Kinderkur: Forschungsprojekt ist auf dem Weg

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Beim Spielen im Kurpark: Die Mädchen haben dem Foto zufolge viel Spaß.

Bad Sassendorf – Kränklich, kleiner und leichter als der Altersdurchschnitt, womöglich aus ärmlichen Verhältnissen: Kinder, auf die diese Beschreibung zutraf, wurden deutschlandweit bis in die 1970er Jahre hinein von den Ärzten gerne in einem gewissen Automatismus in eine Kinderkur geschickt, um mögliche chronische Erkrankungen zu kurieren oder an Gewicht zuzulegen.

Daher war auch der Solekurort Bad Sassendorf mit seinen verschiedenen Kinderkurheimen oft das Ziel für diese Kinder. Wie es den Jungen und Mädchen, die oft gerade mal sechs, sieben Jahre alt waren, in den Kinderkurheimen ergangen ist, das wird derzeit in einem Forschungsprojekt untersucht, das von den Westfälischen Salzwelten in Zusammenarbeit mit der Uni Münster durchgeführt wird. 

Nach einem Aufruf, der Zeitzeugen seit etwa eineinhalb Jahren um Mithilfe bittet, haben sich inzwischen mehr als 60 Menschen gemeldet, um von ihren Erfahrungen zu berichten. Die Rückmeldungen kommen aus ganz Deutschland, auch bedingt dadurch, dass die einstigen „Kurkinder“ als Erwachsene in alle Regionen verstreut wurden, berichtet Dr. Oliver Schmidt, der Leiter der Westfälischen Salzwelten. 

In einem ersten Schritt gilt es in dem Forschungsprojekt, die Zeitzeugen durch Studierende zu befragen und die Interviews zu verschriftlichen. Dabei gibt es zwar bestimmte Leitfragen, wichtiger sei es jedoch, die Menschen erzählen zu lassen. „Uns geht es darum, ihre Geschichten zu bergen“, erklärt Schmidt. Die Materiallage über die Geschichte der Kinderkurheime sei durchweg schwierig, aber die Quelle der Zeitzeugen sei noch nicht erschlossen. 

Gerade durch die Erzählungen der Zeitzeugen werde deutlich, was sie während der Kinderkur erlebt haben, ergänzt Museumspädagogin Jeanette Metz. „Natürlich sind die Geschichten manchmal überzeichnet, dann muss man auch fragen: Was steckt dahinter?“ Bei der Einordnung von bestimmten Details helfe es aber auch, wenn sie von mehreren Zeitzeugen ähnlich berichtet werden. 

Ziel sei es keineswegs, etwas zu skandalisieren, sondern zu einer differenzierten Darstellung der Kinderkuren zu kommen, betont der Museumsleiter. In einer zweiten Lehrveranstaltung mit der Uni Münster geht es deshalb auch darum, einen passenden methodischen Ansatz zu entwickeln. 

Die Größe, Struktur und Ausstattung der Kurheime, die Tagesabläufe, wiederkehrende Beschreibungen – das sind einige der Aspekte, die herausgearbeitet werden sollen. Wobei im Zuge des Projekts auch neue Fragen auftauchen können. Schmidt formuliert ein Beispiel: „Warum haben die Kinder in den Kurheimen keine Freundschaften geschlossen? Warum schildern sie keine Erinnerungen an Spielkameraden?“ 

Das Leben in den Kinderkurheimen ist für manche auch keineswegs ein Zuckerschlecken gewesen. Heimweh, die Frage der Ernährung, bestimmte Lebensmittel, die zum Beispiel untergewichtigen Kindern geplant vorgesetzt wurden, um sie aufzupäppeln, das sind einige Beispiele. Schmidt: „Sechs Wochen Pfannkuchen und Germknödel oder Milchreis mit Zimt: Da kann man verstehen, dass man das als Erwachsener nicht mehr sehen kann.“ 

Die Frage, wie die Kinderkuren die Menschen psychisch und physisch geprägt haben, ist deshalb ebenfalls wichtig für das Forschungsprojekt. Neben der wissenschaftlichen Aufarbeitung, etwa durch entsprechende Masterarbeiten von Studierenden, sollen die Ergebnisse des Projekts in zwei, drei Jahren in einer Sonderausstellung in den Salzwelten zusammengefasst werden. Denn eins hat sich Schmidt zufolge sowohl bei den einstigen Kinderkurpatienten als auch im wissenschaftlichen Bereich gezeigt: „Breites Interesse ist auf jeden Fall da.“

Aus einem Fotoalbum 

Die Fotos für diesen Beitrag stammen aus einem Album, das Inge Pasche den Salzwelten zur Verfügung gestellt hat. Sie wurden in der Zeit von 1955 bis 1970 aufgenommen. Die Bilder dokumentieren unbeschwerte Szenen aus dem Kurleben.

Erlebnisse eines "Kurkindes"

Ordentlich was zu essen, gute Fürsorge, Gemeinschaft mit anderen Kindern, Spiel und Spaß: Viele Kinder mögen ihre Kinderkur in Bad Sassendorf so erlebt haben. Die Berichte ehemaliger Kurkinder, die bisweilen nicht nur an das Forschungsprojekt, sondern auch an den Anzeiger geschickt wurden, schildern manchmal aber auch ziemlich erschreckende Erfahrungen. 

Das gilt etwa für die folgenden Auszüge. 1973 wurde dem Jungen demnach vom Arzt ein zweites Mal ein Kuraufenthalt verordnet, dieses Mal in Bad Sassendorf. Er erinnere sich noch, dass das Haus von Nonnen geleitet wurde. Untergewichtige Kinder durfte demnach nur im Haus spielen oder basteln: „Hauptsache, wir haben von unserem extrem hochkalorischen und fettig-süßen Frühstück nicht zu viele Kalorien verbraucht (...) Regelmäßig mussten wir uns auf die Waage stellen und uns böse Kommentare der Nonnen anhören, wenn sich unser Körpergewicht nicht wunschgemäß nach oben entwickelte (...) Das Mittagessen bestand sehr oft aus sehr süßen Sachen wie Germknödeln, Kaiserschmarrn, Griesbrei mit Zucker und Zimt oder ähnlichem, oft mit Vanillesoße oder Schokosoße drüber.“ Anfangs sei das für die Kinder toll gewesen, weil die Speisen so oft auf den Tisch kamen, habe sich das aber schnell geändert. 

Besonders schlimm seien die Tage gewesen, an denen es Fisch gab. Heute sei ihm bekannt, dass er kein Fischeiweiß verträgt, dass er Fisch nicht mochte, sei von den Nonnen aber nicht akzeptiert worden: „Zu meinem großen Unglück wurde ich von einer Nonne erwischt, als ich meinem Tischnachbarn meinen Hering auf seinen Teller legte. Die Nonne packte mich am Ohrläppchen und zerrte mich in die Ecke des Speisesaales (...) Als ich schließlich allein im Speisesaal zurück blieb, wurde die Heimleiterin gerufen. Anschließend hat mich dann eine Nonne festgehalten, während die Heimleiterin auf mich eingeschlagen hat. (...) Nachdem die Heimleiterin eine gefühlte Ewigkeit auf mich eingeschlagen hat, wurde ich anschließend gezwungen, die doppelte Fischration zu essen. Natürlich habe ich diese sofort wieder erbrochen aber den Nonnen schien es zu genügen, dass sie mir ihren Willen aufgezwungen hatten. Für die übrigen fünf Wochen der Kur wurde ich immer, wenn es Fisch gab, an einen separaten Tisch gesetzt, wo ich eine extragroße Portion Fisch vorgesetzt bekam.“

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