ARD zeigt 20. „Tatort“ aus Münster: „Zwischen den Ohren“

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Boerne (Jan Josef Liefers) begutachtet einen Fuß. Alberich (Christine Urspruch) und Thiel (Axel Prahl) sind skeptisch. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ Münster ist eine kleine Metropole. Alles hängt hier mit allem zusammen. Darum trägt die Stadt auch schon 20 Fälle für Kommissar Thiel (Axel Prahl) und den Rechtsmediziner Professor Boerne (Jan Josef Liefers). Das seltsame Paar eroberte die Herzen der Fernsehzuschauer als beliebtestes „Tatort“-Team.

Das wird auch so bleiben. Die 20. Folge, „Zwischen den Ohren“, beginnt rasant wie wenige deutsche Fernsehfilme – mit Idyllen. Der Kommissar sitzt mit Bier und Chips vor dem Fernseher, um den Pokalklassiker zu sehen: St. Pauli gegen die Bayern. Der Professor übt vor dem Spiegel zu den Klängen von Verdis Gefangenenchor seine Dankesrede für den Wissenschaftspreis. Vater Thiel sucht seine innere Mitte beim Nacht-angeln. Ein dicker Fang. „Fisch?“ fragt sein Kumpel, der Angler-Hans (Komiker Kalle Pohl). „Nee, Fuß“, lautet die Antwort.

Regisseurin Franziska Meletzky führt diese Handlungselemente nun immer wieder zueinander, und die Drehbuchautoren Christoph Silber und Thorsten Wettcke liefern feine Pointen. Herrlich schon der Moment, als Thiel und Nadeshda sich über das Fundstück beugen und der Kommissar fragt: „Ja und nun? Soll ich den Fuß befragen?“

Boerne, der sich penetrant als „Wissenschaftspreisträger“ tituliert, weiß, wer da starb. Seine einstige Schulkameradin Susanne litt an einer seltenen Fehlbildung des Fußes, gerade so wie der Körperteil, der vor ihm auf dem Untersuchungstisch liegt. Der Fall hinter der Leiche entwickelt sich etwas umständlich, und man hat manchmal den Verdacht, dass es nur darum geht, die Protagonisten an möglichst pittoreske Schauplätze zu führen. So befragen die Ermittler die „Wotan Wolves“, und es ist schon herrlich komisch, wenn der feine Boerne die schrankbreiten Lederkuttenträger in aller Unschuld fragt, ob sie einen Motorradclub für Homosexuelle betrieben oder was sonst der Grund ihrer Frauenfeindlichkeit sei. Susanne hatte sich, als Mann verkleidet, dort eingeschlichen. Wusste sie von kriminellen Verstrickungen und versuchte, die Rocker zu erpressen?

Ernster wird es, wenn sich Thiel im Tennisclub umhört, wo die Tote gearbeitet hatte. Münsters Tennishoffnung Nadine Petri (wunderbar intensiv gespielt von Anna Bullard), vielleicht die Steffi von morgen, war mit dem Opfer befreundet. Ihre Eltern reagieren unwirsch auf die Ermittlungen, schließlich hat sie eine Wildcard für ein wichtiges Turnier.

Der Schlüssel zu diesem Fall liegt in der Frage der sexuellen Identität: Was bestimmt, ob ein Mann ein Mann, eine Frau eine Frau ist? Die Klasse des Münsteraner Tatorts erkennt man daran, wie zwanglos Thiel und Boerne sich durch das Gestrüpp an Konflikten und Motiven arbeiten. Und wie viel Platz bleibt für die Eigenarten der skurrilen Hauptfiguren, zum Beispiel die immer neuen Anläufe Thiels, endlich seine Aufzeichnung des Fußballspiels zu sehen. Fans des Duos werden erschrecken, wenn Thiel und Boerne nachts im Vollrausch Brüderschaft trinken. Zum Glück sind sie nach dem Erwachen wieder beim formellen „Sie“.

Liefers aber gehören einige besondere Momente. Er darf mehr zeigen als die Arroganz des brillanten Wissenschaftlers. Er spielt einige Szenen ganz ohne Text und zeigt darin die Einsamkeit, die Verletzlichkeit des so oft auftrumpfenden Professors. Auch das zeigt die außergewöhnliche Qualität des Formats: Dass mitten im Witzfeuerwerk auch solche leisen Töne stimmen.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr

Quelle: wa.de

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