China

Hochgefährliche neue Art von Listerien entdeckt

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Die Keime können sich in vielen Produkten verbergen.

Ein Forscherteam unter Gießener Leitung identifiziert in China eine bislang unbekannte Form des Keimes.

Eine Infektion mit Listerien kann für Menschen lebensbedrohlich werden. Wie sehr, das hat sich gerade erst gezeigt, als es zu mutmaßlich drei Todesfällen kam, die auf den Verzehr von Wurstwaren der nordhessischen Firma Wilke zurückzuführen sein sollen. Das Robert-Koch-Institut hatte die Keime in den Produkten nachgewiesen. Übertragen werden Listerien vor allem über kontaminierte Lebensmittel. Gefährdet, durch den Kontakt mit „Listeria monocytogenes“ schwer zu erkranken, sind vor allem Ältere, Schwangere und Menschen mit geschwächtem Immunsystem, etwa nach einer Krebstherapie, einer Organtransplantation oder durch eine HIV-Infektion; bis zu 30 Prozent von ihnen überleben eine Infektion mit Listerien nicht.

Listerien in China: Ursache von schweren Erkrankungen

Listerien zählen zu den Stäbchenbakterien und stellen keine einheitliche Gruppe dar. Ein internationales Forscherteam unter der Leitung des Instituts für medizinische Mikrobiologie der Justus-Liebig-Universität Gießen hat jetzt die bislang virulentesten – am stärksten krankheitserregenden – Vertreter dieser Spezies entdeckt. Ihr Erkenntnisse veröffentlichten die Wissenschaftler jetzt in der Fachzeitschrift „Nature Communications“.

Die Forscher fanden heraus, dass die von ihnen identifizierte Listerienart die Ursache von schweren Erkrankungen bei Schafen in einem abgelegenen Gebiet der chinesischen Provinz Jiangsu ist (nicht nur Menschen, auch Tiere können sich mit Listerien infizieren).

Listerien in China: "Notwendigkeit internationaler Kooperationen"

Die Wissenschaftler entschlüsselten die Genomsequenz der Bakterien und konnten so die genetische Grundlage für deren „Hypervirulenz“ ermitteln – so der Fachausdruck für die besondere Aggressivität der Keime, die deren Fähigkeit verstärkt, schwere septische Erkrankungen hervorzurufen. „Diese Isolate sind insofern einzigartig, als dass sie die Virulenzmerkmale verschiedener hochpathogener Listeria-Arten, die entweder Tiere und/oder Menschen infizieren, in einem einzigen Stamm vereinen“, sagt Trinad Chakraborty, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie der Universität Gießen und Wissenschaftler am Deutschen Zentrum für Infektionsforschung.

Da es sich bei der Listeriose um eine Erkrankung handele, die durch Lebensmittel übertragen werde, seien „Maßnahmen zur Identifizierung solch hochvirulenter Stämme von großer Dringlichkeit“, sagt der Forscher. Die Entdeckung einer völlig neuen Form besonders pathogener Listerien unterstreicht nach Ansicht der Wissenschaftler zudem die „Notwendigkeit internationaler Kooperationen“. Es sei nicht allein wichtig, multiresistente Bakterien zu identifizieren, man müsse das Augenmerk weltweit auch auf hochvirulente, neu auftretende Stämme richten, die die Lebensmittelsicherheit bedrohen könnten.

Listerien in China: Die Bakterien waren auch in Wilke-Wurst

Listerien kommen weltweit vor und keineswegs vor allem in warmen Ländern oder solchen mit geringem Hygienestandard. Sie sind in der Umwelt quasi allgegenwärtig und ausgesprochen anspruchslos. Sie benötigen kaum Nährstoffe zum Überleben und können in einem Temperaturbereich zwischen vier und 45 Grad Celsius wachsen. Damit sind sie sogar in der Lage, sich unter Bedingungen, wie sie in einem Kühlschrank herrschen, zu vermehren; auch das Tiefkühlfach überstehen sie. Zu einer Verunreinigung mit Listerien kommt es häufig bei der Verarbeitung der Lebensmittel, so wird es auch für den aktuellen Fall bei Wilke vermutet.

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Die Keime können sich in vielen Produkten verbergen – und zwar nicht nur in rohen, sondern durchaus auch in verarbeiteten. Da die Keime ihren Stoffwechsel von aerob (über die Zufuhr von Sauerstoff laufend) auf anaerob (ohne Sauerstoff laufend) umstellen können, wachsen sie auch in Vakuumverpackungen weiter. Als mögliche Quellen mit Listerienbefall kommen Fleisch, Wurst, Fisch, Meeresfrüchte oder Milchprodukte in Frage, aber auch pflanzliche Produkte, insbesondere abgepackte Salate. Weil es allerdings bis zu 70 Tage dauern kann, bis sich eine Infektion mit Beschwerden bemerkbar macht, ist es oft schwierig nachzuvollziehen, wie und wo sich jemand die Listerien zugezogen hat – und als Konsequenz dann die entsprechenden Lebensmittel aus dem Verkehr zu ziehen.

Listerien in China: Durchschnittlich 340 Fälle pro Jahr

Bekannte Listerienausbrüche gibt es derzeit nicht nur im Deutschland, sondern auch in den Niederlanden, Spanien, Großbritannien, Kanada, Litauen und den USA. Weil die Infektion so gefährlich ist, haben viele Länder Überwachungssysteme eingerichtet, um kontaminierte Produkte schnell zu identifizieren und dann zurückzurufen. In Deutschland liegt die Zahl der gemeldeten Listerieninfektionen bei durchschnittlich 340 Fällen pro Jahr.

Was Verbraucher zum eigenen Schutz tun können? Kontaminierte Lebensmittel sind nicht zu erkennen. Besonders hoch ist das Risiko aber bei rohem Fleisch (etwa Hack, Mett oder Rindercarpaccio), rohem oder geräucherten Fisch sowie Rohmilchprodukten. Diese Produkte sollten möglichst schnell verbraucht und ständig gekühlt werden; im Sommer sollten sie am besten in einer Kühltasche nach Hause transportiert werden. Schutz bietet allein das ausreichende Erhitzen von Lebensmitteln. Um Listerien abzutöten, werden Temperaturen von mindestens 70 Grad Celsius über die Dauer von zwei Minuten benötigt.

Im Jahr 2018 sterben zwei Menschen - mutmaßlich durch den Verzehr keimbelasteter Wurst des Fleischherstellers Wilke in Nordhessen. Was die Behörden wann wussten - und welche Schritte sie eingeleitet haben: eine Chronik der Ereignisse. Priska Hinz soll im Umweltausschuss erklären, warum sie Erkenntnisse erst spät weitergab. Auch ein dritter Todesfall könnte auf Listerien in Wilke-Wurst zurückzuführen sein.

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