Zehn Bücher, die uns bei der Frankfurter Buchmesse auffielen

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Jedes Härchen im Gefieder ist sichtbar in den Fotos des Bildbandes „Vögel ganz nah“ von Roine Magnusson/ Mats Ottoson und Åsa Ottoson. Hier ist das Blaukehlchen zu sehen.

Frankfurt - Eine seltsame Stimmung herrscht bei der 70. Frankfurter Buchmesse. Da ist der trotzige Optimismus, der die Krise ausblenden möchte. Dabei schrumpft die Zahl der eigentlich literarischen Verlage weiter.

Gerade wurde bekannt, dass der Dortmunder Krimi-Verlag Grafit an das Kölner Haus Emons verkauft wurde. Andere Häuser gehen pleite. Ein großer Verlag wie Hoffmann & Campe lässt die Messe ganz aus. Und ausgerechnet der Versand Amazon tritt mit einem eigenen Stand an, wo zahlreichen Hobbyautoren erklärt wird, wie sie ganz ohne Verleger und Lektorat ihr Buch optimal selbst vermarkten. Und trotz allen Absurditäten gibt es noch lohnende Lektüre.

Hier sind wieder zehn Bücher, die uns auffielen. Der Buchhändler Ihres Vertrauens besorgt sie Ihnen gern, wenn er sie nicht sowieso im Regal hat.

1. „Vögel sind schön“, schreiben Mats und Åsa Ottoson, und wer wollte ihnen widersprechen, wenn er die Fotos von Roine Magnusson in „Vögel ganz nah“ sieht? Die Aufnahmen zeigen jedes Härchen im Gefieder, jede Schuppe am Fuß, jede Farbschattierung beim Blaukehlchen, und dabei nur das Tier, ohne jede Umgebung. Und lesenswert ist es auch, was die schwedischen Tierfreunde berichten, zu jedem Vogel geben sie naturkundliche Fakten und Anekdoten. So erfahren wir von schlauen Kohlmeisen, die nicht nur Milchflaschen öffnen können, sondern auch zu Raubvögeln werden.

Roine Magnusson/ Mats Ottoson / Åsa Ottoson: Vögel ganz nah. Sieveking Verlag, München. 272 S., 35 Euro

2. Georgien ist das Gastland der Buchmesse. Hierzulande weiß man wenig von dem kleinen Land zwischen dem Schwarzen Meer und dem Kaukasus. Dagegen kann diese angenehm verplauderte „kulinarische Entdeckungsreise“ helfen, die Rusudan Gorgiladse verfasst hat. Die Psychologin und ehemalige stellvertretende Bildungsministerin schildert die Vorliebe für Koriander und georgischen Safran, der anders als das indische Original aus gemahlener Ringelblume hergestellt und darum umso reichlicher verwendet wird. Sie erläutert die Zubereitung der berühmten Teigtaschen Chinkali, klärt uns auf, warum viele Georgier monatelang vegan leben (wegen der strengen orthodoxen Fastenregeln), geht auf den Weinanbau ein und spricht gern von Sitten und Gebräuchen wie dem Trinkritual Supra.

Rusudan Gorgiladse: Georgien. Eine kulinarische Entdeckungsreise. Conte Verlag, St. Ingbert. 256 S., 24 Euro

3. Die Fernsehserie „Babylon Berlin“ macht neugierig. Wie war das in der Reichshauptstadt in der Weimarer Republik? Der Journalist Curt Moreck (1888–1957) hat 1931 einen „Führer durch das lasterhafte Berlin“ geschrieben, der dem Reisenden den Weg ins Nachtleben wies. Das Buch ließ nichts aus, vom Café mit den „Knutschlogen“ über die „Zauberflöte“, in der Damen abgewiesen werden, bis zu Besuchen in der wirklichen Unterwelt. Moreck schrieb sichtlich für Männer, wie nicht nur aus seiner Gebrauchsanweisung für die „Fünfuhr-Frauen“ hervorgeht. Das Buch ist eben ein Zeitzeugnis. Manche Ratschläge aber halten bis heute: „Man halte die Augen auf und die Taschen zu, und man trinke seine Molle, ehe der einheimische Nachbar sie sich hinter die Binde gegossen hat.“

