Eine Reise voller Geschichte

Zurück nach Varazdin - in das Hinterland Kroatiens

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Vergangenheit und Gegenwart: Zrinski-Garde von Cakovec

Varazdin - „Komm mit nach Varazdin, so lange noch die Rosen blühen...“ Das Duett aus Emmerich Kalmans „Gräfin Mariza“ war jahrzehntelang ein Hit – und gute Werbung für die Stadt im Norden Kroatiens.

1776 durch ein Feuer weitgehend zerstört, bietet das umgehend wiederaufgebaute Varazdin heute ein nahezu geschlossenes Barockensemble mit 17 Kirchtürmen. Monika Reuter auf Spurensuche:

“Komm mit nach Varazdin solange noch die Rosen blüh’n „ Ralf Benatzky , „Gräfin Mariza“

Sieben Uhr morgens, die Stadt erwacht. Bis auf ein paar Schulkinder sind die Straßen noch leer und geben den Blick auf die schönen Fassaden frei. Über allen Türen prunken Reliefs und Engel. Sieben Mal schon wurde die Gajeva Ulica in der Stadtmitte als schönste Straße Kroatiens gekürt. Wie ein Traum steigt die Alte Festung aus dem Frühnebel.

Die meisten Rosen wachsen in Varazdin heute allerdings auf dem alten Friedhof, der wie ein französischer Park anmutet. Trauernde, träumende, tröstende Skulpturen verstecken sich zwischen meterhohen und im Lauf der Jahrzehnte oft bedenklich geneigten Buchs- und Thuja-Hecken. Operettenseligkeit ist im heutigen Kroatien indes kaum noch auszumachen. Das Land ringt um Aufnahme in die EU , deren Flagge schon vor einigen Gebäuden weht. Die Tourismusbehörde möchte den Blick derzeit vor allem auf die kargen Ebenen und hügeligen Berge im Norden, jenseits der von den Urlaubern dicht besetzten Küsten und Inseln lenken.

