Die sieben wichtigsten Fakten

VW ID.3 im Fahrtest: Hat er das Zeug zum Golf der Elektro-Ära?

VW ID.3
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Konservativ oder doch mutig. Vom dezenten grau bis hin zu Miami-Türkis kann der ID.3 bestellt werden.

Macht VW mit dem ID 3 das Elektroauto massentauglich? Preis und Reichweite stimmen - doch wie fährt sich der Stromer aus Wolfsburg?

  • Leise wie in der Kirche, kraftvoll wie ein Porsche: So fährt der VW ID.3.
  • Das Auto wird zwar ausgeliefert, aber bei der Software hapert es noch.
  • Mit einem Preis von knapp 20.000 Euro ist der kleinste ID.3 voll konkurrenzfähig.

Volkswagen kommt meistens spät, aber dann mächtig. Mit dem ID.3, einem komplett auf Elektro-Antrieb ausgerichteten Auto, soll es nun direkt und ohne weitere Umschweife in die Zukunft gehen. Verzögerungen gab es schon genug. Software-Probleme haben den Start immer wieder zurückgeworfen. Aber jetzt ist es soweit, die ersten Autos rollen zu den Händlern. 37.000 Vorbestellungen gibt es schon. 

Wer von der Konkurrenz kann dem VW ID 3 die Stirn bieten?

Und so sieht die Konkurrenzsituation aus: Der Polestar 2* von Volvo rangiert ebenso wie der Tesla 3 eine Etage höher. Der Audi e-tron sowieso. Genauso wie der Mercedes EQC ist er außerdem ein SUV. Allenfalls noch der Honda e buhlt mit dem ID.3 um Kundschaft. Zumindest bei der Preisklasse ist der Japaner auf Augenhöhe. Allerdings ist das Manga-Design des Hondas nicht jedermanns Sache. Für viele zu sperrig sind vom Design her auch Renault Zoe oder Nissan Leaf. Einzig die Koreaner Kia e-Niro und der Hyundai Ioniq haben da die Kragenweite des ID.3. Aber noch wartet der Massenmarkt auf das Auto, das den Durchbruch bringt. Der ID.3 könnte es tatsächlich sein: Nach einer intensiven und genau 233 Kilometer langen Testfahrt in Niedersachsen rund um die Volkswagen-Heimat Wolfsburg haben wir sieben (gute Gründe) für diese Theorie gefunden.

1. Schon beim Design punktet der VW ID.3

Nicht zu modern, nicht zu konservativ. Der ID.3 könnte den Geschmack des Massenmarktes treffen.

Hört sich übertrieben an, aber beim Aussehen setzt der ID.3 Maßstäbe, weil er so unaufgeregt aufregend aussieht. Vorne ein freundliches Lächeln der LED-Leuchten, die ihren Besitzer beim Annähern anblinzeln. Der Hauptscheinwerfer schaut dabei immer in die Richtung, aus der man kommt. Irgendwie menschlich. Hinten verfügt der ID.3 über ein rundes gefälliges Heck. Nicht zu konservativ, nicht zu modern. So wie ein VW Golf eben. Bloß die traditionelle Kundschaft nicht erschrecken!

Das hat man sich auch beim Innenleben gedacht. Eigentlich braucht der ID.3 keinen Start- oder Stoppknopf. Am Schlüssel erkennt das Auto seinen Fahrer - dann muss dieser nur noch die Fahrstufe an einem großen Drehknopf am Tacho-Display einlegen. Er sieht fast genauso aus wie der des BMW i3. Und schon kann es losgehen. Auf den Start-Stopp-Knopf aber haben die Wolfsburger trotzdem nicht verzichtet. Für all jene Kunden, die der digitalen-Technik nicht ganz trauen. Wohltuend übersichtlich ist der Tacho hinter dem Lenkrad. Hier gibt es nicht den üblichen Display-Verhau: Lediglich Geschwindigkeit, Reichweite, Fahrstufe und die grobe Richtung des Navis werden angezeigt. 

Modernes Cockpit, satte Ambientebeleuchtung. So sieht es im Inneren des ID.3 aus.

