Beta-Versionen: Der User als Versuchskaninchen

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Beta-Versionen bergen Risiken für die Nutzer, warnen Experten.

Hannover/Bonn - Beta-Versionen werden auch als Bananenprodukte bezeichnet. Das bedeutet, dass die Software beim Nutzer nachreifen soll. Deshalb sind sie mit Vorsicht zu genießen.

Es hat etwas von Exklusivität: Wer sich die Beta-Version eines Computerprogramms herunterlädt, darf es vor der Veröffentlichung testen. Die Nutzer sollen noch enthaltene Fehler an den Hersteller übermitteln und so an der Entwicklung der Software, des Betriebssystems oder auch des Webbrowsers mitarbeiten.

Doch die Vorabversionen bergen auch Risiken, die bis zum Systemabsturz führen können. Nutzer sollten sich über eines im Klaren sein: Eine Vorabversion ist kein ausgereiftes Produkt. “Beta-Versionen werden im Fachjargon auch als Bananenprodukte bezeichnet. Das bedeutet, dass die Software beim Nutzer sozusagen nachreifen soll“, erklärt Frank Felzmann vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) in Bonn.

Der Anwender erhalte ein noch nicht fertiges Produkt, das erst in einem späteren Stadium wirklich komplett entwickelt sein wird. Das ist mit Risiken verbunden, wie Felzmann erklärt: “Zum einen kann es sein, dass die Software noch nicht richtig funktioniert. Zum anderen kann es zu Sicherheitsproblemen kommen, wenn die Software ins System eingreift.“ Auch auf die Stabilität des Systems könne sich eine vorläufige Version auswirken. Es habe schon Fälle gegeben, bei denen nach dem Installieren einer Beta der Rechner stehenblieb und sich nicht mehr starten ließ. Deshalb raten Experten ungeübten Rechner-Nutzern vom Aufspielen von Test-Produkten eher ab.

Nur erfahrene Nutzer sollten Beta-Versionen aufspielen

“Generell würde ich Beta-Versionen nur erfahrenen Anwendern empfehlen. Normalanwender, die Wert auf ein stabiles System legen, sollten auf die endgültige Version warten“, sagt zum Beispiel Martin Michl von der in München erscheinenden Zeitschrift “Chip“. Hajo Schulz von der in Hannover erscheinenden Zeitschrift “c't“ sieht das genauso. Trotzdem hat er Verständnis für Anwender, die Software unbedingt schon vor dem Erscheinen ausprobieren möchten: “Beta-Versionen populärer Software befriedigen auch Neugier.“ Zuletzt hatte Microsoft sein Betriebssystem Windows 7 als Beta-System für registrierte Nutzer veröffentlicht. Auch Google stellte eine Vorabversion seines Internet-Browsers Chrome zur Verfügung.

Experten raten zu Vorsichtsmaßnahmen

Ganz egal ob Normalanwender oder Computer-Fuchs: Wer sich ans Installieren einer Beta wagt, sollte einige Vorsichtsmaßnahmen berücksichtigen. “Unsere Empfehlung ist, eine Beta-Version - wenn überhaupt - nur auf einem Rechner auszuprobieren, auf dem nichts anderes läuft“, sagt Felzmann. Dann seien die Folgen von Schäden nicht so gravierend: “Ein Auto, bei dem die Bremsanlage getestet werden soll, probiert man ja auch nicht auf der Autobahn aus, sondern auf einer Teststrecke.“

Wer die Installation trotzdem auf einem normalen Rechner angehen will, sollte zumindest weitere Maßnahmen ergreifen, wie Michl von der “Chip“ rät: “Man sollte immer eine Sicherung des kompletten Systems machen, bevor man eine Beta-Version installiert.“ Das gehe unter Windows, indem vor dem Installieren ein Wiederherstellungszeitpunkt in der Systemwiederherstellung definiert wird. Sinnvoll sei es zudem, ein “Image“ des Systems zu erstellen. Damit lässt sich dieses im Ernstfall mittels einer CD-ROM wieder herstellen. “c't“-Redakteur Schulz empfiehlt darüber hinaus, bei wichtigen Projekten auf noch nicht voll ausgereifte Software zu verzichten: “Wer mit der Beta-Version einer Textverarbeitung seine Diplomarbeit schreibt, ist selber schuld.“ Aber auch am Arbeitsplatz oder bei wichtigen privaten Angelegenheiten empfiehlt der Experte: Finger weg! Wird ein wichtiges, mit einer Beta erstelltes Dokument zerstört oder stürzt sogar das ganze System ab, hat der Anwender in der Regel keine Ansprüche gegen den Hersteller, wie Schulz erklärt. “Selbst bei normaler Software sind ja Ansprüche bei Datenverlust in der Regel ausgeschlossen.“ Und bei noch nicht ausgereiften Beta-Versionen würden sich die Hersteller besonders absichern. Der Nutzer muss den entsprechenden Geschäftsbedingungen in der Regel zustimmen, bevor er die Software downloaden kann.

Rein rechtlich betrachtet, können Anwender die heruntergeladene Software nutzen, ohne eine Gegenleistung zu erbringen. Doch es gehört zum guten Ton, dass sie den Programmierern beim Entwickeln helfen, sagt Schulz: “Wer sich die besorgt, ist auch ein bisschen in der moralischen Verpflichtung, Fehler zu melden.“

Open-Source-Software als ständige Beta-Version

Bei sogenannter Open-Source-Software ist der Quellcode frei im Internet zugänglich. Das Programm soll durch die Mitarbeit vieler Nutzer weiterentwickelt werden. Daher werden oft unterschiedliche Versionen von Programmen wie etwa der Büro-Software Openoffice veröffentlicht. Wer Wert auf eine gut funktionierende Variante legt, sollte nach Angaben von “c't“-Redakteur Hajo Schulz darauf achten, dass die Datei als “stable“ (stabil) gekennzeichnet ist.

Sebastian Knoppik, dpa

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