Reise-Infos: Kroatiens Norden

REISEZIELDas nördliche kroatische Binnenland grenzt an Slowenien und Ungarn. Varazdin ist von der Hauptstadt Zagreb rund 85 Kilometer entfernt. Für kurze Zeit, von 1756 bis 1776, war Varazdin die Hauptstadt Kroatiens. 1924 komponierte Emmerich Kalman das Lied „Komm mit nach Varazdin“ für die Operette „Gräfin Mariza“. ANREISECroatia Airlines fliegt fünfmal täglich von München nach Zagreb. Tickets ab ca. 250 Euro. Bus ab 72 Euro bei Deutsche Touring, www.touring.de. Für Autofahrer: Die Strecke beträgt etwa 550 Kilometer. Mietwagen vor Ort ab 40 Euro plus Versicherung.
REISEZEITWer in Varazdin die Rosen blühen sehen will, sollte bis Ende Juni kommen. Im Juli und August kann es in Kroatiens Hinterland sehr heiß werden.
WELCHER REISETYPFür Strandflüchter und unkomplizierte Individualisten mit Lust auf Entdeckungen und Historie.
WOHNENDvorac Gjalski in Zabok: Residieren im Schloss für 77 Euro im DZ. Das 20-Zimmer-Haus aus dem frühen 19. Jahrhundert ist mit Kopien alter Meister bestückt und hat eine große Terrasse mit offenem Küchenpavillon; ca. 25 Kilometer nördlich von Zagreb. „Hotel Osijek“ in der gleichnamigen Stadt: modernes 140-Zimmer- Hotel mit Wellness-Center und über der Drau gelegener Terrasse, DZ ab 150 Euro. Internet: www.hotelosijek.hr.
GASTRO-TIPPVilla Valpovo im gleichnamigen Ort. Restaurant mit authentischer Küche zu moderaten Preisen, z.B. Truthahn- Schnitzel mit Mlinci (Nudelteigflecken) und Joghurtsoße für sechs Euro. Auch Hotel. Internet: www.villa-valpovo.hr.
WEINWeingut Zdjelarevic in Brodski Stupnik. Idyllisch gelegen inmitten der Weinberge, mit kleinem Hotel (15 Zimmer, DZ für 100 Euro). Hier kann man den lokalen Wein Grasevina probieren, eine Rieslingmutation. Internet: www.zdjelarevic.hr. SEHENSWERTMuseum für naive Kunst in Zagreb. Eine umfangreiche Sammlung in einem Gebäude aus dem 18. Jahrhundert. Sv. Cirila i Metoda 3, geöffnet Di – Fr 10 bis 18 Uhr und Sa/So 10 bis 13 Uhr. Internet: www.hmnu.org.
Ivan Mestrovic Museum: Kroatiens berühmtester Bildhauer, der Rodin- Schüler Ivan Mestrovic (1883 – 1962), hat sein historisches Wohn- und Atelierhaus zusammen mit 300 Skulpturen der Stadt vermacht – eine Art Stuck-Villa von Zagreb , geöffnet Di – Fr 10 bis 18 Uhr, Sa/So 10 bis 14 Uhr. Internet: www.mdc.hr/mestrovic. Mirogoj-Friedhof in Zagreb: eine wunderschöne Anlage von 1876, eine Art Freilichtmuseum mit romantischen Arkaden und verwunschenen Gräbern. Hier liegt die kroatische Prominenz von Präsident Franjo Tudman (1922 – 1999) bis Schlagersänger Ivo Robic (1923 – 2000). Kathedrale: Die neugotischen Zwillingstürme erinnern an den Kölner Dom. Eine Wand ist mit der berühmten Glagolitischen Schrift aus dem 9. Jahrhundert bedeckt. Inmitten der reichen Innenausstattung steht der Sarkophag des 1998 selig gesprochenen Kardinals Alojzije Stepinac. Kumrovec: Geburtsort von Josip Broz Tito (1892 – 1980). Hier ist die Zeit stehen geblieben. Rings um das Geburtshaus des Staatsgründers von Jugoslawien wurde ein ganzes Dorf als Museum konserviert – Idylle pur mit postkommunistischer Verklärung. Ca. 45 Kilometer von Zagreb nahe der slowenischen Grenze. Festung Osijek: weitläufige historische Festungsanlage mit Stadtstruktur. Das Hauptkommandogebäude – heute Verwaltung – ist auf dem 200 Kuna-Schein abgebildet.
VERANSTALTERSpezialist für Kroatien-Reisen ist i.D. Riva- Tours in München, Neuhauser Str. 27, Tel. 089/231 10 00, www.idriva.de.
WEITERE INFOSKroatische Zentrale für Tourismus in München, Tel. 089/22 80 29 98, Internet: www.kroatien.hr.

Es ist eine Tour in die Vergangenheit, in eine Zeit häufig wechselnder Herrscher und türkischer Eroberer. Aber auch Spuren des Balkankrieges, der erst 15 Jahre zurücklegt, werden sichtbar. Da Kroatien so oft zwischen die Fronten streitender Mächte geriet, gibt es hier viele Burgen und Festungen, die später zu Schlössern umgebaut wurden und heute ganz unterschiedlich genutzt werden.

„Da schauen Sie, die Eichentreppe gehört zu den ältesten Teilen des Schlosses“, sagt Schwester Berislava, mühelos zwischen mehreren Sprachen wechselnd. Sie ist sozusagen die PR -Chefin von Luzinica , einem Barockschloss 20 Kilometer westlich von Zagreb, das 1925 vom St.-Vincent- Orden gekauft wurde. Die Vincentinerinnen führen ein offenes Haus und haben in dem hochherrschaftlichen Anwesen ein Bildungszentrum mit 61 Gästebetten eingerichtet. Sonntag Nachmittag (oder nach telefonischer Vereinbarung) ist das in einem alten Park gelegene Schloss für Führungen geöffnet. Bei der Renovierung des Schlosses habe auch das Erzbistum Freising geholfen, merkt Schwester Berislava an.