2. Digital lässt sich beim VW ID.3 alles nachrüsten

Bei der digitalen Intelligenz mischt der ID.3 nun auch in den oberen Etagen mit. Noch nicht 100 Prozent und noch nicht sofort. Das lässt sich aber alles „over the air“ nachrüsten wie das Software-Update beim Handy. Stichwort Sprachsteuerung. Zwar bemüht sich die sympathische Frauenstimme, den Fahrer zu verstehen. Aber die Anbindung an die Cloud und damit die Lernfähigkeit des Systems sind noch nicht ausgereift. So versteht das Bordsystem zwar, dass es den Radiosender B.O.B. einstellen soll, bei Rock Antenne verweigert es den Zugriff. Wie weit es noch bis zum Ziel ist - auch hier gibt es eine eindeutige Antwort. Wie viel Reichweite noch in der Batterie steckt, wird nur mit dem Verweis auf die Angaben des zentralen Displays quittiert. Nun ja – netter ist die LED-Lichtleiste direkt zwischen Instrumenten-Board und Windschutzscheibe. Ähnlich wie bei den Scheinwerfern spricht das Auto mit seinem Fahrer. Das Licht fließt von links nach rechts, wenn man rechts abbiegt. Es zeigt den Ladezustand mit einer punktierten Linie an. Und es wird ganz rot, wenn Gefahr droht. Das ist sympathisch und gleichzeitig praktisch! 

Wo VW den ID.3 noch digital nachrüsten muss: Noch nicht bereit sind die „Augmented Reality“(AR)-Funktionen. Der Grund: Software-Entwicklungsstau wegen Corona, heißt es dazu bei Volkswagen. AR heißt nichts anderes wie erweiterte Wirklichkeit. Im Wesentlichen sind das schicke Pfeil-Projektionen auf der Windschutzscheibe, die nicht nur exakt die Richtung angeben, wo man abbiegen muss. Die Pfeile fließen quasi auf der Scheibe in die richtige Straße. Noch ist weder ein Android-Auto- noch ein Apple CarPlay möglich, beides soll aber schon bald nachgerüstet werden. Gut funktioniert das pilotierte Fahren. Dabei erkennt der digitale Assistent in der Regel das Tempolimit und stellt automatische die Geschwindigkeit ein. Das Nachsehen haben die staatlichen Radar-Abkassierer.

3. Der E-Motor ist eine echte Spaßmaschine

Volle Fahrt voraus. Der ID.3 flitzt von 0 auf Tempo 100 in 7,3 Sekunden.

Wie es sich für Volkswagen gehört: Der Motor ist eine Eigenentwicklung. Er leistet 150 kW, also 204 Pferdestärken, verfügt über Drehmoment von 310 Nm und passt von der Größe her in eine gewöhnliche Sporttasche. Er sitzt auf der Hinterachse und schiebt wie der Boxermotor im legendären VW Käfer auch kräftig von hinten an. In 7,3 Sekunden von 0 auf Tempo 100. Das ist schon recht ordentlich. Geht aber nur mit dem optionalen Performance Paket. Sonst dauert der Spurt rund zwei Sekunden länger. Dieser Motor ist in allen jetzt verfügbaren Modellen des ID.3 eingebaut. Sie unterscheiden sich nur durch die Größe des Akkus und der Reichweite.

4. Die Reichweite des ID.3 ist alltagstauglich

Abhängig von der Größe des Akkus kommt man mit dem ID.3 wahlweise zwischen 330 und 550 Kilometer weit. Auf unserer Testfahrt stand das Modell mit 58 kWh Kapazität zur Verfügung. Das soll voll aufgeladen für 420 Kilometer reichen. Oft schmilzt diese jedoch je nach Fahrweise dahin wie Eis in der Sonne. Beim unserem Praxistest zeigte sich die Reichweite jedoch stabil. Wir starteten bei 335 Kilometern, fuhren 233 und hatten noch einen Rest von 85 Kilometern auf der Anzeige. Ergibt nach Adam Riese einen Verlust von 17 Kilometern. Das ist allerdings auf lange Autobahnpassagen zurückzuführen, auf denen wir das batterieschonende Tempo von 130 bis zum Anschlag überreizten. Der liegt bei 160 km/h und frisst gewaltig Strom.

Kurze Überhänge, Coupélinie. Der ID.3 folgt einer modernen Designphilosophie.

