Schlechte Qualität und komplizierte Handhabung

„Kinder haben geweint“: Schulleiterin im Kreis Soest kritisiert Test-Sets

An den Schulen gilt die Testpflicht. Die neuen Antigen-Selbstest-Kits stoßen im Kreis Soest allerdings auf wenig Begeisterung.

Bad Sassendorf - Schon die Hülle des Wattestäbchens aufzureißen, braucht Übung. Der zehnjährige Benjamin zieht, probiert ein paarmal hin und her, dann hat er es geschafft. Das ist aber nur einer von insgesamt 16 Schritten.

Am Ende der langwierigen Prozedur steht das fünfzehnminütige Warten auf das Ergebnis. Ist es positiv oder negativ? „Habe ich mich mit dem Coronavirus infiziert?“

Testpflicht an Schulen: Deutliche Kritik

Der Fünftklässler, der sich am Dienstag bereit erklärte, den Versuch zu machen, schaut gebannt auf den Streifen im Sichtfenster der Kassette. Er kennt sich ganz gut aus und weiß: Das C steht nicht für Corona, sondern für Control. Spannend bleibt es aber auch für ihn, endlich zu wissen, auf der sicheren Seite zu sein.

Fünftklässler Benjamin (10) dreht den Wattestab in jedem Nasenloch, um einen Abstrich zu nehmen.

Armgard Steinbrück, Leiterin der INI-Gesamtschule, übt deutliche Kritik an den neuen Antigen-Selbstest-Kits, die am ersten Schultag nach den Ferien eingetroffen sind. Sie bemängelt die mindere, billige Qualität des Materials wie das Röhrchen und den Tupfer für den Nasen-Abstrich.

Darüber hinaus sei das Baukasten-System im Alltag alles andere als einfach zu handhaben. Kurz gesagt: Es gehe viel Unterrichtszeit für das mühsame Verfahren verloren. Sie nennt ein Beispiel: Um allen Kunststoff-Röhrchen festen Halt zu geben, damit die Flüssigkeit nur ja nicht überschwappt, kam sie auf die Idee, einfache Holz-Wäscheklammern einzusetzen. Das klappt, der Trick ist aber in der Anleitung nicht vorgesehen. Da sei der Einfallsreichtum der Lehrer gefragt.

Corona-Test, Schritt eins, so geht’s los: Armgard Steinbrück, Leiterin der INI-Gesamtschule, füllt in jedes Röhrchen zehn Tropfen der mit den neuen Sets gelieferten Flüssigkeit.

Schon der ellenlange Beipack-Zettel zur genauen Abfolge erfordere ein gründliches Studium. Für die Schüler bedeutet es, einige – auf gut Westfälisch – „Fuckelarbeit“ zu leisten, um die Kappe richtig ins Fläschchen zu schieben, und zwar so, dass der Deckel auch festsitzt und nicht verrutscht. Das ist nicht leicht. Für Armgard Steinbrück steht fest: „Da wollte man wohl Geld sparen.“

Sie denkt an das ihrer Meinung nach bessere System, das bisher in Gebrauch war. Das sei in der Ausführung wesentlich stabiler gewesen und habe auch den Vorteil eines guten Erklärvideos geboten. Mit Ungewissheit und Sorge starteten Schüler, Lehrer und Eltern in dieser Woche wieder den Unterricht, für viele vorerst auf Distanz. An den Schulen gilt die Testpflicht. Armgard Steinbrück zitiert aus dem Erlass des Landes: „Schülerinnen und Schüler, die der Testpflicht nicht nachkommen, können nicht am Präsenzunterricht teilnehmen.“ Die Schulleiterin: „Wir hatten bisher schon Kinder, die vor Aufregung geweint haben.“

Testpflicht an Schulen: Es braucht Geduld

Testen – das heißt für die Lehrer, zu Beginn der Stunde pro Kind jeweils zehn Tropfen der Flüssigkeit aus der Lieferung in jedes Röhrchen zu geben. Die Schüler drehen den Wattestab einige Male in jedem Nasenloch, halten das Röhrchen, tunken das Stäbchen ein, verschließen es, geben dann durch die Öffnung des Hütchens vier Tropfen auf den kleinen, auf einer ebenen Fläche liegenden Träger – und müssen sich erst einmal in Geduld üben. Der Lehrer geht mit dem blauen Sack durch die Klasse und sammelt die gebrauchten Packungen ein, so kommen erhebliche Mengen Müll zusammen, die über die graue Tonne entsorgt werden.

Die Leiterin der INI-Gesamtschule spricht ganz klar von einem „Schnellschuss“. „Wir wollen alle durch die Pandemie kommen“, sagt sie. Jeder sei gefordert. „Wir müssen testen und testen, impfen und impfen“, fügt sie hinzu. Dennoch ärgert sie sich über die Sets, die ihrer Ansicht nach für jüngere Schüler völlig ungeeignet sind. Und die Lehrer: Bevor sie in die Klassen gehen, statten sie sich mit Kittel, Maske, Gesichtsschild, Handschuhen und Desinfektionsmittel aus. Schule in Zeiten von Corona.

Weitere Nachrichten zum Coronavirus im Kreis Soest finden Sie hier im aktuellen News-Ticker.

Rubriklistenbild: © Peter Dahm

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