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Schicksal der Verschickungskinder erfordert mühsame Aufklärung

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Bis in die 1970er Jahre florierte das Kinderkurwesen auch in Bad Sassendorf und diese drei haben anscheinend wenig einzuwenden gegen das Bad in der Sole, viele „Verschickungskinder“ haben jedoch traumatische Erinnerungen.
Bis in die 1970er Jahre florierte das Kinderkurwesen auch in Bad Sassendorf und diese drei haben anscheinend wenig einzuwenden gegen das Bad in der Sole, viele „Verschickungskinder“ haben jedoch traumatische Erinnerungen. © Privat

Eigentlich sollten die Kinderkuren der Genesung und der Verbesserung des Allgemeinbefindens dienen. Für viele Kinder, die in eine Kur „verschickt“ wurden, führte die Maßnahme jedoch zu traumatisierenden Erlebnissen. Strafen, Demütigungen vor den anderen Kindern, Essenszwang, gewaltsame Behandlung, bisweilen auch Schläge, haben die Initiativen der „Verschickungskinder“ dokumentiert. Inzwischen läuft auf verschiedenen Ebenen die Aufarbeitung des Geschehens, allenfalls erste Einblicke zeichnen sich bisher ab, etwa darüber wie die Aufsicht über die Kinderkurheime, die es auch in Bad Sassendorf in größerer Zahl gab, organisiert wurde.

Bad Sassendorf – Die Arbeit in den Archiven dürfte sich jedoch noch hinziehen. Andererseits drängt sie auch, denn viele der einst betroffenen „Verschickungskinder“ sind inzwischen alt. Gleichwohl liegt ihnen die Aufklärung am Herzen. Das zeigt das Beispiel eines Warsteiners, der kurz vor seinem 80. Geburtstag steht und der anonym bleiben möchte.

Der Warsteiner, 1942 geboren, litt als Kind an einer hartnäckigen Lungenentzündung. Daher wurde er zunächst in der Kinderklinik in Soest und in der Warsteiner Fachklinik Stillenberg, heute LWL, behandelt. 1950 entschieden die Ärzte, den Jungen wegen eines Schattens, der sich bei Röntgenaufnahmen auf der Lunge zeigte, in die Lungenheilstätte Rheda zu schicken. Doch statt Heilung habe er Misshandlungen erlebt: „Es war schrecklich. Und ich war zu jung, um Briefe zu schreiben, Telefone gab es auch noch keine. Ich hatte keinen Kontakt zu meiner Familie.“

Es war schrecklich. Ich hatte keinen Kontakt zu meiner Familie.

Erinnerung eines Warsteiners an seine Kur 

Neun lange Monate habe er seine Mutter nur einmal für ganz kurze Zeit gesehen, weil ein Bekannter aus Warstein sie nach Rheda mitgenommen hatte. Zur Behandlung habe er fast immer ruhen müssen, tagsüber in der Liegehalle, nachts im Bett. Eine andere „Behandlung“ ist ihm ebenfalls in übler Erinnerung: „Im Wechsel mussten wir immer heiß und kalt duschen. Die Nonnen trugen Handschuhe, Gummistiefel und Schürzen. Wenn wir unter der Dusche weglaufen wollten, hielten sie uns fest. Egal wie wir schrien.“

Wie viele andere Verschickungskinder erlebte auch der Warsteiner das Essen als Trauma: „Es gab Bratkartoffeln und Nudeln, das mochte ich nicht. Ich lief zur Toilette und musste mich übergeben. Zur Strafe wurde ich von den Nonnen in einen dunklen Abstellraum gesperrt, danach musste ich die Reste noch aufessen.“

Wie sehr diese Erlebnisse bis heute nachwirken, zeigt sich beim Telefongespräch, ein ums andere Mal ringt der 79-Jährige hörbar mit den Tränen. Dabei, so betont er, möchte er die Aufklärung über die Abgründe der Kinderkuren noch erleben.

Das ist allerdings das Problem: Die Aufklärung der Geschehnisse wird sich noch hinziehen, aber immerhin ist sie inzwischen wie in mehreren Bundesländern auch in NRW in Gang gekommen. Neben den Veröffentlichungen durch die Initiativen von Verschickungskindern liegt eine erste wichtige Studie von Professor Dr. Marc von Miquel von der Dokumentations- und Forschungsstelle der Sozialversicherer vor. Im Auftrag des NRW-Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales liefert die Studie „Verschickungskinder in Nordrhein-Westfalen nach 1945 – Organisation, quantitative Befunde und Forschungsfragen“ einen Abriss des bisherigen Forschungsstandes und Anhaltspunkte für weitere Untersuchungen.

