„Zeitinsel“ zu Fazil Say am Konzerthaus Dortmund

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Erdig und explosiv: Patricia Kopatchinskaja spielte in Dortmund Fazil Says „1001 Nights in Harem“.

DORTMUND – Es ist ein viertägiges Fest, eine Begegnung von Stilrichtungen und Kulturen: Dem türkischen Pianisten und Komponisten Fazil Say ist eine „Zeitinsel“ gewidmet, ein Festival, mit dem das Konzerthaus Dortmund seinen bisherigen Exklusivkünstler ehrt und verabschiedet. Ur- und Erstaufführungen jagen sich förmlich: Am Mittwoch, dem ersten Abend, erlebte das Dortmunder Publikum die Deutsche Erstaufführung des Violinkonzertes „1001 Nights in the Harem“, ausgeführt durch die Widmungsträgerin Patricia Kopatchinskaja und das WDR-Sinfonieorchester unter Howard Griffiths. Von Edda Breski

„Er wird das gut machen, er hat schließlich eine türkische Frau“, so hatte Fazil Say den Dirigenten im Vorfeld gelobt. Am Mittwoch gelang Griffiths eine wesentliche Balance: zwischen einem farbsatten, hochpräsenten Spiel, zu dem er seine Musiker anhielt, und dem eigenwilligen Spiel Kopatchinskajas. Die moldawische Violinistin und der türkische Komponist sind in der Musik wesensähnlich: zwitterhaft, impulsiv, mit Freude an der Dramatik. Seit vier Jahren bilden die beiden ein Kammermusikduo, das immer wieder mit seinen explosiven Einspielungen überrascht. Say hat ihr den Part auf den Leib geschrieben. In Dortmund tanzte sie durch die Sätze: Barfuß wie immer stand sie auf dem Parkett und führte durch Harems-Szenerien.

Der erste Satz beginnt mit in der Tiefe schwingenden Tönen, mystisch und kraftvoll. Aus den Kontrabässen entwickelt sich ein ostinater Rhythmus, über dem die Solovioline einsetzt. Die Küdüm lockt, zwei mit einem Schlegel geschlagene Bongos. Hohe Streicher mit Seufzermotiven, Chimes rauschen auf: das Rauschen der Metallstäbe zeigt einen Wechsel der Szenerie an wie in einem märchenhaften Arabien-Film. Der zweite Satz erinnert laut Say an ein Fest im Harem, eine Riesenparty, für die sich das Orchester in zwingende Rhythmen steigert. Sechs Percussionisten bietet Say auf, einer von ihnen spielt die Küdüm und die Bendir, eine Trommel wie ein übergroßes Tambourin.

Der dritte Satz beginnt wieder mystisch: Flöten und Tambourin flirren, Streicher spielen Glissandi, die Sologeige bewegt sich wie abwesend in den hohen Lagen. Say hat auch einen handfesten Humor: Die Musik spielt auf den Katzenjammer nach einer durchfeierten Nacht an. Daraus entwickelt sich eine Variation auf ein türkisches Lied, hochromantisch gespielt – und abrupt abbrechend. Stimmungen wechseln wie das Wetter, bis zum Schluss, der unter dem Schlagen der Küdüm und verliebten Trillern der Violine ausklingt. Eine dunkle, märchenhafte, kraftvolle Musik.

Vervollständigt wurde das Programm durch Nikolaj Rimsky-Korsakows „Sheherazade“ (1888), vom WDR-Sinfonieorchester griffig und zum Ende hin aufpeitschend gespielt.

Gestern folgte ein Kammermusikabend mit der Uraufführung des just fertig gewordenen Streichquartetts aus Says Hand. Heute spielt Say mit dem Percussionisten Burhan Öçal und Kopatchinskaja einen Crossoverabend von Mozart über Bartók bis Brubeck. Morgen führt das WDR-Sinfonieorchester unter Griffiths die Istanbul-Sinfonie auf – ein Auftragswerk des WDR und des Konzerthauses Dortmund. Beide Konzerte sind ausverkauft.

Eine Aufnahme des Auftaktkonzertes wird am 16.4., 20.05 Uhr, im WDR 3-Radio gesendet. Die Uraufführung der Istanbul-Sinfonie ist am Samstagabend ebenfalls in WDR 3 live zu erleben.

Quelle: wa.de

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