Ausstellung in Stuttgart

Zaster, Follower und Turnschuhsammler: Die «Gier» im Museum

Turnschuhe aus der Sammlung
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Turnschuhe aus der Sammlung des Sammlers Danijel Balasevic sind in der Sonderausstellung "Gier.

Wer mehr will, der ist gierig, oder? Und ist das dann eine Tugend oder kann es auch unmoralisch werden? Mit der «Gier» in (fast) all ihren Facetten setzt sich eine Ausstellung in Stuttgart auseinander. Sie zeigt: wo einer gierig ist, da kommt meist noch ein anderer dazu.

Stuttgart (dpa) - Am Ende bleibt nur noch der Wecker. Fast fünf Jahre lang erinnerte er Katharina Weber Tag für Tag daran, ein Bild bei Instagram zu posten. Was als Hobby begann, wurde zur Routine, später zum Zwang, weil sie sich nach Likes und Followern sehnte.

Ihre Anhänger verlangten im Gegenzug neue Inhalte. Bald folgten ihr und ihren Tipps zu Reisen, Essen oder Beautyprodukten rund 40.000 Accounts. «Ich hab mir immer das Ziel gesetzt, 10.000 Follower zu erreichen. Und als das erreicht war, wollte ich 20.000, 30.000 und so weiter», erzählt Weber. «Ich hatte das Verlangen nach Likes und Followern». Irgendwann reichte ihr der Druck, sie zog 2019 die Reißleine und stieg aus.

«Gier» ist Teil einer Trilogie

Der Wecker steht heute als Symbolstück im Stuttgarter Museum. Denn Webers Erfahrungen sind Teil einer Ausstellung, in der das Haus der Geschichte dem Phänomen der «Gier» vom kommenden Dienstag (16. März) an auf den Grund gehen möchte. Es ist der erste Teil einer Trilogie, in der sich das Haus der Geschichte bis 2023 auch dem Hass und der Liebe widmen will.

Geldgierig, wissbegierig, neugierig, nie genug haben, immer mehr wollen - die Gier als Emotion ist so vielschichtig wie die Ausstellung mit ihren mehr als 30 unterschiedlichen Beispielen aus drei Jahrhunderten. Mal gilt das Streben und Verlangen als legitim und als Tugend, mal als rücksichtslos und unmoralisch. «Die Gier ist ein Thema, das eine große Ambivalenz in sich führt», sagt Museumsleiterin Paula Lutum-Lenger. «Wissbegierde und Neugier sind ein Antrieb und bringen die Gesellschaft nach vorne. Da unterscheiden sie sich stark von der Habgier.»

Im goldfarben verkleideten Ausstellungsraum spannen die Kuratoren den Bogen von der Habgier als Antrieb der Fürsten im frühen 19. Jahrhundert über Geschäftsleute und ihr Streben nach wirtschaftlichem Erfolg um jeden Preis bis zur Ausbeutung der deutschen Kolonien. Sie wird durch den «Thronsessel von Garega» verdeutlicht, den der aus Lahr stammende Oberleutnant Richard Hirtler (1872-1916) für den Aufbau einer privaten Sammlung von Kunst- und Handwerksgegenständen aus Kamerun mitnahm. Das kostbare Stück lieh er dem Stuttgarter Karl Graf von Linden (1838-1910), dem Mitgründer des nach ihm benannten Stuttgarter Museums Länder- und Völkerkunde. Aber er hatte die Leidenschaften von Lindens unterschätzt: den Sessel bekam er zu Lebzeiten nicht mehr zurück.

Gier in all ihren Facetten

Während ein paar Meter weiter eine TV-«Shopping Queen» vom Kaufrausch mit dem Schnäppchenführer schwärmt, erinnert das Modell der Protestkuh Resi an die Gier der Verbraucher nach billiger Milch - und an die Folgen für die Bauern, für die sich die Produktion kaum noch lohnt. Eines der gefälschten Hitler-Tagebücher aus dem Jahr 1983 findet ebenso Platz im Haus der Geschichte wie Erinnerungen an den FlowTex-Betrug um angebliche Horizontalbohrmaschinen, an die Vorratsdatenspeicherung, an Skandale im Aktienfieber und die Sucht nach dem «Betongold», die die Immobilienpreise vor allem in den Großstädten von einem Rekord zum nächsten treibt. «Wir haben das Thema sehr expansiv verstanden», erzählt Ausstellungsleiter Rainer Schimpf beim Rundgang.

Der Aspekt der Gier als vermeintliche Todsünde und die Verbindung zur Religion bleibt dagegen unerwähnt, auch umgeht die Ausstellung eine psychologische Erläuterung dieser Begierde und des Verlangens. «Wir wollen die Gier nicht erklären, sondern wir wollen zeigen, wie sie die Geschichte beeinflusst hat, sei es auf königlicher oder lokaler Ebene», sagt Schimpf. «Die Spekulation, warum jemand so gehandelt hat, maßen wir uns nicht an.»

Nashorn-Trophähe zeigt doppelte Gier

Profit, Pracht und Billigware auf der einen, das begierige Streben nach Wissen, nach Erfolg und Titeln auf der anderen Seite: Mit Sprüchen wie «Gierig zu bleiben ist die erste Bürgerpflicht im Sport» peitscht zum Beispiel Erfolgstrainer Jürgen Klopp sein Team nach vorne. Und setzt es eine Niederlage auf dem Platz, dann war das Team «einfach nicht gierig genug».

Eines der beherrschenden Ausstellungsstücke: der präparierte Kopf eines Nashorns, in den 1920er Jahren erlegt von Trophäenjägern. Das trutzige Exponat aus dem Offenburger Ritterhausmuseum steht aber keineswegs nur für die Gier auf das Großwild, es ist auch beispielhaft für die Geldgier von Dieben und die Gier nach teuren prestigeträchtigen Geschenken, die sich zum Beispiel in den Eliten Chinas und Vietnams etabliert hat. Vier auf Nashornraub spezialisierte Diebe hatten das historische Präparat 2012 beschädigt und beide Hörner mitgehen lassen, um sie - höchstwahrscheinlich zu Pulver zermahlen - nach China oder Vietnam zu schaffen. Auf dem Schwarzmarkt dürften sie dort einen Kilopreis von bis zu 50.000 Euro erzielt haben.

Service:

Mit Termin sind Besuche im Haus der Geschichte ab dem 16. März wieder möglich. Unter der Rufnummer 0711-212-3989 oder der Mailadresse «besucherdienst@hdgbw.de» können Slots für die kommenden beiden Wochen gebucht werden.

Ein spezielles digitales Eröffnungsangebot mit Videos zur Ausstellung und zur Inszenierung ist auf www.gierhassliebe.de abrufbar.

Der Eintritt kostet 5 Euro für Erwachsene, ermäßigt 2,50 Euro.

© dpa-infocom, dpa:210311-99-776294/4

Alle Videos zur Ausstellung

Eine Nashorntrophäe aus den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts, deren Hörner 2012 gestohlen worden waren.
Ein Mann betrachtet während eines Pressetermins in der Sonderausstellung "Gier. Was uns bewegt" im Haus der Geschichte Baden-Württemberg eine Videoinstallation.
Ein Mann sitzt während eines Pressetermins in der Sonderausstellung «Gier. Was uns bewegt».

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