„Falls sie kommen...“

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Eine Küste für jeden Geschmack - im Norden Kretas dominieren breite Sand- und Kiesstrände

Griechenland-Urlaub in der Krise: Unser Autor Christian Deutschländer trifft auf ein Land, das um sein Image kämpft. Und um jeden einzelnen Gast. Szenen von einer Urlaubsinsel am Ende Europas.

Das Bild unserer geheimen Urlaubsträume zeigt einen Holztisch am Kieselstrand, zwei Stühle, eine Flasche Ouzo. Das Bild im Fernseher zeigt brennende Mülltonnen und fliegende Steine auf dem Syntagma-Platz in Athen. Beim Zeus - was ist los in Griechenland?

Kreta, Anfang Mai 2012

Im entlegensten Dorf des Kontinents ist es Zeit für die Wahrheit über die Krise. Vorher aber zieht sich Zacharias Delakis eine staubige Trainingsjacke über die schmale Brust, bietet einen Kaffee an, fährt mit dem Lappen über den klapprigen Tisch seiner Taverne. Er hat bis eben geschuftet hier, baut eine neue Terrasse, renoviert die Treppen runter zum Meer. Die Zeit drängt, es ist schon Mai. Die Touristen kommen. Falls sie kommen.

Delakis dreht sich eine Zigarette, dann sagt er sein Rezept gegen die Krise. „Wir müssen ehrlich sein. Dann kommen die Gäste zurück.“ Delakis meint nicht Schuldenschnitte, Vetternwirtschaft und Defizitquoten. Er meint die Rechnung nach dem Essen, er meint die Qualität, er meint sogar den Schafskäse: „Wenn ich den billigeren Feta nehme, merken es die Gäste. Sie sagen nichts. Aber sie merken es.“ Und kommen nicht wieder.

Die Urlaubsziele der Stars

Die Urlaubsziele der Stars

Man fährt ja nicht zufällig vorbei bei Delakis’ 25-Tische-Taverne El Greco. Sein Dorf Lendas liegt am Ende einer ewig langen Serpentinenstraße über das Asterousa-Gebirge, zwei Dutzend Kilometer rauf und wieder runter bis zur völlig abgeschiedenen Südküste Kretas. Drei Schafherden sind allein im letzten Teilstück zu passieren. Sogar hier, am Ende Europas, ist die Krise angekommen. Delakis könnte jetzt in den Jammer-Singsang verfallen. Alle böse: die griechische Politik, die Banken, die Merkel. Faul rumsitzen und wehklagen gehört ja auch irgendwie zum Griechen-Klischee. Wer dieser Tage durch Hellas reist, sieht davon allerdings überraschend wenig. Es wird gewerkelt, gemauert, geputzt. Griechenland nimmt den Kampf auf um die Rückkehr seiner Gäste.

„Wir merken, dass sich die Leute zurückhalten und abwarten“, sagte der Tourismusminister im März. Das war, als Griechenland noch einen Minister hatte und eine gewählte Regierung. Seither wurde es nicht leichter. Die Buchungszahlen liegen deutlich unter dem Vorjahr, die Gewinne brachen um 45 Prozent ein. Vieles schreckt die Kunden ab: die Bilder aus Athen, die politischen Vorwürfe - die Deutschen angeblich nicht hilfsbereit, die Griechen angeblich undankbar -, die Streiks, die vergangenes Jahr auch Gäste trafen. Für ein Land, das so enorm vom Tourismus abhängt, ist die Zurückhaltung der Reisenden brandgefährlich.

Kreta, Nordküste: Mitten in der Hauptstadt Heraklion steht auf einem Platz ein völlig demolierter Kleinwagen, das Dach eingedrückt. Ausschreitungen, Krawalle? Von wegen - es ist die Werbung für die Dinosaurier-Ausstellung in der Stadt, ein riesiger Tatzenabdruck auf der Motorhaube. Es riecht wie immer nach Thymian auf Kreta, nicht nach Tränengas.

„Das Leben auf den Inseln läuft ganz normal“, beteuert Vassilis Minadakis. Er ist Hoteldirektor, zehn Minuten von Heraklion entfernt, in einem Fünf-Sterne-Paradies. Sein Grecotel Amirandes haben die TUI-Kunden mal zu einem der 20 Lieblingshotels weltweit gewählt, doch auch er muss kämpfen. „Es gibt einen Rückgang bei den Buchungen“, bestätigt Minadakis zögernd.

Nun darf man sich Kreta nicht menschenleer vorstellen, trotz Krise sind tausende Touristen auf der Insel. Für eine Urlaubsinsel macht es aber einen riesigen Unterschied, ob 2,5 Millionen Deutsche einfliegen, so wie letztes Jahr, oder eine halbe Million weniger. An Minadakis’ Hotel hängen 200 Jobs. Und die Familien. Und die Zulieferer. Und die Bio-Farm. Und so weiter.

Minadakis schaufelt Früchte auf den Teller des Gastes. „Wir versuchen“, sagt er sehr ernst, „dieses Jahr noch freundlicher zu sein.“ Als hätte man uns bisher den Ouzo grunzend auf den Tisch geknallt, als wäre Hellas nicht schon immer das Land der Gastfreundschaft gewesen. Aus Minadakis’ Worten spricht wohl mehr die Sorge, ob und wieviel kaputtgegangen ist in der Freundschaft, seit radikale Parteien in Athen gegen Merkel hetzen und deutsche Magazine die Aphrodite mit Stinkefinger auf dem Titel haben. „Diese Sachen“, seufzt er. „Manche haben sich nicht benommen.“ Minadakis und seine Kollegen führen lange Gespräche mit Stammgästen. „Die Beziehungen werden nicht so einfach zerstört“, hofft er. Tatsächlich: In den letzten Tagen haben die Buchungszahlen ein bisschen angezogen. Noch aber gibt es viele Unbekannte in der Rechnung. Wieder Neuwahlen? Vielleicht. Reicht’s dann für eine stabile Regierung? Vielleicht. Bleibt der Euro? Vielleicht. Verdammt viele Vielleichts.

Unten, am Ende Europas, geht Delakis zurück an die Arbeit. Ein  Treppengeländer runter zum Meer muss eingepasst werden. „Ehrlich“, murmelt Delakis nochmal: „Die kommen zurück."

Christian Deutschländer

DER WIRT

DER WIRT

Zacharias Delakis führt mit seinen zwei Brüdern seit 18 Jahren eine kleine Taverne an der Südküste in Lendas und vermietet vier Zimmer. „Es wird ein schwieriges Jahr“, fürchtet er. Er rät zur Besinnung auf Qualität und authentisches Auftreten. „Wenn es den Leuten gefällt, dann werden sie zurückkommen.“

DER HOTELIER 

DER HOTELIER

Vassilis Minadakis leitet das schicke Grecotel Amirandes auf Kreta. „Es sind nicht unsere besten Jahre“, sagt er, und hat schon 36 in dieser Branche erlebt. „Viele Menschen sind skeptisch, ob sie nach Griechenland fahren sollen. Ich verstehe das. Aber das Leben auf den Inseln läuft ganz normal. Alles ist, wie es war.

DIE URLAUBERIN

DIE URLAUBERIN

Simone hat mit Freundin Nadine in Ferma bei Ierapetra Urlaub gemacht. Angst vor Streiks? Nein, sagt sie, „wir wussten ja, dass das, wenn überhaupt, vor allem in Athen stattfindet“. Die politischen Debatten und Vorwürfe haben die Ferien jedenfalls nicht überschattet. „Wir sind aktiv von mehreren Griechen darauf angesprochen worden, wie schön es ist, dass noch deutsche Touristen kommen. Wir haben keinerlei Abneigung gespürt - alle waren extrem freundlich zu uns und interessiert.

DIE PROFESSORIN

DIE PROFESSORIN

Claudia Brözel von der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung in Eberswalde hat untersucht, welches Bild in den Köpfen der Deutschen vom Urlaubsland  Griechenland herrscht. „Es ist stark geprägt von austauschbaren Attributen wie Strand“, sagt sie, „aber auch von der großen Gastfreundschaft der Griechen.“

Griechenland wird günstiger 

Markus Bruchmüller

Wird der Griechenland-Urlaub in der Krise billiger? „Wir haben die Preise um bis zu zehn Prozent gesenkt“, sagt Markus Bruchmüller (Foto), Leiter Produktmanagement für das östliche Mittelmeer beim Reiseveranstalter TUI. Aber vor allem profitierten Urlauber im Sommer 2012 von einem besseren Preis-Leistungs-Verhältnis.  So seien beispielsweise die Nebenkosten für Restaurantbesuche im Vergleich zu 2011 gesunken - trotz höherer Mehrwertsteuer. Aktuelle Reisepreise für den Griechenland-Urlaub bei der TUI:

KRETA Fünfeinhalb-Sterne-Hotel Grecotel Amirandes, eine Woche mit HP, Flug ab München: ab 903 Euro. Club Magic Life Candia Maris Imperial, eine Woche all inclusive, ab 960 Euro.

KOS Fünf-Sterne-Hotel Puravida Resort Blue Lagoon Village, eine Woche all inclusive, Flug ab München: ab 1076 Euro.

RHODOS Fünf-Sterne-Hotel Sensimar Port Royal Villas, eine Woche mit HP, Flug ab München: ab 903 Euro.

PELOPONNES Viereinhalb-Sterne-Hotel TUI Best Family Grecotel Olympia Oasis, eine Woche all inclusive, Flug ab München: ab 804 Euro:

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