Contergan-Geschädigte helfen als Experten in eigener Sache

+
Wolfgang Schasse (rechts) testet mit Marvin Schneiders einen neuartigen faltbaren Rollstuhl.

Bad Sassendorf – Was bedeutet der faltbare Elektro-Rollstuhl für ihn? Wolfgang Schasse antwortet mit nur einem Wort: „Freiheit!“ Durch das Schlafmittel Contergan ist er schwer gezeichnet, mit großem Engagement setzt er sich dafür ein, Betroffenen eine Stimme zu geben, sie aber auch mit alltagspraktischen Tipps zu versorgen. Das geschah jetzt wieder am Contergan-Stammtisch Soest/Bad Sassendorf, als die Teilnehmer einerseits neuartige „Rollies“ testeten, die ihren Bewegungsradius erweitern, andererseits als Experten in eigener Sache gefragt waren und nützliche Hinweise für die Konstruktion gaben. 

Wolfgang Schasse: „Das elektronische Bedienelement an einer bestimmten Stelle nützt dem Ohnarmer – einem Contergan-Betroffenen, der ohne Arme geboren wurde – nichts, wenn es nur für Kurz- oder Langarmer erreichbar ist. So kam eins zum anderen, und man versuchte gemeinsam, Lösungen zu finden.“ 

Die durch das Medikament Contergan Anfang der 1960er-Jahre im Mutterleib schwer körperlich geschädigten Mitglieder der Selbsthilfe treffen sich regelmäßig in Bad Sassendorf. In diesen Runden geht es um Fragen zur Wahrung der Rechte und einer angemessenen Entschädigung. 

Wichtig sind den Teilnehmern aber auch Informationen für ein weitgehend selbstständiges Leben zuhause. So beschäftigten sie sich bereits mit der Smarthome-Technik und den Steuerungsmöglichkeiten für Beleuchtung, Fenster und Haustür. Kürzlich hatten sie darüber hinaus eine Maß-Schneiderin eingeladen. Sie fertigt für Menschen mit Behinderung passende, schicke Kleidung an, die gibt es nämlich häufig nicht von der Stange. Ein weiteres wichtiges Thema sei die persönliche Assistenz. „Denn“ ,so Schasse, „es geht uns immer schlechter, und wir brauchen immer mehr Unterstützung.“ „Wir Contis, wie wir uns selbst nennen, haben ganz verschiedenartige körperliche Einschränkungen und brauchen individuell angepasste Hilfsmittel“, sagt er, „was für den einen sehr praktikabel ist, ist für den anderen nicht nutzbar! So ist es wichtig, dass jeder aus unserer Gruppe die Möglichkeit hat, Hilfsmittel auszuprobieren!“ 

Er selbst stellt fest, dass ihm die Folgeschäden immer stärker zu schaffen machen. Verlasse er die Wohnung, sei er inzwischen – anders als noch vor wenigen Jahren – auf den Rollstuhl angewiesen. Doch der sei schwer und sperrig. Ein Modell, das sich zusammenklappen lässt, erlaube es dagegen, auch mal eine Flug- oder Schiffsreise zu unternehmen – laut Schasse wenigstens ein kleiner Ersatz für alle Nachteile, die die Betroffenen hinnehmen müssen. 

Im Gespräch mit Marvin Schneiders von der Fachfirma Ergoflix aus Hamminkeln erklärte er, über welche Ausstattung das Gefährt verfügen sollte. Schasse nennt als Beispiele eine Wegfahrsperre und einen abschließbaren Akku. Ein Joystick zur Bedienung sollte auf einer variablen Schiene befestigt sein. „Von dem Termin haben beide Seiten profitiert“, meint er, „einmal wir Contergan-Betroffene, die ein neues praktisches Produkt kennengelernt haben, aber auch die Rollstuhlfirma, die Ideen und Anregungen mitnehmen konnte!"

Schmerzhafte Folgeschäden

Die Contergangeschädigten sind nun schon fast 60 Jahre alt und leiden unter schmerzhaften Folgeschäden, die durch das Leben mit ihren Behinderungen hervorgerufen werden. Sie seien froh darüber, dass auch sie durch modernen Techniken immer mehr Lebensqualität gewinnen können, schildert Wolfgang Schasse. Weitere Informationen über den Contergan-Stammtisch Soest-Bad Sassendorf im Internet unter www.contergan-stammtisch-so-bs.de. Das sind die Anliegen des Stammtisches: Information, Hilfestellung, Unterstützung, Kommunikation, Diskussion, Aktion.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf soester-anzeiger.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare