Hebamme im Interview

Alexandra Weishaupt: „Wir können nicht streiken“

+
Alexandra Weishaupt aus Ostinghausen begleitet Frauen als Hebamme vor, während und nach der Geburt. Mit ihrem Geburtsatlas bereitet sie werdenden Mütter vor und steht ihnen bei Fragen zur Seite.

Bad Sassendorf - Seit rund 13 Jahren erlebt Hebamme Alexandra Weishaupt aus Ostinghausen das Wunder der Geburt mit. Allerdings haben sich in der Zeit auch die Bedingungen im Job geändert. Über die teure Versicherung, die vermehrte Unsicherheit der Frauen, aber auch die schönen Momente im Berufsalltag sprach Alexandra Weishaupt nun mit Pia Billecke.

Frau Weishaupt, immer mehr Hebammen geben auf, weil sie sich die Haftpflicht nicht mehr leisten können. Betreuen Sie noch Geburten?

Alexandra Weishaupt: Im Moment schon. Ich bin in einer Klinik in Salzkotten Beleghebamme – allerdings nur noch bis Ende März. Familiär ist es einfach schwierig, so oft weg zu sein. Aber es ist auch eine finanzielle Frage. Die Haftpflicht für Hebammen, die in der Geburtshilfe tätig sind, kostet seit dem 1. Juli 2015 über 6000 Euro. 2014 waren es noch rund 4000 Euro. 2017 werden es über 7600 Euro sein. Das muss auch erstmal reinkommen.

Haben Sie Hoffnung, dass sich die Situation wieder verbessert?

Weishaupt: Es gibt einen kleinen Lichtblick am Horizont – den Ausgleich der Haftpflichtprämien. Dabei gehen wir zwar in Vorauszahlung, bekommen im Nachhinein aber etwas Geld zurück. Wie das letztendlich im Einzelfall für mich aussieht, weiß ich noch nicht. Eigentlich müsste die Regierung mehr für uns tun. Aber für uns ist es auch schwierig, Druck zu machen. Wir können eben nicht einfach so streiken und die Mütter alleine lassen.

Sind es ihrer Meinung nach denn bereits weniger Hebammen geworden?

Weishaupt: Im Moment habe ich nicht das Gefühl. Aber über kurz oder lang werden wir deshalb Nachwuchsprobleme bekommen.

Oft wird davon geredet, dass immer mehr Babys per Kaiserschnitt auf die Welt kommen anstatt auf natürlichem Weg. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Weishaupt: Eine normale Geburt ist das gesündeste für Mutter und Kind. Deshalb versuchen wir, die Geburt so natürlich wie möglich zu halten. Ich kenne auch nicht viele Frauen, die sagen: ‘Ich will einen Kaiserschnitt’. Die Kaiserschnitt-Rate ist trotzdem ziemlich hoch. Das liegt aber auch daran, dass kein Kreißsaal-Team bei Komplikationen etwas anbrennen lassen würde.

Haben Sie das Gefühl, dass die Frauen verunsichert sind?

Weishaupt: Ich glaube, viele Frauen haben das Vertrauen in sich selbst verloren, dass sie das können. Das hat meiner Meinung nach auch mit einer gewissen Art von Panikmache in den Medien zu tun. Da wird die Geburt oft nur mit Komplikationen in Verbindung gebracht und auf Atemübungen reduziert. Dass es normal ist, dass die Geburt des ersten Kindes zwölf Stunden dauern kann, wird nicht erwähnt. Genauso wissen viele gar nicht, was zu unserem Beruf alles dazu gehört.

Was gehört denn dazu?

Weishaupt: Die Leitung der normalen Geburt. Natürlich wird ein Arzt bei Komplikationen hinzu gerufen. Aber solange alles normal verläuft, haben wir die komplette Verantwortung. Vor der Geburt kümmern wir uns um die Schwangeren – dazu gehören zum Beispiel Geburtsvorbereitungskurse oder Hilfe bei Beschwerden. Aber wir informieren genauso. Wir sind da, wenn die Frauen Fragen haben. Spannend sind auch die Wochen nach der Geburt. Das ist die Zeit, in der sich Eltern und Kind finden und wir bei Hausbesuchen zur Seite stehen.

Wie viele Hausbesuche machen Sie pro Woche?

Weishaupt: In einer Woche mache ich zwischen 15 und 20 Hausbesuche im Wochenbett im Kreis Soest. Einen Teil davon auch in Bad Sassendorf. Im Jahr betreue ich um die 60 Frauen und Familien im Kreis Soest. Aber wie vielen Kindern ich auf die Welt geholfen habe, habe ich tatsächlich nie gezählt.

Ist es trotz der momentanen Schwierigkeiten ihr Traumberuf?

Weishaupt: Ja, auf jeden Fall. Die Realität ist zwar nicht ganz so romantisch, aber es ist trotzdem ein wirklich schöner Beruf.

Auch wenn Sie nun auf die Geburtshilfe verzichten?

Weishaupt: Die Geburt ist immer wieder ein Abenteuer. Da wird mir schon etwas fehlen. Ich konzentriere mich zwar ab April auf Hausbesuche, Kurse und Sprechstunden. Aber das heißt ja nicht, dass ich nie wieder Geburtshilfe betreibe.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf soester-anzeiger.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare