Zeit der Erwartungen: Jörn Leonhard zum 1. Weltkrieg

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Große Erwartungen: Deutsche Offiziere posieren in ihrem Schützengraben-Unterstand. Reproduktion einer deutschen Postkarte aus dem ersten Weltkrieg.

Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg, viele Ausstellungen und Bücher befassen sich mit dem 51 Kriegsmonaten von August 1914 bis November 1918. Jörn Leonhard erhebt mit seiner Studie „Die Büchse der Pandora“ den Anspruch, ein Gesamtbild zu zeichnen.

Von Elisabeth Elling

Je genauer man hinschaut, umso unübersichtlicher wird die Geschichte. Das machte große Theorien und Thesen so beliebt, die den Ersten Weltkrieg erklären und fassbar machen sollten: Fritz Fischer wies 1961 den Deutschen die Schuld zu, ihrem „Griff nach der Weltmacht“. Zu einem ähnlichen Befund kam wenig später Hans-Ulrich Wehler: Er sah in der deutschen Außenpolitik den Versuch, innere Spannungen und soziale Konflikte zwischen Proletariat und Kapital abzuleiten in eine aggressive Außenpolitik. Von dort aus war es nicht weit zur Idee eines deutschen Sonderwegs: Die demokratische Entwicklung des Kaiserreichs sei – im Vergleich zu Frankreich und England – hinter dem technischen und wirtschaftlichen Fortschritt zurückgeblieben. Stattdessen hätten sich Nationalismus und Überlegenheitsdünkel entwickelt.

Ehrgeiziger Versuch genau hinzusehen

Über Kriegsschuld, Sozialimperialismus und Sonderweg hat die Geschichtswissenschaft bis in die 1990er Jahre gestritten; mittlerweile sind sie allesamt gut eingemottet. Doch jetzt erst liegt eine Darstellung vor, die Ursachen, Bedingungen und Faktoren des Großen Krieges umfassend in den Blick nehmen will, ohne eine These unterfüttern zu wollen. Jörn Leonhards „Die Büchse der Pandora“ ist der ehrgeizige Versuch, ganz genau hinzusehen.

Leonhard spürt gezielt Gegenläufigkeiten und Widersprüchen nach, hat Fotos, Zeitungsberichte, Tagebücher und Briefe erschlossen. Mit dieser Materialfülle und einer virtuosen Verschränkung von Kultur-, Gesellschafts-, Militär- und Wirtschaftsgeschichte gelingt ein großes, umsichtiges Panorama. Er gelangt immer wieder zu der Frage, warum dieser nach wenigen Wochen in den Schützengräben Flanderns feststeckende Krieg dauerte und dauerte. Nach zahllosen Attacken und Gegenangriffen, nach Millionen von Toten war die Front Anfang November 1918 ungefähr dort, wo sie im November 1914 verlaufen war. Im Osten waren die Truppen über weitere Strecken vor- und zurückmarschiert, aber ebenfalls ohne Entscheidung. Woher kam dieses Durchhalten?

Übersteigerte Erwartungen

Leonhards Bilanz: Die übersteigerten Erwartungen (auf allen Seiten) ließen ein Innehalten erst gar nicht zur Option werden. Er nennt das die „paradoxe Selbstverlängerung des Krieges“: Gerade angesichts der horrenden Opferzahlen musste ein Sieg errungen werden. Das ist keine große Erklärungsgeste, aber ein analytisches Grundmuster, das die Darstellung trägt.

So zeigt Leonhard an vielen Stellen, wie im Krieg Erwartungen regelrecht geschürt wurden, die gar nicht einlösbar waren, aber die Auseinandersetzungen weiter befeuerten: Die deutsch-österreichischen Versprechungen eines Großbulgariens lockten einen neuen Bündnispartner an, während Lawrence von Arabien im Auftrag der Briten arabische Stämme gegen das Osmanische Reich aufwiegelte und ihnen die Unabhängigkeit in Aussicht stellte.

Die Faktenfülle macht „Die Büchse der Pandora“ nicht eben leicht zu lesen. Aber Leonhard hat sein vielfältiges Material klug geordnet. Er erzählt nicht streng chronologisch, sondern beleuchtet neben der strategischen Lage an den verschiedenen Frontabschnitten auch weniger bekannte Ereignisse im Hinterland, etwa Vertreibungen und antisemitische Ausschreitungen in Russland oder das Tschechen-feindliche Klima im multiethnischen Habsburgerreich, wo „Verräter“ für die militärischen Desaster verantwortlich gemacht werden.

Neue Gewaltökonomie in der Welt

Der Sieger des Krieges war, so resümiert Leonhard, „der Krieg selbst, das Prinzip des Krieges, der totalisierbaren Gewalt“. Darauf bezieht sich auch der Titel seines Buches: Eine neue Gewaltökonomie war jetzt in der Welt, die mit große Opferzahlen operierte und das Töten immer weiter anonymisierte. Die Industrialisierung ersetzte den direkten Kampf durch neue vernichtendere Waffen: Artillerie-Geschütze mit ständig gesteigerter Durchschlagskraft, Schnellfeuergeschütze, Maschinengewehre, Flugzeuge, Giftgas, Tanks, Schlachtschiffe, U-Boote.

Gleichzeitig verstummte der Liberalismus in den europäischen Vorkriegsgesellschaften: Machertypen vom Schlage eines Georges Clemenceau in Frankreich oder Erich Ludendorffs in Deutschland (der fünf Jahre später an der Seite Adolf Hitlers einen Putsch versuchen sollte) räumten Bedenken und rechtsstaatliche Traditionen beiseite.

Handfeste Anekdoten

Neben solchen langen Linien stehen handfeste Anekdoten. Eine davon führt vom „Augusterlebnis“, der inszenierten Kriegsbegeisterung des Sommers 1914, direkt in den Alltag, wenn Leonhard aus einem Brief einer Stettiner Hausbesitzerin zitiert, die ihren Mietern im September 1914 schrieb: „Die gewaltige Wendung, die durch die Gnade des Allmächtigen Gottes unsere durch seine Macht und Kraft bewaffneten Truppen uns errungen haben, lassen uns in eine große gesegnete kommende Zeit blicken. (...) Ihre Wohnung kostet vom 1. Oktober ab 30 Mark mehr.“

Jörn Leonhard: Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkriegs. C.H. Beck Verlag, München 2014, 1088 S., 38 Euro

Quelle: wa.de

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