Curt Moreck: Ein Führer durch das lasterhafte Berlin. be.bra Verlag, Berlin, 208 S., 22 Euro

4. Selten hat man noch die Chance, den Nationalautor eines Landes komplett neu zu entdecken. Bei Ion Luca Caragiale (1852–1912) ist das so: Der Mann ist in Rumänien ein Klassiker. Lange galt Caragiale als unübersetzbar. Der schöne Band „Humbug und Variationen“ enthält mehr als 60 Prosastücke, die mit einer sperrigen Figur bekannt machen. Wie soll man auch eine empathiedurchtränkte Geschichte wie „Osternacht“ mit den Spöttereien über das rumänische Nationalwesen zusammenbringen, das sich in Satiren wie „Humbürger“ niederschlug? In „Osternacht“ schildert er gegen den antisemitischen Zeitgeist, wie eine Gruppe Banditen einen „Saujuden“ überfällt und er sich wie durch ein Wunder rettet. Die „Humbürger“ sind Karikaturen der Bürgerlichkeit. Da schreibt Caragiale rrrumänisch grundsätzlich mit drei „r“. Die Übersetzerin hat eine wunderbar flüssige Fassung geschaffen, mit einem leicht altertümlichen Zungenschlag, der ein wenig 19. Jahrhundert ins Deutsche rettet.

Ion Luca Caragiale: Humbug und Variationen. Deutsch von Eva Ruth Wemme. Guggolz Verlag, Berlin. 432 S., 24 Euro

5. Nicht nur bei den Rechten schwappt gerade ein neuer Antisemitismus auf. Sie sollten vorsichtig sein, vielleicht haben sie selbst jüdische Wurzeln? Den Verdacht legt Shelley Kästners berührendes Buch „Jewish Roulette“ nahe. Ihrem Ex-Mann sagte die Mutter unter dem Siegel der Verschwiegenheit, dass sein Vater, der Dichter Erich Kästner, Halbjude sei. Die Schauspielerin und Neuropsychologin führte mit 21 Juden in Israel, Deutschland, der Schweiz, den USA lange Gespräche über das Jüdischsein, Vorurteile, den Holocaust und den Glauben. Da gibt es einen orthodoxen Juden, der seinen Glauben verloren hat, das aber vor seiner streng gläubigen Familie verbirgt, aus Angst, seine Kinder zu verlieren. Dagegen steht das Beispiel von Schlomoh, der früher Hans-Ruedi hieß, ein Linker war und noch einmal Jude werden musste, weil seine jüdische Mutter alle Unterlagen vernichtet hatte. Wunderbar, wie er erzählt, dass er noch gerne Rockmusik hört, aber wegen der Zügellosigkeiten kein Livekonzert mehr besucht. So lernt man viel über die Individualität einer vorurteilsbedingt homogen geglaubte Gruppe. Eduard Kornfeld erzählt von seiner Zeit im Vernichtungslager Auschwitz, erschütternd, gerade weil sein Fazit lautet: „Ich bin glücklich, jeden Tag“. Shelley Kästner wollte kein Buch über den Holocaust schreiben. Aber ausblenden lässt sich das Thema eben auch nicht.

Shelley Kästner: Jewish Roulette. Vom jüdischen Erzbischof bis zum atheistische Orthodoxen. Salis Verlag, Zürich. 176 S., 24 Euro

6 Mahi Binebine arbeitet im Roman „Der Hofnarr“ seine Familiengeschichte auf. Die Titelfigur Muhammad steigt zum Günstling des marokkanischen Königs auf. Tatsächlich ist der Held der Vater Binebines, und der war dem tyrannischen Hassan II. so ergeben, dass er sich sogar von seinem in Ungnade gefallenen Sohn, dem Bruder des Autors, lossagte, der jahrelang inhaftiert war. Eine Art Abrechnung, aber es erzählt eben der Hofnarr, der meistens ahnt, wie sein Sidi tickt, und der zwar loyal dient, aber doch über die Launen des Herrschers erschrickt, zum Beispiel über den in Ungnade gefallenen Minister, der in den Pferdestall geht, weil ihn Hassan ein Tier nannte, und der für seine Demutsgeste weiter verspottet wird. Binebine gibt seinem Vater jene Reue, jene Distanz, die er im Leben vielleicht nicht hatte.

