Navi-Hersteller suchen nach neuer Orientierung

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Garmin kauft Navigon - die Zukunftsaussichten für Hersteller von Navigationsgeräten sind düster. Ortsbestimmung und Orientierung auf der digitalen Karte übernehmen die Smartphones.

Berlin - Garmin kauft Navigon - die Zukunftsaussichten für Hersteller von Navigationsgeräten sind düster. Ortsbestimmung und Orientierung auf der digitalen Karte übernehmen die Smartphones.

Navi-Hersteller im Stau: Die Zeit der zweistelligen Wachstumsraten ist vorbei, Allround-Smartphones mit integriertem GPS-Empfang machen den Spezialgeräten das Leben schwer. Experten sprechen von einem zunehmend gesättigten Markt und einem beginnenden Verdrängungswettbewerb. Ein deutliches Signal ist die am Dienstagabend angekündigte Übernahme der Hamburger Navigon AG durch den amerikanischen Marktführer Garmin.

“Die Kombination der Stärken von Navigon und Garmin im Bereich der mobilen Straßennavigationsgeräte führt zu einer Steigerung unserer Wettbewerbsfähigkeit insbesondere in Europa“, erklärte Garmin-Manager Cliff Pemble. Garmin hat erst vor etwa vier Jahren damit begonnen, sein Geschäft in Europa auszubauen und will sich mit der Übernahme von Navigon für den Wettbewerb mit dem niederländischen Hersteller TomTom wappnen.

Große Wachstumsraten werden nicht mehr erwartet

Der Preis für die Übernahme ist nicht bekannt, die Rede ist von einem mittleren zweistelligen Millionenbetrag. Zustimmen müssen noch die Kartellbehörden. “Wir sehen das relativ gelassen“, sagt Garmin-Sprecher Marc Kast und verweist auf die globale Dimension der Übernahme.

Die Zeiten der großen Wachstumsraten seien vorbei, räumt er ein. “Da ist es für uns ein Weg, unsere europäische Marktposition zu stärken.“ Navigon produziert Navigationsgeräte unter der eigenen Marke und sogenannte OEM-Geräte für Automobilhersteller. Zum Angebot von Navigon gehören aber auch mobile Apps für die Navigation mit Smartphones.

Navigon ist nach unbestätigten Berichten wirtschaftlich unter erheblichen Druck geraten, weil der Absatz der Navigations-Hardware stockt. Das Unternehmen mit 400 Mitarbeitern, das bei Anwendern einen guten Ruf genießt, gehörte seit 2008 zu 90 Prozent der Investmentgesellschaft Atlantic Partners mit dem ehemaligen Mannesmann-Chef Klaus Esser.

Nische für Navigationsgeräte

Besser steht das US-Unternehmen Garmin da, das mit mehr als 8500 Mitarbeitern für das erste Quartal dieses Jahres einen Umsatz von 508 Millionen Dollar (355 Millionen Euro) auswies, 18 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Bei europäischen Marktführer TomTom waren es 265 Millionen Euro (minus 1 Prozent).

“Diese Branche ist sehr schnell gewachsen“, sagt Experte Thilo Heyder von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK Retail and Technology) in Nürnberg. Ähnlich wie bei den Herstellern von MP3-Playern habe sie ihren Höhepunkt aber auch schnell überschritten. Dieser wurde nach Erhebungen der Gfk im Jahr 2008 mit 4,3 Millionen in Deutschland verkauften Navigationsgeräten erreicht. 2009 waren es noch 4,1 Millionen “Personal Navigation Devices“ (PND), im vergangenen Jahr dann 3,5 Millionen. “Wir gehen aber davon aus, dass es auch für die Navigationsgeräte eine Nische geben wird“, sagte Heyer.

“Der Smartphone-Markt wächst ins Unendliche, während wir für PNDs das Gegenteil prognostizieren“, erklärt Annette Zimmermann vom Marktforschungsunternehmen Gartner. Weltweit erwartet Gartner, dass der Absatz in diesem Jahr um 16,1 Prozent auf 32,844 Millionen einbrechen wird - vor allem in den USA geht die Nachfrage rapide zurück. 2012 sollen es nur noch 26,5 Millionen, 2015 noch 18,1 Millionen Geräte sein.

Immer mehr lassen sich vom Smartphone führen

Es gebe zwar immer noch eine große Anzahl an Nutzern, die ein Navi bevorzugten, weil das im Auto besser funktioniere, erklärt Zimmermann. “Aber die Anzahl derer, die von einem PND auf ein Smartphone für die Navigation umsteigen, wird immer größer.“ Dieser Trend verstärke sich noch mit anderen ortsbezogenen Diensten (Location Based Services) auf dem Handy.

Garmin-Sprecher Kast sagt, die Branche reagiere mit intelligenten Weiterentwicklungen auf die Herausforderungen. Der Trend geht zu größeren Bildschirmgrößen von fünf Zoll - verglichen mit 3,5 Zoll bei Smartphones wie dem iPhone. Außerdem bekommen die Geräte einen Zugang zum Internet - etwa für aktuelle Informationen, um einen Stau zu umfahren. Diese Daten bezieht Garmin ebenso wie sein Kartenmaterial vom US-Unternehmen Navteq, das seit 2008 dem Handy-Hersteller Nokia gehört.

“Das Thema GPS ist sehr multifunktional“, sagt Kast. Neben den Navis für Autofahrer gibt es den großen Bereich der Outdoor-Geräte - hier integriert Garmin auch die Unterstützung für das kommende europäische Satellitenortungssystems Galileo. GPS-Empfänger für Sportler notieren zurückgelegte Strecken. Andere Geräte unterstützen die Navigation für Motorradfahrer, für Luft- und Schifffahrt. Ein weiteres Spezialthema ist das “Tracking“, das Verfolgen von Haustieren und Gegenständen mit kleinen GPS-Geräten, die ihren jeweiligen Standort über Mobilfunk mitteilen - dem technisch möglichen Tracking von Personen stehen datenschutzrechtliche Probleme entgegen.

dpa

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