Nur nicht aufgeben

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Hilde Doliganski

„Hat jemand noch Fragen?“ Hildegard Doliganski blickt aufmerksam in die Runde und nickt aufmunternd. „So eine Gelegenheit kommt so schnell nicht wieder. Jetzt ist Zeit“.

Gerade erst hatte der Hammer Onkologe Dr. Dürk seinen Vortrag beendet. Eine Patientin aus Beelen meldet sich im weiten Rund des Klassenzimmers. Mit brüchiger Stimme gibt sie Auskunft über ihre Therapie, möchte die Sicherheit einer anderen Meinung. „Wissen Sie, ich habe schon so einiges durchgemacht.“

Betroffene und Experten sitzen sich gegenüber. Rund 150 waren zum Leukämie- und Lymphomsymposium ins Ahlener Gymnasium gekommen, manche über hunderte von Kilometern. In der altehrwürdigen Aula fanden Vorträge statt, dann ging es in die Klassenzimmer zu „Workshops“, um über Krankheiten wie „Hochmaligne Non- Hodgkins-Lymphome“ oder die „Akute Lymphatische Leukämie“ zu reden.

„Wir sind alle wie eine große Familie“

Über ein Jahr lang wurde die Veranstaltung vorbereitet. Der Aufwand ist enorm. Referenten müssen angesprochen, unzählige Briefe an Betroffene verschickt werden, Kaffee und Kuchen gehören auch dazu. „Wir sind wie eine große Familie“, sagt Michael Enders. Seit vielen Jahren ist er Vorsitzender der Leukämie- und Lymphomhilfe NRW und hat zahlreiche Veranstaltungen wie die in Ahlen organisiert, aber auch richtig große in der Dortmunder Westfalenhalle. Enders ist immer die Ruhe in Person, sein Lächeln einnehmend und vertrauensvoll. „Das bringt der Umgang mit der Krankheit so mit sich, und unsere bergische Mentalität“, sagt er mit unverkennbarem Akzent.

Engagement ist wichtig – besonders auf einem so komplizierten wie konfliktbehafteten Feld der Leukämien und Lymphome. „Es gibt Leute, die erzählen Ihnen Geschichten, die glauben Sie gar nicht“, sagt Hildegard Doliganski. Es sind Leidensgeschichten, Geschichten über Ängste und Depressionen und immer wieder Geschichten über die Wichtigkeit, den richtigen Arzt zum richtigen Zeitpunkt zu finden, der im Idealfall zum Lebensbegleiter wird.

Auch Hildegard Doliganski kann eine solche Geschichte erzählen. Die Ahlenerin hat eine wahre Odyssee hinter sich. „Mit unerträglichen Schmerzen wurde ich ins Krankenhaus eingeliefert. Die Ursache: eine bösartige Erkrankung des lymphatischen Systems“. Sie erinnert sich ungern an die großen Schmerzen von damals. Der Lebenswille war nur noch gering. Mit der Behandlung war sie völlig unzufrieden. Die Verlegung in ein anderes Krankenhaus setzte sie kämpferisch durch. „Das war meine Rettung. Ohne den behandelnden Arzt in der Hammer Klinik würde ich nicht mehr leben.“

Betroffene engagieren sich

In dieser Zeit machte Hildegard Doliganski die Erfahrung, dass der Gedankenaustausch einer Selbsthilfegruppe von großem Wert sein kann. Schließlich wurde die energiegeladene Ostwestfälin selber aktiv, knüpfte Kontakte und baute eine Gruppe auf, die sie „Leukämie- und Selbsthilfegruppe Münsterland-Süd“ nannte.

Wie viel entstehen kann, wenn jemand Mumm hat und sich aktiv einbringt, kann man an der Entwicklung dieser Selbsthilfegruppe sehen. Waren es erst 10 Betroffene, die sich zum Informationsaustausch trafen, sind es jetzt schon über 60.

Unterstützt werden die Betroffenen von Ärzten und Apothekern ebenso wie vom DRK, dessen Kreisvorsitzender Dr. Frank Röschinger bei der Raumsuche half und kurzerhand das DRK-Heim in Beckum zur Verfügung stellte. „Diese Anteilnahme und Unterstützung“, so Hildegard Doliganski, „sind für mich die schönste Erfahrung der letzten Jahre. Wir Betroffenen sind nicht alleine alleine. Vor allem viele Ärzte stehen an unserer Seite, bieten Informationen an und sind ansprechbar“.

„Gute Informationen sind für uns lebenswichtig“

„Denn gute Informationen sind für uns lebenswichtig“, sagt Hildegard Doliganski weiter. Der Grund dafür liege in der starken Spezialisierung und der Dynamik des Fachgebietes. Die Anzahl der Spezialisten sei bundesweit überschaubar.

Führten Leukämien und Lymphomerkrankungen in den meisten Fällen früher zum Tod, ist die Situation heute eine völlig andere. „Der wissenschaftliche Fortschritt ist enorm. Wir machen unseren Patienten viel Mut“, sagt Chefarzt Dr. Dr. Heinz-Albert Dürk. „Je größer das Wissen der Patienten ist, je größer ist der Lebensmut und je besser die Lebensqualität.“

Heftige Kritik gibt es an der Politik. Sie schweißt Ärzte und Betroffene zusammen. Als ein Facharzt beim Symposium beklagt, dass viele aktuelle Medikamente nicht rechtzeitig zur Verfügung stünden, gibt es langanhaltenden Beifall. „Hier spricht jemand, der sich für uns einsetzt,“ sagt ein Betroffener. „Der Patient ist nichts, das Geld ist alles. Dagegen müssen wir uns doch wehren.“

Längst ist das Engagement zum Lebensinhalt für Hildegard Doliganski geworden. „Nur nicht aufgeben“, ruft sie anderen, aber auch sich selbst kämpferisch zu. Denn sie hat es auch nicht eben einfach. Da ist auf der einen Seite ihre Erkrankung und auf der anderen Seite ihr Ehemann, der sie tatkräftig unterstützte und vor einigen Monaten an einer Leukämie verstarb. „Er ist immer bei mir und hat mich bestärkt darin, weiter zu machen“, sagt sie. Unterstützt wird die Ahlenerin tatkräftig von ihrer Familie. Tochter Sibylle bringt sich öfters mit ein und findet es einfach nur gut, was ihre Mutter macht. „Wir sind unheimlich stolz auf unsere Mama.“

Quelle: wa.de

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