Ein Lipödem ist häufig familiär bedingt

Krankenkasse zahlt Fettabsaugen zum Geburtstag: Der lange Leidensweg von Charise (20)

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Die 20-jährige Charise aus Bad Sassendorf, die an einem Lipödem leidet, hat einen langen Leidensweg hinter sich. Just an ihrem Geburtstag unterzog sie sich in der Plastischen Chirurgie des Klinikums Lüdenscheid dem chirurgischen Eingriff des Fettabsaugens.

Für ihre Mitschüler war die heute 20-jährige Charise aus Bad Sassendorf immer nur „die Dicke“. Sie wurde gehänselt, gemobbt und wegen ihres Aussehens mit schlimmsten Schimpfwörtern bedacht. 

Lüdenscheid/Bad Sassendorf - Mehrfach wechselte die gelernte Kinderpflegerin die Schule, um den psychischen und physischen Mobbingattacken ihrer Mitschüler zu entgehen. Sie leidet an einem Lipödem und befindet sich derzeit in Behandlung der Klinik für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie/Handchirurgie am Klinikum Lüdenscheid.

„Diäten haben bei mir noch nie etwas gebracht“, erzählt sie. „Ich habe sämtliche Diäten ausprobiert. Es bringt bei mir gar nichts.“ Auch das Reiten, durch das sie ihre Fettpölsterchen loswerden wollte, brachte nicht den gewünschten Erfolg. „Meine Arme und Beine wurden immer dicker.“ 2016 diagnostizierten Ärzte Stadium 2 der Fettverteilungsstörung, die häufig jahrelang unentdeckt bleibt und für Betroffene – in der Regel Frauen – einen langen Leidensweg mit sich bringt. 

Auch Charise litt sehr unter ihren „Reiterhosen“, gegen die keine Diät, kein Sport, weder Disziplin beim Essen noch regelmäßige Bewegung halfen. Seit knapp einem Jahr hat die 20-Jährige, die mittlerweile in der Altenpflege arbeitet, die dritte Stufe und damit die schwerste Ausprägung der belastenden, noch nicht heilbaren Krankheit erreicht.

Operation am 20. Geburtstag

Just an ihrem 20. Geburtstag unterzog sie sich in der Plastischen Chirurgie des Klinikums Lüdenscheid dem von der Krankenkasse genehmigten und bezahlten chirurgischen Eingriff des Fettabsaugens. „Das ist ganz neu“, erläutert Max Meyer-Marcotty. „Seit Januar 2020 wird ab Lipödem Stadium 3 nach Ausschöpfen der konservativen Therapiemaßnahmen und nach Behandlung eines gegebenenfalls ebenfalls bestehenden deutlichen Übergewichts von der Krankenkasse übernommen.“

Um Betroffenen helfen zu können, verwendet die Klinik ein hochmodernes Liposuktionsgerät, das auf Wasserstrahltechnik basiert. Mehrere kleine Operationen sind nötig, um die Behandlung zu einem erfolgreichen Ende zu führen. „Ein Lipödem ist häufig familiär bedingt“, weiß der Klinikchef. Neben der psychischen Belastung und Stigmatisierung, die die Krankheit mit sich bringt, nennt der Klinikchef zahlreiche körperliche Beschwerden, die Betroffenen das Leben zur Hölle machen – angefangen bei Einlagerungen von Flüssigkeit, die starke Schmerzen verursachen können, über Hämatome und einer Neigung zu Besenreisern bis hin zu Bewegungseinschränkungen. Als konservative Behandlungsmöglichkeiten verschaffen Kompressionsstrümpfe, Lymphdrainage und eine komplexe physikalische Entstauungstherapie mit mehreren Maßnahmen den Patienten anfangs gemeinhin Linderung ihrer Beschwerden.

Drei Millimeter langer Schnitt

Ist die Krankheit weit fortgeschritten, kann mit Hilfe der Fettabsaugung ein nachhaltiger Erfolg erzielt werden. Unter örtlicher Betäubung oder in Vollnarkose („Ist zu empfehlen“) führt die Klinik die Eingriffe durch. Ein bis vier Eingriffe sind notwendig, um zu einem befriedigenden Ergebnis zu kommen. Als sanfte Methode wendet Max Meyer-Marcotty die Wasserstrahl-assistierte Liposuktion (WAL), die schonendste Form der Fettabsaugung, an. „Durch den feinen Wasserstrahl wird das Fettgewebe mit minimalem Kraftaufwand herausgelöst und gleichzeitig abgesaugt“, erläutert er. Um die Fettabsaug-Kanüle einzuführen, ist ein drei Millimeter langer Schnitt nötig. Im Interesse der maximalen Patientensicherheit sollten in einer Sitzung nicht mehr als sechs Liter Fett abgesaugt werden. Bei solch großen Mengen ist ein stationärer Aufenthalt von ein bis zwei Tagen erforderlich. „Bei kleinen Mengen können die Patienten auch nach Hause gehen.“ Nach der OP unterstützt eine Kompressionshose den Straffungseffekt.

Lipödem, Fettverteilungsstörung

Von einem Lipödem, einer chronischen Störung der Fettverteilung im Körper, sind hauptsächlich Frauen betroffen. Häufig wird die Krankheit mit der Fettsucht (Adipositas) verwechselt. Die Fettverteilungsstörung kann im Zusammenhang mit Übergewicht auftreten, sie kann aber auch sehr schlanke Frauen treffen. Sport und Diäten bringen bei einem Lipödem keinen Erfolg. Die Ursache für das Entstehen der Krankheit ist nicht eindeutig geklärt. Vermutet werden genetische oder hormonelle Gründe. Häufig beginnt die Krankheit nach der Pubertät, nach einer Schwangerschaft oder in der Menopause. Das Lipödem betrifft praktisch ausschließlich Frauen und ist bei Männern extrem selten. Zum Thema veranstaltet Max Meyer-Marcotty am 31. Juli (18 Uhr) ein Zoom-Webinar. Wer daran interessiert ist, kann sich im Sekretariat unter Rufnummer 0 23 51/46 31 29 oder per E-Mail melden, um die Zugangsdaten zu bekommen. Die Zoom-App ist kostenlos.

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