Wichtig ist demnach die Abgrenzung zwischen Erholungskuren und Kuren zu Heilzwecken. Noch zu klären ist daher zum Beispiel bezüglich der staatlichen Aufsicht, ob nun die Jugend- oder Landesjugendämter oder die Krankenhausaufsicht zuständig waren. Zumindest in einigen Fällen bezüglich der Kinderkurheime in Bad Sassendorf war zum Beispiel auch das Landesjugendamt involviert, berichtet Jeanette Metz vom Museum Westfälische Salzwelten, das über das Kinderkurwesen an einem Pilotprojekt mitwirkt. So hat Metz im Kreisarchiv Soest Berichte über Besichtigungen von Kurheimen durch das Landesjugendamt gefunden. Mängel an der baulichen Ausstattung oder Hinweise zur Personalausstattung lassen sich so erschließen.

Die Geschichte der Verschickungskinder thematisierten bei einem Treffen im Sommer 2021 (hinten von links) Lena Krull von der Uni Münster, Detlef Lichtrauter von der Initiative Verschickungskinder, Jeanette Metz von den Salzwelten und die Studenten Matthias Bade (vorn), Lukas Duisen und Jennifer Krüger.
Die Geschichte der Verschickungskinder thematisierten bei einem Treffen im Sommer 2021 (hinten von links) Lena Krull von der Uni Münster, Detlef Lichtrauter von der Initiative Verschickungskinder, Jeanette Metz von den Salzwelten und die Studenten Matthias Bade (vorn), Lukas Duisen und Jennifer Krüger. © Köppelmann, Heyke

Wie die Aufsicht beim LWL, dem zuständigen Landschaftsverband Westfalen-Lippe, konkret erfolgte, ist derzeit noch unklar, berichtet Pressesprecher Thorsten Fechtner. Zugleich verweist er darauf, dass das LWL-Archivamt derzeit eine Übersicht über die Archivbestände des LWL erarbeitet. Erste Ergebnisse seien in einem Aufsatz in der Zeitschrift „Archivpflege in Westfalen-Lippe“ Ende 2021 vorgelegt worden. In einem zweiten Schritt werde das LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte anhand der ersten Erkenntnisse „stichprobenartige Tiefenbohrungen“ vornehmen.

Dies, so Fechtner, könne weitere Antworten auf Fragen zur Aufsicht der Kinderkurheime liefern: „Derzeit lässt sich dazu noch nichts Konkretes sagen, die Informationslage ist noch zu dürftig oder ungeordnet. Wir erhoffen uns von den Forschungsergebnissen mehr Klarheit, rechnen aber nicht vor Herbst 2022 mit den Ergebnissen der Studie.“

Welche Erkenntnisse möglich sein können, scheint noch unklar. So berichtet LWL-Archivar Hans-Jürgen Höötmann in der von Fechtner angeführten Studie „Quellen zu Kinderkuren im Archiv des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe“, dass die Frage nach den Zuständigkeiten und der Ausübung der Aufsicht über die Heimträger eines größeren Rechercheaufwandes bedarf. Dazu heißt es in dem Aufsatz: „In einem Jahresbericht der LWL-Abteilung Erholungs- und Heilfürsorge aus dem Jahre 1979 wird ausgeführt, dass die Abteilung alle Beschwerden, Kritiken und Anregungen über Kurdurchführung, Kurablauf, ärztliche Versorgung und dem damit verbundenen Schriftwechsel mit den zuständigen Kurheimen und Entsendestellen führt. Solche Vorgänge spiegeln sich jedoch leider nicht adäquat in den Dienstregistraturen und dem daraus generierten Archivgut wider.“

Deshalb, so Höötmann, werde eine akribische Aktendurchsicht erforderlich. Der Aktenbestand biete sich zudem eher für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung an, für persönlich motivierte Forschungen, etwa zum eigenen Kurverlauf, seien keine Unterlagen vorhanden.

Erkenntnisse darüber, wie die Kinderkuren inhaltlich durchgeführt wurden, sind letztlich wohl eher anhand der persönlichen Erinnerungen der „Verschickungskinder“ und des Personals möglich. Diese Mitarbeiter, sofern sie noch leben, sind folglich eine wichtige Quelle.

Darstellung aus der Sicht eines Kurkindes

Das beschauliche Bad Sassendorf: Wie hat das wohl ein Kurkind erlebt, das von der Familie getrennt nach längerer Eisenbahnfahrt inmitten einer großen Schar unbekannter Kinder am Bahnhof von den „Tanten“ aus dem Kinderkurheim in Empfang genommen wurde? Genau diese Perspektive soll eine digitale Darstellung bieten, die von der Uni Münster und den Westfälischen Salzwelten im Rahmen eines Förderprojekts erarbeitet wird. Die Umsetzung dauert allerdings noch ein wenig, weil sich die digitale Darstellung aufwendiger als erwartet darstellt, berichtet Museumsleiterin Jeanette Metz. Die digitale Darstellung soll einen Rundgang durch den Kurort bieten und an einschlägigen Stationen Informationen über das Kinderkurwesen bieten. Die Erfahrungen ehemaliger Kurkinder sollen ebenso berücksichtigt werden, wie Informationen über die Heime oder bestimmte Sachzwänge.

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