Drei verschiedene Akku-Größen verfügbar: Was die Reichweite angeht - so muss sich jeder ID.3-Käufer überlegen, zu welchem Zweck er sein Auto wirklich braucht. Wer beispielsweise zu Hause aufladen kann und keine großen Überlandfahrten durch Deutschland geplant hat, kommt mit dem kleinsten Modell und 330 Kilometer gut über die Runden. Apropos Akku: Geladen wird mit 11 kw bei Wechselstrom daheim, und bei Gleichstrom mit 100 kw. Das entspricht Ladezeiten zwischen 22 Stunden (230 Volt, kleinste Batterie) und 45 Minuten (Schnellader, 80 Prozent). Und auch der Verbrauch sei nachgereicht. Knapp unter 16 kW, da ist man je nach Strompreis bei mindestens fünf Euro pro 100 Kilometer.

5. VW ID 3 fahren: Das ist der Sound of Silence

Motor hinten, Gewichtsverteilung 50:50, volles Drehmoment ab dem Tritt aufs Pedal. Diese Werte verraten, dass der ID.3 entgegen seines eher konservativen Äußeren eine spaßige Fahrmaschine ist. Schön von unten heraus zieht das E-Auto gelassen aber kraftvoll an. Ganz ohne Hektik. Man muss nicht schalten, es gibt sowieso nur einen Gang. Wendig ist der ID.3 auch noch. Knapp über zehn Meter, schon hat sich der Stromer einmal um die Achse gedreht. Das ist so gut wie beim weitaus kleineren VW Up. Bestens ist auch die Lärmbelästigung, respektive deren Unterdrückung. Alles, was rattern, scheppern oder brummen kann, wurde technisch entkoppelt. Sogar die Abrollgeräusche der Reifen hört man kaum.

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6. Pluspunkt Platz: So groß wie ein Passat Kombi

Komfortabel sind auch die Platzverhältnisse im ID.3. Bei Volkswagen hat man sich den Spaß gemacht und die beiden Karosserien des Stromers und des VW Passats in einer Grafik übereinander gelegt. Das Ergebnis: Man sitzt in beiden Autos gleich bequem und hat ähnlich viel Platz. Nur beim Kofferraumangebot schlägt der Kombi naturgemäß den kompakten ID.3. Mit 385 Litern steht aber ein ordentliches Volumen zur Verfügung. Immerhin fünf Liter mehr als im herkömmlichen Golf.

7. Dank E-Prämie ist der Preis des ID 3 heiß

Schon das Modell mit dem mittelgroßen Akku (426 Kilometer) kann nach Abzug der E-Prämie und Anrechnung der geringeren Mehrwertsteuer für rund 26.000 Euro erworben werden. Das sind zwar knapp 6.000 Euro mehr als ein Basis-Golf, dafür bietet das Auto aber auch das Doppelte an Leistung und an Ausstattung. Noch heuer soll auch noch der ID.3 mit dem kleinen Akku (330 Kilometer Reichweite) auf den Markt kommen. Der dürfte mit etwas weniger Leistung ausgestattet sein, aber würde nach Abzug der Elektro-Prämien dann sogar nur rund 20.000 Euro kosten. Also genau so viel wie ein Basis-Golf. Damit wäre das E-Auto auch preislich voll konkurrenzfähig.

Das Fazit zum VW ID.3

Der ID.3 wird der Golf des Elektrozeitalters, ist Autor Rudolf Bögel überzeugt.

Der Start in die Elektro-Zukunft war bei Volkswagen nicht immer ganz ruckfrei, so mancher Wackelkontakt gerade bei der Software hat den Volksstromer auf die lange Bank geschoben. Aber vielleicht ist jetzt erst auch der Markt reif für eine Volksbewegung nur mit Strom. (Rudolf Bögel) *tz.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes.

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Datenblatt VW ID.3

Leistung:150 kw / 204 PS
Drehmoment:310 Nm
Antrieb:1-Gang-Automatik / Heckantrieb
0-100 km/h:7,3 Sekunden
Top-Tempo:160 km/h
Batterie:58 kWh
Reichweite:426 km (WLTP)
Verbrauch:14,3 – 16,9 kWh/100 km
Länge/Breite/Höhe:4,26 / 1,81 / 1,55 m
Leergewicht:1.730 kg
Kofferraum:385 l
Preis:ab 35.574 Euro (noch keine Prämien abgezogen)

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