Verschickungskind“ auf Kinderkur

Insbesondere in den 1950 bis 1980er Jahren wurden Kinder im Alter ab etwa vier Jahre in Deutschland in großer Zahl in mehrwöchige Kinderkuren geschickt. Oft sollte es darum gehen, untergewichtige oder kränkliche Kinder aufzupäppeln. Allein in NRW gab es Schätzungen zufolge etwa 180 Kindererholungsheime, hinzu kommen 46 Einrichtungen des Landes, für die NRW-Institutionen Verantwortung trugen.

Bad Sassendorf bildete mit einer großen Zahl an Einrichtungen geradezu ein Zentrum für solche Kinderkuren. Größere Einrichtungen waren die Kinderheilanstalt als Vorläuferin der heutigen Kinderfachklinik, das Kinderkurheim St. Agnes, das DAK-Kinderkurheim auf der Hepper Höhe oder die Kinderkureinrichtung der Harpener Bergbau AG. Hinzu kamen kleinere, privat geführte Häuser. Gemäß den seit einigen Jahren bekannt gewordenen Schilderungen musste viele der ehemaligen „Verschickungskinder“ während der Kur harte Behandlungen, Unterdrückung oder Zwangsmaßnahmen, etwa beim Aufessen der Speisen, ertragen. Auch Schläge und andere Misshandlungen kamen vor.

Dieser Umgang mit den Kindern war in den Einrichtungen bundesweit relativ ähnlich. Die Betroffenenverbände machen dafür insbesondere die Kontinuität einer aus der Nazi-Zeit übernommenen „schwarzen“ Pädagogik verantwortlich, wonach der Wille eines Kindes gebrochen werden musste, damit es sich bedingungslos einfügte.

Strenge Hierarchien oder ein Betreuungsschlüssel mit wenigen Betreuern für viele Kinder können andere Gründe dafür gewesen sein, dass in den Einrichtungen auf ein straffes Regiment geachtet wurde, erläutert Jeanette Metz von den Westfälischen Salzwelten. Das Museum beschäftigt sich in Kooperation mit der Uni Münster seit einigen Jahren mit dem Schicksal der Kurkinder. Ziel des Forschungsprojekts ist unter anderem die Ausarbeitung eines digitalen Rundgangs zum Thema Kinderkur im Ort.

Der digitale Ortsrundgang soll Einblicke in die Perspektive der Kinder und der anderen Beteiligten, wie Familien oder Mitarbeitenden, bieten. Auf diese Weise sollen Zusammenhänge dargestellt werden. Quellenbasis für die Entwicklung der Geschichte sind die im Rahmen einiger Lehrveranstaltungen und darüber hinaus geführten Zeitzeugeninterviews ehemaliger Verschickungskinder.

Zur Entwicklung des digitalen Rundgangs findet am 28. und 29. Juli, jeweils von 10 bis 17 Uhr mit den Studierenden und den Mitarbeitern des Museums in den Salzwelten ein Workshop statt. Die Projektpartner würden sich sehr freuen, wenn ehemalige Betroffene, Mitarbeitende oder Bad Sassendorfer Einwohner sich an dem Projekt beteiligen, um die Geschichte der Kinderkur möglichst realistisch darstellen zu können. Finanziert wird das Projekt zu einem großen Teil durch das Preisgeld des Citizen-Science-Wettbewerbs der Uni Münster in Höhe von 7.500 Euro.

Weitere Informationen und Anmeldungen zu dem Workshop bei Museumsleiterin Jeanette Metz, E-Mail metz@salzwelten.de, Telefon 02921/9433421.

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