Opa stirbt bei Unglück in Witaschütz

Armin Wiesner forscht - und stößt auf ein Zugunglück vor 100 Jahren 

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Armin Wiesner mit den Bildern vom Opa väterlicherseits als königlich-preußischer Reichsbahnzugführer (re.) und mit der Oma und Wiesners Vater.

Bad Sassendorf – Armin Wiesner hat für Schreibkurs ein Stück Familiengeschichte erforscht. Heraus kamen eindrucksvolle Schilderungen rund um ein Zugunglück vor 100 Jahren.  

Wenn Opa wieder mal den Kaiser zu Gast hatte auf der Strecke zwischen Berlin und Posen, dann hatte seine liebe Natalie die Uniform vorher mindestens zweimal gebürstet. In den Schuhen und dem Schirm der Dienstmütze, da konnte Seine allerkaiserlichste Majestät Friedrich Wilhelm Viktor Albert von Preußen sich drin spiegeln. 

Sein ergebener königlich-preußischer Reichsbahn-Zugführer Hermann Wiesner salutierte dann immer stramm, erstarrte vorschriftsmäßig in Ehrfurcht und wartete, bis auch der letzte Diener zugestiegen war. Dann kontrollierte er, ob alle Türen sicher geschlossen waren, gab dem Lokführer das Zeichen zur Abfahrt und sprang in sein Dienstabteil. 

Dass er dort mal sterben würde, vermutlich das frisch ausgewickelte Frühstücksbrot gerade in der Hand – er ahnte es nicht. Die vier polnischen Eisenbahndirektoren aus Warschau, die zwei Waggons weiter auch umkamen, hatten eher Abtretungsverhandlungen im Sinn – Posen durfte nicht mehr deutsch sein nach dem verlorenen Krieg, die Eisenbahn auch nicht. 

„Fast auf den Tag hundert Jahre ist das jetzt her – und ob die Weiche im Bahnhof von Witaschütz aus Dummheit oder aus Heimtücke falsch gestellt war, es ist nie aufgeklärt worden“, sagt der Enkel Armin Wiesner aus dem Lohweg in Bad Sassendorf heute.

Er zeigt ein Foto von damals, das gehört mit dazu zur nächsten Geschichte für den autobiografischen Schreibkurs: Stolz posiert Hermann – also ganz korrekt Hermann Adolf Wiesner – fürs Familienalbum. Rangierer war er zuerst, dann Bremser, Schaffner, Packmeister. Nun ist er Zugführer: Eine schöne Karriere. Vater Martin und Großvater Michael waren noch als freie Schäfer über Land gezogen, ab 1775 von Bad Brückenau in Bayern schließlich nach Posen gekommen.

Die Vorfahren sollen aus dem Salzburgischen stammen – aber die Quellenlage ist da dünn, erzählt Armin Wiesner. Das hier hat die Eisenbahndirektion Posen an den „Herrn Eisenbahn-Minister, Berlin“ gekabelt – viel mehr gibt es zu dem Unglück nicht: „Am 7. 2. 1919 um 6.55 vorm. stieß Sonder-Schnellzug 32 Warschau-Posen mit rangierendem Ngz. 9113 in Gleis 1 am Empfangsgebäude auf Bahnhof Witaschütz zusammen. Beide Lokomotiven und Packwagen entgleist und stark beschädigt, ebenso Schlafwagen, 2 Dz.wagen und 2 Güterwagen. Tot 2 Zugführer, 2 Reisende, verletzt 7 Beamte, 2 Reisende, […]“. „Fahrlässigkeit oder Attentat? 

Das und überhaupt die Schuldfrage blieb wegen der herrschenden politischen und territorialen Wirrnisse ungeklärt“, sagt Armin Wiesner, und das macht ihn traurig: „Es gibt einen Bericht, wonach zwei Aushilfen mit Namen Rozek und Pickert die Weichen gestellt haben. Die durften das gar nicht, denn das wäre Aufgabe ihres Vorgesetzten gewesen, des Fahrdienstleiters Kemper. Was aus ihnen wurde, ob sie später überhaupt jemand zur Rechenschaft gezogen hat – ich habe das nicht herausfinden können. Wohl aber, dass es sofort die Frage darüber gab, wer denn zuständig war, Deutsche oder Polen – das war ja alles im Umbruch zu der Zeit. So blieb es offiziell ein tragischer Unglücksfall, und der polnische Starost – bei uns wäre das wohl ein Landrat, der hat den Aktendeckel zugeklappt.“ 

Erst einen Tag vor dem Unglück, am 6. Februar 1919, war in Weimar die Deutsche Nationalversammlung zusammengetreten. 423 am 19. Januar und 2. Februar gewählte Mitglieder sollten endlich eine neue staatliche Ordnung beschließen, eine Verfassung auf den Weg bringen. Sie tagten bis zum 21. Mai. Am 11. Februar wählten sie Friedrich Ebert zum Reichspräsidenten, zwei Tage später Philipp Scheidemann, der am 9. November 1918 die Republik ausgerufen hatte, zum Reichsministerpräsidenten. Die Verfassung trat am 14. August in Kraft. Die Wiesners wollten nicht polnisch werden. Man hat sie ausgewiesen. Was sein Vater Lothar mit der Brücke von Arnheim und der Insel Texel zu tun hat, wie er kaufmännischer Leiter einer „Stinkfabrik“ in Lohne und später Gastwirt im Ort wurde, auch das hat Armin Wiesner recherchiert und in viele Geschichten verpackt, alles als Ergebnis des autobiografischen Schreibkurses. 

Die vielen Geschichten aus Lohne könnten durchaus ein Beitrag zum Gemeindejubiläum werden, überlegt Wiesner, da sei er mit den Planungen noch nicht durch. Mit der Geschichte über Joachim Kardinal Meißner auch noch nicht – aber der habe seine protestantische Wiesner-Verwandtschaft ohnehin nicht sehen wollen…

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