Komplizierte Regulierung

Dieselskandal: Geschädigter muss lange warten, bis VW endlich ein Angebot macht

Kurt Fandrey, sein VW Tiguan und ein dicker Stapel Schriftverkehr: Nach zähem und verwickeltem Verlauf hat VW jetzt ein Vergleichsangebot vorgelegt.
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Kurt Fandrey, sein VW Tiguan und ein dicker Stapel Schriftverkehr: Nach zähem und verwickeltem Verlauf hat VW jetzt ein Vergleichsangebot vorgelegt.

Monatelang musste Kurt Fandrey aus Bad Sassendorf auf ein Angebot von VW warten, damit seine Schadenersatzansprüche nach dem Dieselskandal reguliert werden. 

Bad Sassendorf – Nach monatelangem Warten ging es nach einer am Mittwoch (21. Oktober) gestellten Anzeiger-Anfrage an den VW-Konzern auf einmal ganz schnell: Am Freitagmorgen trudelte bei der Rechtsanwältin von Kurt Fandrey per Fax ein Angebot des Autobauers ein. Damit sollen Fandreys Schadenersatzansprüche reguliert werden, weil auch sein VW Tiguan mit einem Dieselmotor vom Typ EA189 ausgestattet ist, der wegen einer unzulässigen Abschaltung die Abgasprüfungen unterlaufen hatte. Fandrey und seine Rechtsanwältin werden das Vergleichsangebot von VW nun eingehend prüfen.

Dass die Regulierung sich im Falle des Bad Sassendorfers so kompliziert gestaltet hat, erscheint schon recht ungewöhnlich. Wie rund 240 000 andere durch den Dieselskandal Geschädigte hatte sich Fandrey einer Musterfeststellungsklage angeschlossen. 

Dieselskandal: Geschädigter muss lange warten, bis VW endlich ein Angebot macht

Nach dem Vergleich, der im Verlauf dieses Verfahrens vereinbart wurde, hatte der Autobauer eine Internetplattform eingerichtet, auf der sich die entsprechenden VW-Kunden registrieren lassen sollten. 

Doch damit begannen für Fandrey die Probleme. Die Online-Registrierung funktionierte nicht, daher schickte er mit Datum vom 19. März der vom Autobauer eingerichteten Abteilung „Mein VW Vergleich“ in Oldenburg die Unterlagen per Einschreiben mit Rückschein zu. 

Den Zustellnachweis hatte er anschließend auch erhalten und abgeheftet, ein Vergleichsangebot durch den Autobauer kam aber nicht zurück. Ein Umstand, der den Sassendorfer ziemlich erzürnte, so dass er letztlich sogar System dahinter vermutete. Der Konzern hebele den Rechtsstaat aus, wenn er selbst ein zugestelltes Einschreiben ignoriere, berichtete Fandrey im August. 

Vor diesem Hintergrund bestätigte Nicolai Laude, Communication Manager der Volkswagen AG, auf eine Anzeiger-Anfrage im August, dass es in einzelnen Fällen Probleme bei der Registrierung der Kunden auf der Online-Plattform gegeben habe. 

Angesichts von 240.000 Kunden, die an dem Vergleichsverfahren teilgenommen haben, sei es nicht immer zu 100 Prozent so gelaufen wie wünschenswert. Laude betonte seinerzeit zudem, dass VW auch im Falle Fandreys an einer raschen Abwicklung interessiert sei. Er werde daher veranlassen, dass dessen Fall geprüft und ein Vergleichsangebot vorgelegt werde, wenn die Voraussetzungen stimmen. 

Dieselskandal: Manager sichert im August schnelle Bearbeitung zu

Diese Zusicherung machte Laude auch in mehreren Kontakten gegenüber dem VW-Fahrer aus Bad Sassendorf. Seit diesen Kontakten mit Laude im August und September wartete Fandrey aber erneut vergeblich darauf, dass ihm ein Vergleichsangebot zugeht. 

Mit Blick auf die Verjährungsfristen wurde die Angelegenheit zudem immer dringender, so dass Fandrey seine Rechtsanwältin Nicole Bauer aus Altenburg letztlich beauftragte, auf seine Kosten Klage beim Amtsgericht einzureichen. 

Dass das Vergleichsangebot Fandrey nicht erreicht hat, begründete Laude jetzt damit, es sei nicht gelungen, den Kunden direkt anzuschreiben. Wann genau das Angebot per Post rausgegangen ist, sei nicht mehr nachzuvollziehen. Bei hunderttausenden Fällen sei es aber einige dutzend Male vorgekommen, dass Briefe nicht zustellbar gewesen seien. 

Aufgrund der aktuellen Anzeiger-Anfrage an VW ging das Vergleichsangebot des Autobauers am Freitagmorgen per Fax bei der Rechtsanwältin ein. Bei einem Anruf Fandreys in deren Kanzlei bestätigte eine Sachbearbeiterin den Eingang. Demnach wird Fandrey trotz des eigentlich abgeschlossenen Musterfeststellungsverfahrens von VW ein Schadenersatz in Höhe von etwa 2.300 Euro angeboten, gegebenenfalls zuzüglich der Anwaltskosten Fandreys. 

Der Sassendorfer sieht sich damit jedoch in der Zwickmühle. Möglicherweise wäre durch die Klage beim Amtsgericht sogar ein Schadenersatz bis 10.000 Euro drin, allerdings bei allen Unwägbarkeiten, die mit dieser Klage verbunden sind. Das sei eine Gratwanderung, sagte Fandrey. Er müsse sich Montag erstmal mit seiner Anwältin beraten. 

Laude wiederum betonte gegenüber dem Anzeiger, dass VW selbstverständlich daran gelegen sei, die gemäß der Musterfeststellungsklage bestehenden Ansprüche der VW-Kunden zügig zu erfüllen. Dem Autobauer sei daran gelegen, die Sache zu bereinigen. Nach dem Motto „Ende gut, alles gut“ könne sie hoffentlich zur Zufriedenheit des Kunden geregelt werden.

Der Dieselskandal und seine juristische Aufarbeitung

Der Dieselskandal kam 2015 ins Rollen, nachdem Behörden in den USA festgestellt hatten, dass die Motorensteuerung bei Modellen von VW erkennt, wenn das Fahrzeug auf einem Prüfstand steht. Dann wurde die Motorensteuerung elektronisch so geregelt, dass die vorgeschriebenen Abgaswerte eingehalten werden. Im normalen Fahrbetrieb war dies jedoch nicht der Fall. 

Allein bei der Volkswagen AG und ihren verschiedenen Automarken wurde die betreffende Software weltweit bei etwa elf Millionen Fahrzeugen mit dem Motorentyp EA189 eingesetzt. Betroffen von dem Dieselskandal sind aber auch andere Autokonzerne. 

In vielen Fällen erfolgte eine Rückrufaktion durch die Autobauer, um die unzulässige Abgassteuerung zu beseitigen, gleichzeitig kam es weltweit zu Klageverfahren. In Deutschland haben sich 240 000 Geschädigte einer Musterfeststellungsklage unter Federführung des Bundesverbands der Verbraucherzentrale angeschlossen. 

Diese Klage wurde am 30. April 2020 zurückgenommen, nachdem sich Verbraucherzentrale und VW auf einen Vergleich geeinigt hatten. Insgesamt soll dafür eine Summe von mehr als 750 Millionen Euro an die 240 000 VW-Kunden ausgezahlt werden, die dem Vergleichsangebot zugestimmt hatten. 

Die Entschädigungszahlungen wurden je nach Fall individuell berechnet und bewegten sich zwischen 1 350 und 6 257 Euro. Quellen: wikipedia.de und adac.de.

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