Ein weniger glückliches Schicksal hat die Burg Veliki Tabor nahe Desinec. Unter den Kommunisten wurde das hoch auf dem Berg thronende Gemäuer aus dem Mittelalter land-wirtschaftlichen Kooperativen überlassen, und die machten daraus Lagerhallen und Räucherkammern. Jetzt ist die Burg als Baudenkmal höchster Kategorie eingestuft. Die Außenmauern sind eingerüstet, unter den Arkaden lagert Baumaterial. Drei Arbeiter werkeln vor sich hin. „Vielleicht öffnen wir nächstes Jahr“, sagt eine Mitarbeiterin des künftigen Museums. „Aber nur vielleicht.“

Nicht weit entfernt liegt Schloss Trakoscan, das aussieht wie der kleine Bruder von Neuschwanstein. Im 19. Jahrhundert wurde es – der damaligen Mode folgend – mit vielen Türmen und Zinnen errichtet. Heute gehört die Burg dem kroatischen Staat und ist ein Museum, das die Familiengeschichte derer von Draskovic nachzeichnet. Von der Ahnengalerie, die bis zurück ins 16. Jahrhundert reicht, bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, als ein Adelsspross die Fotografie als Hobby entdeckte und festhielt, was ihm vor die Linse kam: Familie, Bedienstete, Bauern, Reiter, den Hund und den Bruder beim tollkühnen Sprung über eine Gartenbank – ein höchst unterhaltsames Zeitzeugnis. Der Rest der Geschichte verliert sich im Dunkeln. Ob die letzten Schlossherren enteignet wurden, das Anwesen an den Staat verkauften oder einfach vor den Kommunisten geflohen sind, dazu gibt es von den Führern widersprüchliche Auskünfte. Ein Phänomen, dem man bei Fragen nach der jüngeren Geschichte in Kroatien öfter begegnet.

Dabei wird das Vergangene in dieser Gegend mit Leidenschaft gepflegt. Man trägt gerne Tracht, vor Schlössern und Burgen spielen Laien historische Szenen nach, und Bürgervereine nehmen in alten Uniformen für Touristen Aufstellung. Zu den Mit gliedern der Zrinski-Garde (nach einer alten Adelsfamilie benannt) von Cakovec gehört nach deren Angaben sogar der Bischof von Varazdin, Josip Mrzljak.

Unerwartet taucht im kleinen Dorf Nasice ein Schloss auf. Der weitläufige Herrschaftssitz, der heute ein bescheidenes Heimatmuseum birgt, ist vor allem interessant, weil hier Dora Pejacevic lebte, Kroatiens erste Komponistin, eine Künstlerin, die mit Größen ihrer Zeit wie Annette Kolb , Rainer Maria Rilke und Karl Kraus verkehrte. Zuletzt wohnte sie in München , wo sie 1923 starb.

Selten residiert eine Stadtverwaltung so nobel wie in Donji Miholjac. Die Behörde sitzt in einem 1901 im Tudorstil erbauten Jagdschloss – mit drei Heizungen und eigenem Wassersystem damals eines der modernsten Gebäude seiner Zeit. Das Schloss kann – nach Voranmeldung – zu den üblichen Geschäftszeiten besichtigt werden. Am Ende gibt es dann doch noch einen Hauch Operette, und das ausgerechnet in der Hauptstadt Zagreb. In der Oberstadt, wo sich Kirchen, Klöster, Museen, Regierungsgebäude und Palais zusammendrängen, stehen tatsächlich noch alte Gaslaternen. 200 an der Zahl. Um ihr mildes Licht an- und auszuknipsen, gibt es zwei Anzünder, die abends und morgens anderthalb Stunden lang unterwegs sind. Soviel Zeit muss sein ...

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