Ein Stein, der seinen Namen trägt

Verstorbener Sohn im Herzen - und in der Tasche

Zur Erinnerung an ihren verstorbenen Sohn Dirk trägt Annemarie Fleckeisen nun stets zwei kleine Gedenksteine bei sich.
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Zur Erinnerung an ihren verstorbenen Sohn Dirk trägt Annemarie Fleckeisen nun stets zwei kleine Gedenksteine bei sich.

Fünf Jahre ist es nun her, dass Dirk Fleckeisen verstarb. Er war gerade einmal 55 Jahre alt. Einen Weg, immer eine bleibende Erinnerung bei sich zu führen, verdankt seine Mutter Annemarie Fleckeisen der Facebookgruppe „Bördesteine“.

Opmünden - Dirks viel zu kurzes Leben war alles andere als einfach, denn in Folge von Komplikationen bei seiner Geburt war er sein Leben lang schwerstbehindert und nicht in der Lage zu sprechen, „trotz allem war er zwar sehr intelligent, aber er konnte sich nur durch seine Augen mit seiner Umwelt verständigen“, erinnert sich seine Mutter Annemarie Fleckeisen. Bis auf seine letzten drei Jahre verbrachte er sein Leben durchgängig an ihrer Seite. 52 Jahre lang pflegte sie ihn daheim, kümmerte sich aufopfernd um ihn: „Diese Zeit aufbringen, das kann nur eine Mutter.“ Daher wurde sie auch seinerzeit, als der Kreis Soest zum ersten Mal den Pflegestern auslobte, gleich von acht Personen für die Auszeichnung vorgeschlagen und gehörte zu den ersten Empfängern.

Aufgrund eigener gesundheitlicher Probleme musste sie ihn dann doch der Obhut eines spezialisierten Pflegeheim in Kamen übergeben. Drei Jahre später starb er an den Folgen einer Lungenentzündung. „Wäre ich vor ihm gegangen, wäre er sicherlich noch früher gestorben“, ist sich die Opmünderin sicher.

Dominique Jährig bemalte die Steine für Annemarie Fleckeise.

Den Text der Trauerrednerin bewahrte sie sich auf. Darin heißt es: „Trauer ist wie ein großer Felsbrocken. Wegrollen kann man ihn nicht, und ausweichen kann man ihm auch nicht. Zuerst versucht man einfach nur, nicht darunter zu ersticken. Dann arbeitet man ihn Stück für Stück kleiner, und den kleinsten Brocken steckt man in die Hosentasche und trägt ihn ein Leben lang mit sich herum. Das ist dann ein Stein der Erinnerung.“

Als die heute 83-Jährige kürzlich durch die Berichterstattung im Anzeiger von der Facebook-Gruppe „Bördesteine“ erfuhr, reifte der Plan, die Idee dieses bislang nur sinnbildlichen „Steins der Erinnerung für die Hosentasche“ in die Tat umzusetzen – nicht nur für sich, sondern auch „für eine gute Freundin Dirks aus dem Pflegeheim, die blind ist, und die auch ungeheuer um ihn trauert. Auch sie sollte so einen Stein haben – etwas, das sie anfassen und erfühlen kann.“

Über unsere Redaktion nahm sie Kontakt auf zu den Administratoren. Die Werlerin Dominique Jährig nahm sich der Sache an und machte sich Gedanken – als einziger Teil der Bemalung stand ja Dirks Name fest. Da ihr zwei Motive vorschwebten, setzte sie gleich beide um. Der Leuchtturm steht als Symbol für Sehnsucht, der Regenbogen als Verbindung zum Himmel, „das waren meine ersten Assoziationen“, so Dominique Jährig.

Dominique Jährig suchte die passenden Symbole der Buchstaben D, I, R und K in Blindenschrift und trug sie als erhobene, deutlich ertastbare Punkte auf.

Hinzu kam: Dirks blinde Freundin aus dem Pflegeheim hätte mit einem hübsch bemalten glatten Handschmeichler nicht viel anfangen können. Dominique Jährig suchte sich daher aus dem Internet die passenden Symbole der Buchstaben D, I, R und K in Blindenschrift und trug sie als erhobene, deutlich ertastbare Punkte auf, die Streifen des Regenbogens sind ebenfalls zusätzlich gepunktet.

Für die Bördesteine ist dieser Gedanke keineswegs neu, die Gruppe arbeitet seit einem Jahr an den sogenannten „Aurora-Steinen“ für das Soester Hospiz. Bisher werden dort für die Verstorbenen Steine mit einfachen Mitteln von den Angehörigen bemalt – mit einem Edding. Die Gruppe produziert für das Hospiz Steine „auf Vorrat“. Aus ihnen können die Gäste oder ihre Angehörige für ihre Verstorbenen einen Stein wählen und mit dem entsprechenden Namen versehen.

„Greifbares und Fühlbares“

Danach sollen sie ein Jahr lang zum Gedenken an die Verstorbenen in einem separaten Bereich ausgestellt und anschließend in einer Stele im Innenhof gesammelt werden, die so eine dauerhafte Gedenkstätte bilden soll.

„So ein Stein bedeutet für mich etwas Greifbares und Fühlbares und kann eine besondere Kostbarkeit werden“, schließt Annemarie Fleckeisen, die unendlich dankbar ist – das Geld, das sie den Bördesteinen im Gegenzug anbot, wanderte direkt in die Spendenkasse fürs Hospiz. „Und ich verspreche, in Zukunft selber Steine zu beschriften mit Worten wie Freundschaft, Trauer, Liebe oder Zuversicht.“

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