Über das Leben von Amtsbürgermeister Camen

Soester Heinz Pröpper ist auf der Suche nach Geschichten in der Geschichte

Der Soester Heinz Pröpper interessiert sich für Geschichten aus der Geschichte. Er recherchierte in alten Protokollen und nutzte Zeitungsberichte, um mehr über den Gemeindevertreter Friedrich Camen zu erfahren.
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Der Soester Heinz Pröpper interessiert sich für Geschichten aus der Geschichte. Er recherchierte in alten Protokollen und nutzte Zeitungsberichte, um mehr über den Gemeindevertreter Friedrich Camen zu erfahren.

Alte Protokolle, verstaubte Geschichten - da fühlt sich Heinz Pröpper pudelwohl. Der Soester mag die Aufzeichnungen vergangener Zeiten - und was sie über die Menschen von damals verraten. Wie ging es den Menschen? Mit welchen Themen beschäftigten sie sich? Welche Probleme belasteten sie?

Bad Sassendorf – Sich durch alte Protokolle zu graben, das mag mühevoll sein. Sicherlich gibt es kurzweiligere und einfachere Lektüren. Spannend werden die Aufzeichnungen von früher aber beim Lesen zwischen den Zeilen – und dann, wenn sie anschaulich den damaligen Alltag spiegeln.

Wie ging es den Menschen? Mit welchen Themen beschäftigten sie sich? Welche Probleme belasteten sie?

Der Soester Heinz Pröpper interessiert sich für Geschichten aus der Geschichte. Er recherchierte jetzt die Lebensstationen von Friedrich Camen (1884-1970), verdienter Bad Sassendorfer, der wegen seines langjährigen intensiven Einsatzes für das Gemeinwesen den Ehrenbürgerbrief entgegennehmen durfte.

Amtsbürgermeister war der Großvater der Frau

„Friedrich Camen ist der Großvater meiner Frau“, berichtet der 75-Jährige. Er wollte schon lange mehr über den Mann erfahren, über den er in seiner Familie bereits einiges gehört hatte, zum Beispiel über dessen Wirken als Gemeindevertreter sowie auch als Bürgermeister des Amtes Lohne. Friedel Dicke (1925-2006), unvergessener ehrenamtlicher Bürgermeister der Großgemeinde, hatte einmal erzählt, es sei sein Onkel, eben Friedrich Camen, gewesen, der ihn für die kommunalpolitische Arbeit begeistert habe. Nach dem Vorbild seines Onkels habe er sich den Sozialdemokraten angeschlossen.

Wer war der Mann, über den es in einer Niederschrift zur nichtöffentlichen Sitzung des Rates am 29. Oktober 1959 im Gasthof Hesse heißt, er habe im Einsatz um das Wohl des Gemeindelebens eine derartige Aktivität und ein uneigennütziges Verhalten gezeigt, dass er „weit über den Durchschnitt des Normalbürgers hinausgehoben“ ist? Diese Frage stellte sich Heinz Pröpper. Antworten fand er in den im Rathaus aufbewahrten Unterlagen sowie in den Beständen des Stadtarchivs in Soest mit Zeitungsberichten aus dem Soester Anzeiger sowie der Westfalenpost, die vor einigen Jahren ihren Redaktionssitz in Soest aufgegeben hat. In seinen monatelangen Nachforschungen sei er an beiden Stellen gut unterstützt worden, betont der Ruheständler.

Weichensteller kandidiert 1924 bei den Kommunalwahlen

Der Weichensteller Friedrich Camen fasste, so der Soester, im Frühjahr 1924 einen Entschluss mit weitreichenden Folgen: Er kandidierte erstmals bei den Kommunalwahlen. Heinz Pröpper: „In die Gemeindevertretung wurde er über eine Liste gewählt, da nach dem Ende des I. Weltkrieges bei Wahlen zu diesem Gremium bis zum Jahr 1933 die Zugehörigkeit zu einer politischen Partei keine Rolle spielte. Die Bewerber wurden nicht von Parteien aufgestellt, sondern als Wahlvorschlag existierte damals eine Liste, die seit den Wahlen vom 2. März 1919 von Carl Kruse angeführt wurde.“ Das war der Einstieg in einen Weg, den Friedrich Camen, unterbrochen während der Nazi-Zeit, bis in die 1960er Jahre fortsetzte, erklärt der Soester.

Besonders beachtlich findet er die Bandbreite des Engagements: Friedrich Camen war da und kümmerte sich, geht aus den Protokollen hervor. Nach Ende des II. Weltkrieges habe er früh auf die notwendige Verbesserung der Infrastruktur gedrungen. Das Geld war knapp in Bad Sassendorf. Was tun? Eine Anregung Friedrich Camens fand im Mai 1946 in einer Sitzung der Gemeindevertretung allgemein Zustimmung. Nun solle versucht werden, „zum Zwecke der Verschönerung unserer Gemeinde“ neue Einnahmen zu erschließen: „Herr Camen schlägt vor, eine Bettsteuer von Kurgästen zu erheben, und zwar pro Bett zehn Pfennig pro Gast.“

Friedrich Camen

Friedrich Camen engagierte sich 27 Jahre als Gemeindevertreter. Darüber hinaus setzte er sich seit 1946 für die Belange des Amtes Lohne ein. Von 1948 bis 1956 sowie 1958 bis 1961 wirkte er als Amtsbürgermeister. Nach dem Krieg gehörte er für vier Jahre dem Kreistag an. Als der Rat der Gemeinde Bad Sassendorf 1959 den Beschluss fasste, Friedrich Camen mit den Ehrenbürgerrechten zu würdigen, ging es auch um dessen Einsatz für das neue Ehrenmal und die Aktivierung des örtlichen Vereinslebens im gemeinnützigen Sinne. Friedrich Camen war als Weichensteller sowie Stellwerksmeister tätig und mit Lina Camen geborene Aleite verheiratet. Das Ehepaar hatte zwei Söhne und eine Tochter.

Der rührige Gemeindevertreter übernahm weitere Aufgaben, betätigte sich unter anderem im Ernährungsausschuss und als Obmann der Holzschlägerkolonnen. Unermüdlich stellte er Anträge und wies dann auch auf seiner Meinung katastrophale Verhältnisse hin. So richtete der Gemeinderat auf seine Initiative hin im Juni 1947 eine Beschwerde wegen der unzureichenden Fleischverteilung an die Behörden. Oft stand die sehr schwierige finanzielle Lage von Bewohnern auf der Tagesordnung. Es ging um die Stundungen des Wassergeldes, die Mietzahlungen, aber auch um die Gewährung direkter Beihilfen, sei es für die Beschaffung von Kartoffeln, Kohle, Hausrat, Mobiliar, Bekleidung, vor allem Wintermäntel für die Kinder oder Bettezug für Russlandheimkehrer.

Heinz Pröpper betrachtet die Leistungen der damaligen Mandatsträger mit großem Respekt. Sie tagten oft und dann vielfach bis in die tiefe Nacht hinein. Sein Fazit: „Friedrich Camen ging es durchaus darum, seine eigenen Vorstellungen umzusetzen, doch behielt er dabei auch den Ausgleich unterschiedlicher Interessen in der Bürgerschaft im Blick.“

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