Der Mann mit den vielen Gesichtern

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Ein Mann und seine Masken: Michael Stöhr mit einem kleinen Teil der Sammlung

Wo würde man ein Museum für Masken suchen? In einer der Hochburgen des närrischen Frohsinns wie Köln, Düsseldorf oder Mainz? Weit gefehlt. Die weltgrößte Sammlung an Masken hat Michael Stöhr...

...in Diedorf bei Augsburg zusammengetragen. Reiseredakteur Volker Pfau hat sich unter den über 6000 Masken umgesehen.

Jetzt kommen sie wieder. Natürlich. Immer in der Faschingszeit erinnern sie sich an Michael Stöhr und seine 6.000 Masken. „Mehr Besucher und mehr Medien“ registriert derzeit der 59-jährige Lehrer für Kunst, Ethik und Erdkunde am Justus-von-Liebig-Gymnasium Neusäß. Das gesteigerte Interesse ist ihm jedoch sehr recht, denn öffentliche Aufmerksamkeit hilft, sein privates Projekt weiterzuführen.

Nur herrsche heute gerade ein bisserl Unordnung, meint Michael Stöhr mit einem entschuldigenden Achselzucken. Für die Aufnahmen eines Fernsehteams mussten die Beleuchtung im Museum umgebaut und einige der weißen Namensschilder der Masken entfernt werden. Kein Problem, Michael Stöhr kennt sie trotzdem alle und weiß zu jeder eine Geschichte – wie er sie bekommen hat, was sie bedeuten, wer sie trug. Letzteres ist eines der wichtigsten Kriterien für ihn. „Die Maske muss getragen sein.“ Diese Bedingung muss erfüllt sein, um ins Museum aufgenommen zu werden.

So finden sich denn neben Exponaten aus der Südsee, aus vielen afrikanischen Ländern, von nordamerikanischen Indianern oder aus dem Alpengebiet auch ganz profane Gesichtsbedeckungen wie Star-Wars-Masken, ein Stoiber-Kopf aus Latex oder die aus dem Horrorfilm Scream bekannte Fratze.

Seit das Maskenmuseum in Diedorf vor zwei Jahren vergrößert wurde, kann Michael Stöhr neben den rund 6000 Masken aus aller Welt wenigstens einen Teil seiner hölzernen Statuen und Möbel zeigen, die er vor allem in Afrika und in der Südsee gesammelt hat.

Angefangen hat die Maskenleidenschaft von Michael Stöhr mit einem Irrtum. Auf einer Berlin-Exkursion während seines Studiums an der Kunstakademie München geriet er im Museum in Dahlem versehentlich in die Sammlung für Südseekunst – und war davon fasziniert.„Drei Jahre später sind wir in die Südsee gereist“, sagt er. Gemeinsam mit seiner Frau Birgitta („die interessiert sich fürs Reisen, nicht fürs Horten von hölzernen Gegenständen“) flog er um die halbe Welt und kam vollbepackt zurück nach Diedorf. Dank der Reiseleidenschaft des Ehepaars und der Sammelleidenschaft von Michael Stöhr war das Haus bald ziemlich voll. Vor knapp zehn Jahren konnte er einen leerstehenden Bauernhof in der Ortsmitte mieten, renovierte das Gebäude selbst und transportierte im Januar 2004 dann seine Masken ins neue Domizil. Vor zwei Jahren konnte er das Anwesen kaufen, die Ausstellungsräume vergrößern und einige Ateliers einrichten, durch deren Vermietung er den Kredit und die laufenden Kosten finanzieren kann. Seither gibt es das Haus der Kulturen im westlichen Landkreis Augsburg.

Jetzt fehlt nur noch die offizielle Anerkennung. Dass er mit über 6.000 Masken die größte Sammlung der Welt hat, weiß Michael Stöhr. Dass das Guinnessbuch der Rekorde dies anerkennen würde, weiß er auch. Aber davor muss Stück für Stück unter notarieller Aufsicht gezählt werden, und bevor es ans Zählen geht, muss so manches der Stücke von Staub und Spinnweben befreit werden. „Wenn man das alles alleine macht, zieht sich das hin“, sagt Michael Stöhr. So schnell wie früher wächst allerdings seine Sammlung nicht mehr. „Heutzutage werden viele Masken einfach nur noch ausgefräst“, sagt er mit Wehmut.

Nach klassischer Handwerkskunst geschnitzte Exemplare gibt es immer seltener. Das musste er gerade auf seiner letzten Reise feststellen, die ihn und seine Frau über Weihnachten nach Kamerun führte. „Alles Fälschungen“, meint er resigniert. Mit keiner einzigen neuen Maske ist er zurückgekommen. Dafür habe er aber in dem zentralafrikanischen Land jede Menge Kinderspielzeug gekauft. Bald soll es in Diedorf eine entsprechende Ausstellung geben.

Volker Pfau

DIE REISEINFOS ZUM MASKENMUSEUM

REISEZIEL Die Marktgemeinde Diedorf liegt rund zehn Kilometer westlich von Augsburg an der B 300. Das Maskenmuseum ist in der Ortsmitte.

ANREISE Mit dem Auto von München über die A8 bis zur Ausfahrt Augsburg West, danach auf B17 und B300 weiter bis Diedorf. Entfernung von München rund 80 Kilometer. Mit der Bahn gibt es von München aus tagsüber mit Regionalzügen (hier gilt das Bayern-Ticket) direkte Verbindungen nach Diedorf im 30-Minuten-Takt. Fahrzeit: rund eine Stunde. Das Museum ist wenige Gehminuten vom Bahnhof entfernt.

TERMINE Vom Aschermittwoch bis zum 17. März sind im Foyer des Landrats­amtes Augsburg 100 alte Masken aus dem Bestand des Maskenmuseums ausgestellt. Vom 1. Mai bis 3. Oktober ist im Maskenmuseum Diedorf die Sonderausstellung „Vogelgezwitscher – Storchengeklapper“ mit Vogelmasken und -statuen zu sehen.

MUSEUM Das Museum ist nur nach telefonischer Absprache geöffnet. Michael Stöhr ist erreichbar unter Tel. 08238/60245 oder 0172/ 823 0756. Der Eintritt inklusive Führung kostet 5 Euro pro Person, Kinder bis 12 Jahre frei. Gruppen (sechs bis zwölf Personen) zahlen gesamt 25 Euro. Auf Wunsch macht Michael Stöhr auch individuelle Führungen zu speziellen Schwerpunkten oder Themen.

ADRESSE Internationales Maskenmuseum, Lindenstr. 1, 86420 Diedorf, www.maskenmuseum.de.

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