"Wir waren beide zur falschen Zeit am falschen Ort"

Nach schwerem Unfall: Frau kämpft bis heute mit Schmerzen - das erwartet den Verursacher

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Bei einem schweren Unfall im April 2019 zwischen Soest und Weslarn wurde eine Frau aus Warstein schwer verletzt. Bis heute hat das Unfallopfer mit Schmerzen und Albträumen zu kämpfen.

Bei einem schweren Verkehrsunfall zwischen Soest und Weslarn wurde eine Frau aus Warstein im April 2019 lebensgefährlich verletzt. Ein Transporter war auf ihre Fahrspur geraten. Jetzt wurde das Urteil gegen den Unfallfahrer gesprochen.

Soest/Bad Sassendorf – Wie geriet der junge Mann an jenem Morgen in den Gegenverkehr, sodass er frontal auf ein anderes Fahrzeug auffuhr und dessen Fahrerin mit dem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus geflogen werden musste? Mit dieser Frage beschäftigte sich das Soester Amtsgericht.

Der Unfallfahrer hatte gegen seinen Strafbefehl Einspruch eingelegt, um sich zu erklären. Der 32-jährige Paketfahrer aus Ahlen befand sich am 26. April vergangenen Jahres gegen 9.23 Uhr auf dem Weslarner Weg in Richtung Soest. Die Straßenlage sei ruhig und die Sicht gut gewesen, es habe wenig Verkehr geherrscht, räumte er vor Gericht ein. 

Und doch geriet er mit seinem Sprinter in einer Kurve auf die Gegenspur und stieß dort mit dem Kleinwagen einer 60-jährigen Warsteinerin zusammen

Nach schwerem Unfall: Warsteinerin hat bis heute Nervenschmerzen

Während er bereits am folgenden Tag das Krankenhaus verlassen konnte, wurde sie so schwer verletzt, dass sie mit einem Helikopter abtransportiert werden musste. Und noch heute leidet sie unter den Folgen. Aufgrund eines Schädelhirntraumas lag sie im Koma, konnte danach eine Weile nicht richtig sprechen, war halbseitig gelähmt und vorübergehend auf einem Auge blind. Sie verbrachte knapp fünf Monate in Krankenhäusern und in der Reha. 

Heute hat sie Nervenschmerzen im Arm und im Bein, ist dort hypersensibel, selbst ein Duschstrahl bereite ihr Schmerzen. Sie hat mit Gleichgewichtsstörungen, deutlich eingeschränkter Mobilität und Depressionen zu kämpfen: „Ich kann nur noch kurze Strecken gehen, bin körperlich nicht mehr belastbar. Ich kann nicht einmal mehr mit dem Wäschekorb runter in die Waschküche gehen. Es ist von jetzt auf gleich ein anderes Leben geworden. Mehrmals die Woche träume ich nachts von meiner eigenen Beerdigung.“

Unfallopfer: "Wir waren beide zur falschen Zeit am falschen Ort"

Seit dem Unfall sei sie krank geschrieben, beziehe Unfallgeld und habe die Rente beantragt. Statt dem Unfallverursacher mit Hass zu begegnen, meinte sie nur ganz nüchtern: „Wir waren beide zur falschen Zeit am falschen Ort.“ Im Polizeibericht hieß es damals: „Warum der Sprinter zu weit nach links kam, konnte noch nicht geklärt werden. Ein Gutachter wird ein Rekonstruktionsgutachten erstellen."

Schwerer Unfall zwischen Soest und Weslarn: Frau aus Warstein in Lebensgefahr

Im Strafbefehl wurde dem Angeklagten Unachtsamkeit vorgeworfen. Vor Gericht machte er jedoch einen Defekt am Transporter geltend: Beim Herunterschalten habe die Kupplung geklemmt. 

Schwerer Unfall zwischen Soest und Weslarn: Kupplung soll geklemmt haben

Er habe kurz auf das Pedal geschaut, dadurch aber zu spät gemerkt, dass er auf die Gegenfahrbahn geraten war: „Ich bin sofort ausgestiegen und habe selber die Polizei verständigt. Als ich im Krankenhaus lag, habe ich die ganze Zeit an sie gedacht, es hat mir sehr zu schaffen gemacht. Ich habe versucht, sie zu besuchen, aber man ließ mich nicht.“ 

Er habe nur mit einem Arzt sprechen können, der sei überrascht gewesen, dass ein Unfallfahrer mit Blumen auftauchte, das habe er so noch nicht erlebt. Dass das Kupplungspedal geklemmt haben soll, erfuhr der Gutachter erst vor Gericht. 

Er habe unter anderem alle sicherheitsrelevanten Komponenten untersucht, der Fußraum sei durch den Zusammenstoß natürlich verformt gewesen, eine Fehlfunktionen der Kupplung habe er jedoch nicht festgestellt. Seine Nachforschungen ergaben, dass der Zusammenstoß für die Frau nicht mehr vermeidbar war, der Sprinter befand sich zu dem Zeitpunkt gut zur Hälfte über der Mittellinie. 

Dem Wunsch des Verteidigers auf eine mögliche Einstellung gegen Geldauflage oder gar einen Freispruch machten Richter und Staatsanwalt wenig Hoffnung. 

Vorwurf der Unachtsamkeit und Anklage wegen fahrlässiger Körperverletzung

Die Ausführungen des Angeklagten seien zwar glaubhaft, doch als Fahrer habe man den Blick auf die Fahrbahn zu richten. Es blieb also beim Vorwurf der Unachtsamkeit und der Anklage wegen fahrlässiger Körperverletzung. Immerhin ist der Mann nicht vorbestraft, auch seine Reue nahm das Gericht ihm ab. 

Für einen Paketboten bedeutet eine Geldstrafe in Höhe von 3150 Euro zuzüglich der Verfahrenskosten und ein einmonatiges Fahrverbot einen massiven finanziellen Einschnitt.

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