Trauer und Debatte nach Gondel-Unfall

Die Schattenseiten Venedigs

+
Ein Münchner Professor kam bei dem Unglück ums Leben

Venedig - Eine Gondel und ein Wasserboot stoßen auf dem Canal Grande zusammen, ein Deutscher stirbt. In der Lagunenstadt löst das eine hitzige Debatte aus: Millionen Touristen bringen nicht nur Geld.

Der dramatische Gondelunfall nahe der weltbekannten Rialto-Brücke am Canal Grande wirft ein Schlaglicht auf die Schattenseiten der Lagunenstadt. Schon lange kann Venedig, ein Kleinod des an pittoresken Schönheiten reichen Italiens, mit dem Strom der Millionen Touristen jährlich kaum noch fertig werden.

Auf dem Canal Grande, Hauptverkehrsader zwischen dem Bahnhof und dem Markusplatz, fahren täglich mehr als 3000 Boote hin und her, in den Spitzenzeiten ist es nochmals ein Drittel mehr. Aber auch die vor Dogenpalast und Campanile auftauchenden Kreuzfahrtschiffe setzen der sehr fragilen Lagunenstadt zu. Das historische Venedig wird außerdem noch regelmäßig von dem bedrohlichen Hochwasser der Adria überflutet.

Wer den wuseligen Bootsverkehr auf dem Canal Grande einmal von der beliebten Rialto-Brücke aus beobachtet hat, den verwundert es nicht, dass es zum tödlichen Zusammenprall am Wochenende kommen konnte. 435 Gondelfahrer haben ein Lizenz für ihr einträgliches Touristengeschäft. Dazu kommen 250 quirlige Wasser-Taxis für alle, die nicht mit der großen Masse in einem der 60 öffentlichen Vaporetti (Wasserbusse) zum Hotel oder zum Lido wollen. In dieses Canal-Chaos zwischen den Palazzi mischen sich noch Dutzende von Booten, die Waren transportieren - denn in dieser Stadt muss nahezu alles den Weg über das Wasser nehmen. Also kreuzen sich die Wege so oft und gefährlich, dass man von Notstand spricht.

Münchner Tourist stirbt in Venedig auf Canale Grande

Münchner Tourist stirbt in Venedig auf Canale Grande

Wieder einmal, so scheint es, musste in Italien erst ein Drama geschehen, bis - vielleicht - etwas geschieht. Gegner ungebremsten Wachstums beim Tourismus warnen schon seit Jahren, nicht zuletzt auch wegen der Schäden, wie sie von den „schwimmenden Städten“ auszugehen scheinen. Dass ein Maß verloren gegangen scheint, sieht man, wenn ein solcher Kreuzfahrtriese bedrohlich nahe am Markusplatz auftaucht, von starken Schleppern gezogen und weit über den Campanile hinausragend.

Kampagnen gibt es durchaus gegen den für die Geschäftsleute so einträglichen Kommerzrummel. Denn der hat in der Lagunenstadt immer Hochkonjunktur. Ein ganz frisches Beispiel, das für viele zum Himmel über Venedig stinkt: Für einige Tassen Kaffee und Magenbitter musste eine siebenköpfige Touristengruppe aus Rom auf dem Markusplatz sage und schreibe 100 Euro berappen - wegen der Live-Musik. Es gebe halt die Liste mit den Preisen, so der Betreiber ungerührt zu Kritikern. Sechs Euro pro Gast für die Musik - diese Schlagzeilen zu dem gesalzenen (und doch bekannten) Abkassieren haben den Unfall bereits verdrängt.

Zurück zu den Vaporetti und den Gondeln. Während dem Bürgermeister Giorgio Orsoni vorschwebt, private Gondeln nur zu festgelegten Zeiten fahren zu lassen und die Anlegestellen zu „entzerren“, um Sicherheit zu schaffen, punktet der Präsident des Gondoliere-Verbandes, Nicola Falconi: Er warnte schon früh vor den Gefahren des Wellengangs durch die vielen Motorboote. Und er sagt: „Die Gondel ist ein schmales Boot mit "menschlichem Antrieb", das keinen stört.“ Falconi macht durchaus praktische Vorschläge - so sollten seiner Meinung nach die Vaporetti mit sogenannten Bugstrahlrudern ausgerüstet werden, damit sie weniger wenden müssen und leichter manövrieren. Vorschläge gibt es eine ganze Reihe - abzuwarten bleibt, was davon wirklich einmal umgesetzt wird.

Denn in der Lagunenstadt kommt kaum ein größeres Projekt ohne jahrelange heftigste Debatten durch. Das gilt auch für den Streit um die Kreuzfahrtriesen, deren Passagiere nur ein paar Stunden bleiben, also gar nicht so sehr viel Geld in Venedig lassen. Und es betrifft nicht zuletzt das Milliarden-Projekt „Mose“, jenes Schleusensystem, mit dem das langfristig vom Untergang bedrohte Venedig vor häufigem Hochwasser in der Lagune geschützt werden soll. Überraschend wäre da angesichts der gegensätzlichen Interessen in Transportwesen, Politik und Tourismus eine baldige, plausible Lösung für den überbordenden Verkehr auf einem der reizvollsten und beliebtesten Kanäle überhaupt.

dpa

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare