Schickal der Verschickungskinder

Wie war es als kleines Kind allein ohne Eltern auf Kur in Bad Sassendorf?

Projekt Verschickungskinder, Kinderkur
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Zu Bad Sassendorf gehören auch Geschichten der Verschickungskinder. Dass sie gehört werden, das möchten erreichen: Lena Krull als Mitarbeiterin der Universität Münster, Detlef Lichtrauter, Landeskoordinator der Initiative Verschickungskinder, die Studenten Matthias Bade (vorn), Lukas Duisen und Jennifer Krüger sowie Jeanette Mentz (3. von rechts) von den Westfälischen Salzwelten. 

Wie es den Jungen und Mädchen, die oft gerade mal sechs, sieben Jahre alt waren, in den Kinderkurheimen ergangen ist, das wird derzeit in einem Forschungsprojekt untersucht, das von den Westfälischen Salzwelten in Zusammenarbeit mit der Uni Münster durchgeführt wird.  Die Inititaoren möchten einen digitalen Ortsrundgang aus der Sicht eines Kur-Kindes erstellen.

Bad Sassendorf – Petra ist vielleicht acht oder neun Jahre alt, ein lebhaftes Kind. Ihre Mutter ist Hausfrau, ihr Vater Arbeiter. Das Kind ist aufgeregt, denn es fährt zur Kur... So beginnt die Geschichte um ein Mädchen aus Dortmund, das in den 60er-Jahren nach Bad Sassendorf kommt, um sich außerhalb des Reviers zu erholen. Petra ist eine fiktive Figur, die jedoch exemplarisch für viele Verschickungskinder steht. Was hat sie wohl erlebt? Wie ist es ihr ergangen? Das sind nur zwei der Fragen eines zweitägigen Workshops in den Westfälischen Salzwelten. Ehemals Betroffene, Bad Sassendorfer Bürger, Mitarbeiter der früheren Heime und Heilanstalten berichten aus ihrer Sicht.

Sie alle kommen sozusagen als wissenschaftliche Experten zu Wort. Mit der Uni Münster und den Westfälischen Salzwelten entwickeln sie einen digitalen Rundgang per Smartphone durch das Heilbad in der Börde. Mithilfe einer App und der Methode des Storytellings soll in einem Handlungsstrang der Kur-Alltag früher lebendig werden. Petra ist die Erzählerin. Wie war das damals, als sie am Bahnhof eintraf? Wie fiel wohl die Begrüßung durch die „Tanten“ aus? Freudig und herzlich? Oder bekamen die jungen Gäste gleich einen Dämpfer? Und die erste Nacht ohne Eltern? Fürchteten sich die Kinder? Litten sie unter Heimweh? Fühlten sie sich allein oder gelang es ihnen, schnell Freunde zu gewinnen? Ahnten sie, dass es keine unbeschwerten Ferien sind? „Die Besucher werden emotional mitgenommen auf die Reise – mit allen Hochs und Tiefs“, erklärt Jeanette Metz vom Museum „Westfälische Salzwelten“.

Das Forschungsprojekt rückt das Kinderkurwesen in Westfalen in den Blick. Es geht um Kinder, die zu Tausenden „verschickt“ wurden, sie sollten aufgepäppelt werden, an der guten, frischen Luft zu Kräften kommen. Ein sehr komplexes Thema. Viele Kinder machten leidvolle Erfahrungen, andere bewahren gute Erinnerungen.

„Es liegt uns fern, zu pauschalieren und zu sagen, dass alles schlecht war“, meint Detlef Lichtrauter von der Initiative Verschickungskinder, „doch wir möchten aufräumen mit dem Mythos eines Kinderkur-Paradieses.“ Neunzig Prozent aller Berichte von Betroffenen seien negativ bis dramatisch. Das Projekt betrachtet er als wichtigen Schritt zur Aufarbeitung – ein Beispiel, das auch in anderen Orten Schule machen sollte, um miteinander ins Gespräch zu kommen und „die Politik wachzurütteln“. Diesen Dialog mit unterschiedlichen Positionen aus der jeweiligen Perspektive betont auch Dr. Lena Krull als Mitarbeiterin der Universität Münster.

Die Geschichte steht. Nun bekommt Petra ein Gesicht, als 3-D-Charakter macht sie sich künftig mit Interessierten auf den Weg. Die Studenten stehen nun vor der Aufgabe, kurze, mitreißende Texte zu schreiben. Dazu kommen rein sachliche vertiefende Erklärstücke. Informationen liefern unter anderem mehr als vierzig Interviews.

Dass ein Bedarf besteht, dieses Kapitel zu beleuchten und über die Geschehnisse aufzuklären, zeigten Veröffentlichungen oder eine Anhörung im Landtag, so die Initiatoren. Der Ortsrundgang soll Einblick in die Seelenlage der Kinder geben, aber auch die Anschauung anderer Beteiligter, wie zum Beispiel der Eltern, spiegeln.

Das Kur-Kind Petra stellt sich seinen Zuhörern voraussichtlich im nächsten Jahr vor. Wer es kennenlernen möchte, geht dann auf die Internet-Seite der Salzwelten.

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