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65plus, fit, erfahren: Arbeit im Rentenalter

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Der Senior Hugo Kleine telefoniert am 22.03.2012 während seiner Arbeit am Empfang einer Behörde in Kiel

Berlin - Sie mähen Rasen, beraten bei Computerproblemen, reparieren kaputte Wasserhähne oder geben schlicht ein Stück Lebenserfahrung weiter. Mehr und mehr Deutsche im Rentenalter arbeiten.

Hartmut Mehdorn ist 70 und hat kürzlich einen neuen Job angenommen. SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück ist 66 - und würde das im Herbst auch gerne tun. Die beiden sind in Deutschland in bester Gesellschaft. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Menschen, die auch im Rentenalter noch arbeiten, deutlich gestiegen. Viele würden zwar wohl nicht mehr unbedingt Chef des Berliner Pannenflughafens werden wollen. Sie geben in ihrem alten Unternehmen ihr Wissen und ihre Erfahrung an Jüngere weiter. Oder sie bieten ihre Dienste als Steuerberater, Gärtner oder Handwerker an.

Für diese Menschen haben Jonas Reese und Lutz Nocinski vor einigen Monaten das Internetportal Rent a Rentner gestartet. Dort können sich Ruheständler für Jobs anbieten. 7000 haben sich mittlerweile angemeldet, sagt Reese. Einer davon ist der Vater des 33-Jährigen. Der evangelische Pfarrer ging vor fünf Jahren in den Ruhestand. „Da habe ich erlebt, was es für einen Einschnitt bedeutet, wenn man plötzlich nicht mehr gebraucht wird“, sagt Jonas Reese. „Das Leben an sich ändert sich einfach radikal. Diesen Schritt zu machen, ist für viele nicht einfach.“

Das brachte Reese, der als Journalist arbeitet, auf die Idee für das Vermittlungsportal. Nocinski hatte ähnliche Pläne - am Ende beschlossen beide, das Projekt gemeinsam in Angriff zu nehmen. Reeses Vater arbeitet bis heute weiter in seinem ehemaligen Beruf, er gibt Unterricht und Kurse. „Hin und wieder macht er über Rent a Rentner Garten- oder Handwerkerarbeiten.“

Joachim Wolter aus Potsdam bietet auf dem Portal Computerdienstleistungen und seine Arbeit als Filmer an. Der Diplom-Ingenieur arbeitete zuletzt als Informatiker beim Landesamt für Arbeitsschutz und ging dann in Altersteilzeit. Schon vor dem Ruhestand hatte er begonnen, Theatergruppen und Künstler mit der Kamera zu begleiten. Nun, im Ruhestand, hat er dafür endlich mehr Zeit. „Ich mache das nicht wegen des Geldes. Das ist ein guter Beitrag zur Rente, aber nicht das Hauptargument“, sagt der 65-Jährige. „Man lernt immer noch dazu. Das finde ich toll.“

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Aber hat sich dann überhaupt etwas geändert im Vergleich zum Arbeitsleben früher? „Ich sitze in der Regel nicht von frühmorgens bis spätabends da“, sagt Wolter. Schließlich soll auch genug Zeit für andere Dinge sein - zum Beispiel Tennis spielen, das Fliegen und Radfahren. „Das sehe ich ganz gelassen. Den Termin, wann ich etwas abgebe, den setze ich.“ Über Rent a Renter hat Wolter bisher fünf Aufträge an Land gezogen.

Die Profile auf dem Portal sind kostenlos und auch die Auftraggeber müssen für die Vermittlung nichts bezahlen. „Wir finanzieren das bisher aus eigener Tasche. Wir sind aber dabei, verschiedene Modelle durchzurechnen, wie wir künftig Geld verdienen können - zum Beispiel durch Werbung, Sponsoren oder zusätzliche Serviceleistungen“, sagt Reese.

Ende 2011 gingen 763 000 Menschen über 64 Jahren einer Beschäftigung nach, 2005 waren es 520 000. Das geht aus Daten des Mikrozensus hervor, die das Statistische Bundesamt herausgibt. Experten rechnen damit, dass sich der Trend fortsetzt. Die Ursache für den Anstieg ist umstritten. Gewerkschaften und Sozialverbände sehen darin auch ein Indiz für zunehmende Altersarmut.

„Gefühlte finanzielle Not ist nicht das Hauptargument. Mein Eindruck ist, die Menschen wollen länger aktiv sein“, sagt dagegen Arbeitsmarktexperte Holger Schäfer vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft. Der Anstieg liege zum einen am medizinischen Fortschritt, die Menschen seien heute in der Regel gesünder. „Zum anderen liegt es an der Tätigkeit. Früher war vor allem körperliche Arbeit verbreitet, das kann man im Alter nicht mehr so leicht machen. Wer im Büro arbeitet kann das durchaus länger - und tut es auch.“

Wichtig seien die individuellen Gestaltungsspielräume, sagt Ines Wickenheiser vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. „Viele Rentner wollen nicht mehr jeden Tag arbeiten und sie wollen selbst entscheiden, wann sie arbeiten“, sagt sie. „Untersuchungen haben gezeigt, dass sich ältere Arbeitnehmer erhoffen, mit einem Job fitter zu bleiben, dass sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen weitergeben wollen und nicht ständig zu Hause sitzen wollen.“

Darauf setzt auch der Versandhändler Otto. Derzeit gebe es einen Pool von 30 bis 40 Pensionären, die Otto bei Bedarf kontaktieren könne, sagt eine Sprecherin. „Diejenigen, die bisher im Einsatz sind, sind meist Experten, die über Jahrzehnte Fachwissen angesammelt haben. Sie haben ein Firmenwissen, das sie so auf dem Markt gar nicht finden“, sagt sie. „Die wenigsten machen es des Geldes wegen. Bei den meisten ist es das Gefühl, gebraucht zu werden.“ Das Unternehmen habe bisher durchweg positive Erfahrungen gemacht. „Es gibt da keine Kompetenz- und Karriererangeleien. Die Pensionäre geben gerne ihr Wissen weiter - sie haben auch keine Ambitionen mehr, im Unternehmen aufzusteigen.“

dpa

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