Nach BGH-Beschluss

Haftstrafe für Bettinghauser Kidnapper wird verkürzt

+
Bei den weiteren Ermittlungen stießen Polizeibeamte im Fachwerkhaus des Angeklagten in Bettinghausen auf eine Art Verlies. Hinweise auf eine weitere Straftat wurden in diesem Zusammenhang allerdings nicht gefunden.

Bettinghausen/Marburg - Wegen versuchter Kindesentführung hatte das Marburger Landgericht im Dezember 2017 einen 35-Jährigen mit Wohnsitz in Hamm und Bettinghausen zu sechs Jahren Haft verurteilt. Nach Revision durch den Bundesgerichtshof wurde das Urteil nun neu vor dem Landgericht verhandelt – und geändert.

Von Dominic Heitz
Am helllichten Tag hatte der Mann 2012 in der Nähe eines Spielplatzes im hessischen Niederweimar ein damals neunjähriges Mädchen in sein Auto gezerrt und mit Klebeband geknebelt. Das Mädchen konnte entkommen, aber der Täter blieb jahrelang unentdeckt, obwohl auf dem Klebeband Fingerabdrücke gefunden wurden. Erst als der 35-jährige Mann in einem Schwimmbad in Hamm 2017 ein weiteres Mädchen unsittlich berührte, kamen die Ermittler ihm auf die Schliche.  

Der 35-jährige Angeklagte, der zuletzt in Bettinghausen wohnte, stand nun erneut vor Gericht. Das Strafmaß wurde verringert. 

Bei den weiteren Ermittlungen stießen Polizeibeamte in seinem Fachwerkhaus in Bettinghausen auf eine Art Verlies. Hinweise auf eine weitere Straftat wurden in diesem Zusammenhang allerdings nicht gefunden. In der Verhandlung am Dienstag vor dem Landgericht Marburg ging es für den Vorsitzenden Richter Dr. Marco Herzog darum, für den Niederweimar-Fall ein neues Strafmaß festzulegen. In den abschließenden Einlassungen forderte die Staatsanwaltschaft eine Gefängnisstrafe von fünf Jahren und neun Monaten. Das Gericht folgte dieser Forderung. 

Zuvor hatte der 35-jährige Täter ein Teilgeständnis abgelegt. Er gab zu, das Mädchen seinerzeit in sein Auto gezerrt zu haben. Allerdings stritt er ab, sexuelle Absichten dabei verfolgt zu haben. Zudem ließ der Mann in einer durch seinen Anwalt verlesenen Erklärung durchblicken, dass er sich im Strafvollzug in Therapie begeben will. Er habe kein sexuelles Interesse an Kindern, hieß es dort. „Aber irgendetwas stimmt nicht mit mir.“ 

Zudem einigten sich der Anwalt des Mannes und der Vertreter der Nebenklage, der Marburger Anwalt Carsten Dalkowski, darauf, dass der Verurteilte 5000 Euro an das Opfer zahlt – als eine Art Schmerzensgeld für das erlittene Leid des Mädchens.

 „Großen Willen gezeigt, die Tat umzusetzen“ 

Dafür und auch für das Teilgeständnis fand der Richter zwar lobende Worte, betonte aber auch, dass das nicht zu einer neuen Bewertung des Falles führe. Das um drei Monate verminderte Strafmaß bezeichnete er als „kosmetische Korrektur“. Die Taten des Mannes ließen eine weitere Reduzierung des Strafmaßes nicht zu. Zwar ist nun ein Tatvorwurf aus dem Urteil gestrichen worden, aber die übrigen Tatbestände seien „kein Pappenstiel“, sagte der Richter. Der Verurteilte sei damals mit List und hoher Energie vorgegangen und habe einen großen Willen gezeigt, die Tat umzusetzen. 

Neben dem Leid, das der Mann dem Mädchen und seiner Familie zugefügt hat, habe er darüber hinaus eine ganze Region „in helle Aufregung“ versetzt. Der Verurteilte und sein Anwalt haben nun eine Woche Zeit, um erneut Rechtsmittel gegen das Urteil einzulegen. Carsten Dalkowski geht allerdings davon aus, dass der Prozess nun ein Ende findet. Das wäre vor allem dem Opfer und seiner Familie zu wünschen, so der Rechtsanwalt.

Erfolgreiche Revision nach dem ersten Urteil

Ende 2017 war dem Angeklagten in Marburg vor der dritten Strafkammer des Landgerichts wegen der Vorfälle in Niederweimar und Hamm der erste Prozess gemacht worden. Für die Tat in dem Hammer Schwimmbad wurde der Mann damals wegen sexuellen Missbrauchs zu sieben Monaten Haft verurteilt. Für die Tat in Niederweimar wurde eine Haftstrafe von fünf Jahren und neun Monaten verhängt. Weil bei einem solchen Urteil die Strafmaße für zwei verschiedene Verbrechen nicht einfach addiert werden dürfen, verhängte das Landgericht damals eine Gesamtstrafe von sechs Jahren Gefängnis. Der Verurteilte und sein Anwalt hatten daraufhin Revision – beim Bundesgerichtshof beantragt – und einen Teilerfolg errungen. 

Der BGH beschloss, dass die im Urteil aufgeführten Tatbestände des Niederweimar-Falls nicht haltbar sind. Der Mann war verurteilt worden wegen versuchter sexueller Nötigung unter Verwendung eines gefährlichen Werkzeugs, versuchten schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes, versuchter Entziehung Minderjähriger, versuchter Freiheitsberaubung und gefährlicher Körperverletzung. 

Lesen Sie hier alle Artikel zu dem Thema

Den Vorwurf des versuchten schweren sexuellen Missbrauchs hat der BGH gestrichen. In der Begründung kritisierten die Karlsruher Richter die Annahme des Marburger Gerichts, der Täter habe bereits zum sexuellen Missbrauch eines Kindes angesetzt, als er das Mädchen in sein Auto zog. Er wollte das Kind an einen abgelegenen, nicht näher benannten Ort bringen und dort „ohne weitere Zwischenakte sogleich den sexuellen, körperlichen Kontakt aufnehmen“ heißt es in dem Landgerichtsurteil. Dieser Argumentation wollte der BGH nicht folgen: Ja, der Täter habe sexuelle Handlungen vorbereitet und ja, er sei dazu fest entschlossen gewesen. 

Die Annahme, dass der Mann auch schon zum sexuellen Missbrauch angesetzt hatte, ist aber laut BGH nicht tragbar. Weder stehe fest, wohin der Mann das Mädchen bringen wollte, noch wie lange er dafür benötigt hätte.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf soester-anzeiger.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare