Familien ärgern sich

Kinder in Quarantäne: Eltern kritisieren „überzogene Auflagen“ des Kreises Soest

Lächeln in einer schwierigen Situation: Stefanie Meiser (links) sowie die Eltern Swantje und Markus Neumann mit den sechsjährigen Zwillingen Leonie und Sophie.
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Lächeln in einer schwierigen Situation: Stefanie Meiser (links) sowie die Eltern Swantje und Markus Neumann mit den sechsjährigen Zwillingen Leonie und Sophie.

Swantje und Markus Neumann, Eltern von Zwillingen, und Stefanie Meiser, Mutter einer Tochter, ärgern sich über den Kreis Soest. Ihre Mädchen befinden sich in Quarantäne, seit eine Erzieherin im Kindergarten Mitte März positiv auf das Coronavirus getestet worden ist.

Bad Sassendorf/Kreis Soest - Die Eltern betonen, das gehe völlig in Ordnung, Schutz und Sicherheit müssten immer an erster Stelle stehen. Sie empören sich jedoch über ein Schreiben des Gesundheitsamtes, das in ihrem Briefkasten lag und das sie mit großem Erstaunen und beinahe Entsetzen lasen.

Landkreis:Kreis Soest
Bevölkerung:301.902 Einwohner (Stand 2019)
Landrätin: Eva Irrgang

Swantje Neumann bringt ihren Unmut schriftlich gegenüber den Landtagsabgeordneten im Kreis Soest zum Ausdruck, an den sie sich, wie sie schildert, in Hilflosigkeit und absoluter Wut wandte: „Beim Lesen der Ordnungsverfügung hat es uns gegraust.“

Kinder in Quarantäne: Wut über Formulierungen in Brief

Sie schrieb zudem stellvertretend für ihre gesamte Familie an die Landrätin. Die Mutter meint: „Die Verhältnismäßigkeit ist nicht mehr gewahrt, und die Auflagen sind total überzogen.“ Damit spricht sie unter anderem den stringenten Ton im Brief der Behörde an. Sie sei sich vorgekommen, als habe sie wer weiß was verbrochen.

Was die Bad Sassendorferin gewaltig stört, sind raue Formulierungen wie diese: „Ihr Kind hat sich in die eigene Häuslichkeit oder in eine andere die Absonderung ermöglichende Unterkunft zu begeben und sich dort abzusondern. Absondern heißt, dass Ihr Kind den Kontakt mit einer Person außerhalb der Häuslichkeit vollständig vermeiden soll.“ Oder: „Meinen Anordnungen ist Folge zu leisten. Sie haben Untersuchungen und Entnahmen von Untersuchungsmaterial durch die Beauftragten des Gesundheitsamtes an sich vornehmen zu lassen. [...] Ihr Kind kann von mir vorgeladen haben.“

Kinder in Quarantäne: Zwillinge legen negativen Test vor

Die Zwillinge sind sechs Jahre alt. Sie legten, wie gefordert, nach zwei Wochen ein negatives Testergebnis vor und mussten sich dennoch streng an die Frist halten, so ihre Mutter. Die Quarantäne endete erst um Mitternacht. Für die Eltern nicht nachvollziehbar.

„Wir verzweifeln“, stellen sie fest. Swantje Neumann weist auf eine andere Passage in der Verfügung hin, die sie fassungslos macht: „Soweit in besonderen Situationen (z.B. notwendiger Arztbesuch), Abweichungen von der obenstehenden Anordnung erforderlich werden, bedarf es hierzu stets der vorherigen Zustimmung der Gemeinde Bad Sassendorf.“

Wie unverständlich sie die Vorgehensweise findet und wie aufgebracht sie ist, das teilte Swantje Neumann Landrätin Eva Irrgang und den „Damen und Herren des Corona-Teams“ jetzt mit. Sie vermisse in der Post aus dem Kreishaus einen klaren Ansprechpartner, die Unterschrift sei nicht zu entziffern und nicht mit einem lesbaren Namen hinterlegt.

Anrufe liefen häufig ins Leere, weil die Leitungen belegt und zuständige Mitarbeiter nicht zu erreichen seien. Die vielen Seiten ihres Briefes machen es deutlich: Es ist ein emotionales Thema, und es besteht großer Rede- und Klärungsbedarf. Die Familie Neumann und Stefanie Meiser berichten, sie seien „verschreckt“ und fühlten „sich der Willkür ausgeliefert“.

Kinder in Quarantäne: Dezernentin ruft an

Maria Schulte-Kellinghaus, Dezernentin beim Kreis Soest, hat sich am Dienstag telefonisch mit der Familie Neumann in Verbindung gesetzt und über das sechsseitige Schreiben gesprochen. Sie macht deutlich, wie ernst sie die Sorgen der Eltern nimmt, die sich in der Corona-Pandemie in einer schwierigen Situation befinden. Sie weist aber auch auf die Notwendigkeit einer Verfügung hin, die etwa als Nachweis gegenüber dem Arbeitgeber diene oder für den Fall, dass Schadenersatzansprüche geltend gemacht werden.

Familie Neumann und Stefanie Meiser finden die drastischen Worte erschreckend. „Doch wir müssen alle schützen“, erklärt Maria Schulte-Kellinghaus und weist auf die hohe Verantwortung hin. Die Verfügung müsse inhaltlich klar bestimmt, in den Formulierungen eindeutig und gerichtsfest sein. Die Dezernentin greift auch die Kritik der Bad Sassendorfer an der Erreichbarkeit auf: „Darüber werden wir sofort sprechen und sehen, was sich organisatorisch verbessern lässt.“

Weitere Nachrichten zum Coronavirus im Kreis Soest finden Sie im aktuellen Ticker.

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