Lindenplatz-Klinik arbeitet an Reha für den Alltag

Professor Thomas Jöllenbeck: "Wir machen den Gang zur Melodie"

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Große Geräte im Institut, kleine für den Alltag: Das ist das Ziel von Professor Thomas Jöllenbeck.

Bad Sassendorf - Er ist ein Fachmann für Bewegung und er plant den ganz großen Wurf: Professor Dr. Thomas Jöllenbeck, Leiter des Instituts für Biomechanik der Klinik Lindenplatz, arbeitet an einer Reha für den Alltag. Patienten sollen so auch noch lange nach der stationären Reha an ihrem Gangbild arbeiten. Letztlich sollen sie nachhaltig wieder richtig gehen lernen. Nico Rading sprach mit dem Orthopäden über sein ambitioniertes Projekt.

Herr Professor, wie würden Sie in einem Satz das Projekt Reha To Go RehaTo Go beschreiben? 

Wir möchten, dass unsere Patienten lernen, wieder richtig zu gehen.

Wo liegen bisher die Probleme? 

Fakt ist, dass unsere Patienten die Reha verlassen und dann immer noch deutliche Defizite in ihrem Gangbild aufweisen. In dieser Phase ist die medizinische Relevanz bereits heruntergefahren. Die Menschen sind wieder gut mobilisiert. Doch die Defizite sind eben noch da. Wir haben das in verschiedenen Forschungsarbeiten nachgewiesen und sichtbar gemacht – nach Kniegelenksersatz oder nach Hüftgelenksersatz. Wir wollen jetzt auch die dann noch vorhandenen Defizite so weit wie möglich minimieren. Dafür braucht man Zeit. Und zwar viel mehr als die drei Wochen Reha es ermöglichen. Da kommt das Projekt ins Spiel… Genau, wir entwickeln zusammen mit unseren Projektpartnern Werkzeuge, mit denen die Patienten, lernen können, wieder möglichst normal zu gehen. Eine Lösung für Zuhause. Die müsste dann vermutlich möglichst schlicht funktionieren... In der Forschung haben wir untersucht, welcher Parameter eigentlich der Wesentliche für den Patienten ist. Dazu sind wir zunächst mit sehr komplexen Messungen an die Sache herangegangen. Am Ende ist ein Parameter übrig geblieben, den wir auch später draußen im Alltag „trainieren“ möchten. Das ist beispielsweise der Kniegelenkswinkel nach Kniegelenksersatz. Exakt an dieser Stelle stehen wir jetzt: von einer komplexen Messung in der Klinik hin zu einer einfachen außerklinischen Alltagsmessung mit Bewegungs-Feedback (Rückmeldung). Worauf kommt es dabei an? Dem Patienten klar zu signalisieren, ob er – vereinfacht gesprochen – richtig oder falsch geht. Die Ansage: „Ein bisschen mehr beugen, ein bisschen mehr strecken“, hilft da nicht. Deshalb haben wir als Verfahren die Sonifikation für unsere Zwecke weiterentwickelt. Wir vertonen den Gang. So entsteht eine „Melodie der Bewegung“. Die Patienten können den Unterschied zwischen operierter und nicht operierter Seite hören. Sie sollen dann selbst dafür sorgen, dass dieser Unterschied kleiner wird und sich natürlich dabei an der nicht operierten Seite orientieren. Sie erhalten somit direkt beim Gehen ein Feedback.

Gibt es diese Differenzen auch bei nicht operierten Menschen? 

Es gibt immer Abweichungen, etwa durch geringe Beinlängendifferenzen. Da sprechen wir von wenigen Prozent. Im Rehabereich haben wir es aber mit Asymmetrien von 15 oder 20 Prozent zwischen operierter und nicht-operierter Seite zu tun. Übrigens geht auch jeder Mensch etwas anders. Das ist normal. 

Welche Folgen hat ein falscher Gang? 

Ein Mensch in Bewegung ist ein komplexes System. Vereinfacht formuliert, sind Oberkörper und Kopf die Transporteinheit und hüftabwärts reden wir von der Antriebseinheit. Wenn die Antriebseinheit nun einseitige Defizite oder Asymmetrien aufweist, dann wirkt sich das auf das Becken aus. Von dort wiederum zeigen sich Konsequenzen für die Transporteinheit, die im Wesentlichen durch die Wirbelsäule gestützt wird , die somit ebenfalls betroffen ist. Das konnten wir auch bereits durch unsere Forschungen hier vor Ort erstmals nachweisen. Diese Problemkette, gilt es zu verhindern. Schon jetzt hat jeder dritte Deutsche Rückenbeschwerden, eine der wichtigsten Ursachen für Arbeitsunfähigkeit.

Sie haben für Ihr Projekt viele Partner ins Boot geholt: Andere Mediziner, Hochschulen, IT-Experten und das Fraunhofer-Institut. Warum braucht es so viel geballtes Know-how? 

Ein alltagstaugliches Mess-System, das sozusagen direkt am Menschen angebracht wird und zuverlässig funktioniert, ist keine so banale Aufgabe, wie es zunächst scheinen mag. Dazu brauchen wir eine völlig neue Mess-Technik. Das kleinere Problem ist dabei die Sonifikation, das größere das reine Mess-System für den Alltag. Dieses basiert auf sogenannten „RFID-Tags“ – Chips wie wir sie zum Beispiel auf unseren EC-Karten zur kontaktlosen Datenübertragung nutzen – muss aber für unsere Zwecke viel exakter sein als es bislang möglich ist. Wir brauchen dazu viel höhere Frequenzen als die bisher verwendeten. Wir betreten mit dem Projekt in vielen Bereich Neuland. Deshalb benötigen wir eben viel Kompetenz aus vielen Bereichen, neben der Medizin zum Beispiel auch aus der Radartechnik, der Mechanik, der Robotik, der App-Entwicklung und der Chip-Entwicklung. Am Ende soll der Patient das System mit einem Smartphone oder einer Smartwatch nutzen können. Die RFID-Tags könnten sollen in der Kleidung, zum Beispiel in den Socken positioniert werden.

 Welche Rolle kommt der Klinik Lindenplatz zu? 

Von uns kam zunächst der Anstoß. Wir arbeiten kontinuierlich weiter an der Melodie der Bewegung. Das angesprochene Feedbacksystem muss auf die neue mobile Messtechnik aufgeschaltet werden. Gleichzeitig gehören wir zu den klinischen Partnern, die sich unter verschiedenen Gesichtspunkten mit der Praktikabilität befassen. Aus der Region ist auch die Universität Paderborn im Boot, bei der ich als außerplanmäßiger Professor tätig bin. Der dortige Arbeitsbereich Psychologie und Bewegung unter der Leitung von Professor Matthias Weigelt führt mit mir gemeinsam über die Uni Paderborn das Projekt durch. 

Ist ein Einsatz des Systems, wen es denn reif ist, auch in anderen Bereichen als der Orthopädie denkbar?

 Ja, man könnte erhofft sich auch, das Fortschreiten einer Parkinson-Erkrankung oder von Multipler Sklerose an der Entwicklung des Ganges messen zu können. So ließe sich eine viel bessere Behandlung und Medikation leisten als heute, wo die Ärzte von weitaus schlechteren Beobachtungsmethoden abhängig sind. Letztlich ist alles denkbar, was bewegungsmäßig erfasst werden kann. Das gilt übrigens auch für die Bewegung von gesunden Menschen. Ein weiteres bedeutsames Feld liegt hier in der Arbeitsmedizin. Insgesamt könnte es die Möglichkeiten zum Vermeiden von Fehlbewegungen revolutionieren.

Wo liegt der Benefit für den Klinikstandort?

Alleine an unserer Klinik haben wir zirka 4000 Patienten jährlich, denen wir durch das Projekt hoffentlich viel besser helfen können. Wir forschen an unserer Klinik, damit wir wissen, was in der Praxis wie funktioniert, aber entscheidend ist, die Ergebnisse dann auch zum Wohle der Patienten in unserer Holding und später auch darüber hinaus einsetzen zu können. Die Klinik Lindenplatz kann man getrost als Leuchtturm bezeichnen, eine zweite Einrichtung dieser Art in der orthopädischen Reha gibt es in Deutschland nicht.

Gibt es den perfekten Gang? 

Es gibt keine DIN-Norm für den perfekten oder richtigen Gang. Jeder von uns geht etwas anders. Selbst Hochleistungssportler – Läufer, Werfer, Springer – bewegen sich zwar in der Spitze im Ergebnis vergleichbar erfolgreich, aber jeder erreicht seine Leistung mit einer etwas anderen, eben seiner individuellen Technik. Folglich kann keiner perfekt sein. Das Leistungsprinzip sollte im übrigens für Freizeitsportler im Sinne ihrer Gesundheit möglichst keine Rolle spiele

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