Italien mit Augen und Öhrchen

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Entspannte Atmosphäre - in Apulien ist Hektik ein Fremdwort, für die Römer lag die Region am Ende der Welt.

Irgendwo zwischen Trendhotel und Lifestyle-Strandclub ist es verloren gegangen, das eine, das wahre italienische Lebensgefühl.

Wiedergefunden hat es unsere Autorin Eva Oesterreich ganz weit im Süden – in den Gassen der Hafenstadt Bari.

Nunzia Caputo trägt ein leichtes Sommerkleid, dunkelblau mit weißen Tupfen. Neben ihr auf der Straße steht der Kinderwagen des Enkels, darauf stapelt sich Bügelwäsche. In der Hand hält die 52-Jährige ein kleines, rotes Küchenmesser. Sie trennt damit Stückchen von einer Teigwurst ab, formt sie zu Nudeln, die aussehen wie kleine Muscheln. Acht bis zehn Kilo Orecchiette – zu Deutsch: Öhrchen – produziert sie auf diese Weise täglich. Pasta, die aus der traditio- nellen apulischen Küche gar nicht wegzudenken ist.

Baris enge, gepflegte Altstadtgassen zwischen Piazza Ferrarese und Mercantile sind Wohnzimmer, Küche und Vorgarten zugleich. Wäsche trocknet im Wind, überall blicken Schutzheilige und Madonnen von Altären und Votivbildern, durch die offenen Türen erhascht der Passant den Blick auf Familien beim Essen.

Italien

In der Arco Basso („Niedriger Bogen“) kann man den Frauen beim Nudelmachen unter freiem Himmel über die Schulter schauen. An kleinen Tischen gehen sie ihrem „Handwerk“ nach. Eine halbe Stunde braucht Nunzia für ein Kilo Orecchiette oder Cavatelli. Wenn viel los ist, sind die frischen Teigwaren – vier Euro kostet das Kilo – schnell vergriffen. Nunzia hat es zu einer gewissen Berühmtheit gebracht: Der englische TV-Koch Jamie Oliver war schon bei ihr zu Gast. Sie servierte ihm Orecchiette, er ihr ein Menü nach deutschen Rezepten. Die Zeitungsartikel, die darüber berichteten, hat sie aufgehoben und zeigt sie stolz vor.

Wie man ausschließlich aus Mehl und Wasser Nudelteig macht, dass hat Nunzia von ihrer Mutter Franca Fiore (79) gelernt, die Enkelinnen werden die Tradition fortführen. „Wir sind einfache Leute, haben Humor und halten zusammen“, erklärt sie das Rezept fürs verträgliche Zusammenleben in der Enge des alten Bari.

Fischer im Hafen von Gallipoli

Dem Charme der alten Gassen, dem Reiz der apulischen Küche und der beschaulichen Küstenorte zwischen adriatischem und ionischem Meer erliegen immer mehr Erholungssuchende. Als Ausgangspunkt zur Entdeckung Apuliens bietet Bari beste Voraussetzungen. Wer nicht mit einem der vielen Kreuzfahrtschiffe ablegt, begibt sich am besten mit dem Auto auf die Reise. Der Stadtstrand Baris „Pane e Pomodoro“ – zu Deutsch: Brot und Tomate – liegt etwa einen Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Öffentliche Badestrände findet man rund um Monopoli und in Capitolo. Mittelalterliche Hafenstädte reihen sich entlang der Küste mit überwiegend Felsstränden. Der Stauferkönig Friedrich II (1196 – 1250) schuf Kulturdenkmäler wie das achteckige Castel del Monte bei Andria.

Ziel eines Ausflugs kann die 60 Kilometer entfernte „Trulli“-Stadt Alberobello – Weltkulturerbe, aber auch Touristenhochburg – sein. Die Wohn- und Speicherhäuser mit den „Zipfelmützen“ sind das Wahrzeichen der Stadt. Das Itria-Tal zählt zu den beliebtesten Reisezielen Apuliens. Schluchten und hügelige Karstlandschaft durchziehen das Hinterland und laden zum Wandern ein. Zu den weniger bekannten und entfernteren Ausflugszielen (150 Kilometer) zählt „La Grecìa Salentina“: Im „Salentinischen Griechenland“ zwischen Lecce, Galatina und Otranto wird „Griko“, ein einzigartiger, italienisch-griechischer Mischdialekt gesprochen, der von den illyrischen Siedlern eingeführt wurde.

Und natürlich kommen Feinschmecker in Apulien auf ihre Kosten. 27 DOC-Weine werden hier produziert. Aus den rund 60 Millionen Olivenbäumen Apuliens entsteht hochwertiges Öl. Für Genießer also eine Gegend, in der es sich lohnt, Augen – und Öhrchen – offen zu halten.

REISE-INFOS ZU BARI

REISEZIEL Bari (ca. 300 000 Einwohner) ist wirtschaftliches und kulturelles Zentrum der Region Apulien. Abseits des Massentourismus hat der Südosten Italiens viel von seiner Ursprünglichkeit bewahrt. Großflächige Olivenhaine, Weinbaugebiete und verträumte Küstenorte erwarten den Besucher.

ANREISE Der Flug zum „Absatz“ des italienischen Stiefels dauert knapp zwei Stunden. Lufthansa beispielsweise fliegt Bari im Sommer und Winter ab München täglich an (Hin- und Rückflug ab 99 Euro). Im Reisebüro oder unter www.lufthansa.com. Kleinwagen gibt es ab 180 Euro pro Woche.

REISEZEIT Im Hochsommer, wenn die Italiener selbst Urlaub haben, ist Süditalien heiß und übervoll. Beste Urlaubszeit ist Mai und Juni sowie September und Oktober.

REISETYP Für Italien-Nostalgiker, die guten alten Urlaubszeiten hinterhertrauern. Hier ist der Platz, um ein Revival zu feiern.

ESSEN & TRINKEN Typisch für Apulien sind Nudelgerichte mit frischem Fisch und Meeresfrüchten. Solche Gerichte servieren in Bari beispielsweise „La Cecchina“ (Altstadt Piazza Mercantile, 31,), “Le Arpie“ (Altstadt, Vico Arco del Carmine 2), “Giampaolo” (Altstadt, Via F. Lombardi 18) und “Al Sorso Preferito” an der Strandpromenade (Via Vito Nicola De Nicolò 46). Nicht entgehen lassen sollte man sich die Nachtische „Sporca Musi“ (zu Deutsch: Lippenschmutz) und Bigné, eine apulische Spielart des Windbeutels.

WOHNEN Neben zahlreichen Hotels bieten sich in der Stadt Bari auch private Unterkünfte („Affittacamere“) an. Apulien-Reisende haben außerdem die Wahl zwischen Urlaub auf dem Bauernhof (Agriturismo) und Zimmern auf Landgütern (Masseria). Reisende mit Kindern finden rund um Monopoli Familienhotels, beispielsweise das „Porto Giardino“ (Swimmingpool, Bungalows und Kinderspielplatz). Beliebt ist der „Robinson-Club Apulia“. Hotels für gehobene Ansprüche: „La Peschiera“ und „Il Menograno“. Bei alle bekannten Touristikunternehmen gibt es Pauschalangebote.

WEITERE INFO Enit, Staatliches Italienisches Fremdenverkehrsamt, Prinzregentenstr. 2, München, Tel. 089/531317; www.enit-italia.de.

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