Mahi Binebine: Der Hofnarr. Deutsch von Regina Keil-Sagave. Lenos Verlag, Basel. 200 S., 22 Euro

7. Als Robert B. Parker 2010 starb, verlor die Literatur einen der letzten Meister des klassischen Detektivromans. Zum Glück gibt es für deutsche Leser noch einige Bücher um den gewitzten Bostoner Privatermittler Spenser zu entdecken. Der Pendragon-Verlag, der sich vorbildlich um das Werk kümmert, hat „Raues Wetter“ vorgelegt, in dem Spenser einen Job als Leibwächter für eine Hochzeit auf einer exklusiven Insel annimmt. Das geht entsetzlich schief: Spensers alter Gegner, der „graue Mann“, überfällt die Feier mit einem Team, tötet den jungen Ehemann und entführt die Braut. Spenser sieht sich in seiner Berufsehre verletzt und ermittelt. Das ist nicht zuletzt wegen des Ich-Erzählers überaus lesenswert, der nie um eine Pointe oder ein Dichterwort verlegen ist.

Robert B. Parker: Raues Wetter. Deutsch von Marcel Keller. Pendragon Verlag, Bielefeld. 214 S., 13 Euro

8. Der Matsutake-Pilz gedeiht bevorzugt auf ruinierten, verwüsteten Böden. Anna Lowenhaupt Tsing, Professorin für Anthropologie in Kalifornien, schreibt über ihn zwischen den wissenschaftlichen Disziplinen und Poesie. Sie singt ein Loblied auf eine vor allem von Menschen mit asiatischen Wurzeln geschätzte Delikatesse. Zugleich schildert sie ökologische Zusammenhänge: Ein Lebensraum wird nie von einer Art allein besiedelt, sondern von zusammenwirkenden Gemeinschaften wie der Kiefer, der der Pilz hilft, Nährstoffe gleichsam aus dem Nichts zu gewinnen. Und sie beleuchtet die Ökonomie zum Beispiel in durch massiven Einschlag verödeten Waldgegenden Nordamerikas. Die Holzindustrie geht zugrunde, an ihre Stelle tritt eine neue Wirtschaftsform, freie Sammler, die Pilze ernten für den Export ins Matsutake-süchtige Japan. Faszinierend, wie bestimmte Funktionsmuster der Biologie wie die Kooperation sich auf Handel und Gesellschaft übertragen lassen.

Anna Lowenhaupt Tsing: Der Pilz am Ende der Welt. Über das Leben in den Ruinen des Kapitalismus. Deutsch von Dirk Höfer. Verlag Matthes & Seitz, Berlin. 448 S., 28 Euro

9. Der Lippstädter Unternehmer Sally Windmüller ließ dem Automobil ein Licht aufgehen. 1908 brachte seine Fabrik den ersten Scheinwerfer auf den Markt, und statt funzeliger Petroleum-Leuchten strahlten nun die Autos. Erfolgsgeschichten wie die der Hella-Werke erzählt Martin von Mauschwitz, Journalist beim WDR, im Buch „Aldi, Goldbär, Thermomix“. Es sammelt Erfindungen aus Nordrhein-Westfalen. Von August Oetkers Idee, nicht nur Backpulver zu verfeinern, sondern es auch portioniert zu verkaufen über Persil bis zum ersten Mähdrescher, es verblüfft, wie viele Erfindungen zwischen Rhein und Weser gemacht wurden. Das Buch besticht auch durch das üppige historische Bildmaterial, von alten Autos, jovialen Firmenpatriarchen und nostalgischen Reklamebildern.

Martin von Mauschwitz: Aldi, Goldbär, Thermomix. Geniale Produktgeschichten made in NRW. Droste Verlag, Düsseldorf. 192 S., 22 Euro

10. Aus diesem Buch möchte ich eigentlich nur zitieren. Zum Beispiel dies: „Der Schwachsinn wächst, da er unendlich ist.“ Angeblich von Morvin Folter, Alzheimer-Forscher, in: Erinnerungen an die Zukunft, Basel, 1902. Aus solchen Zitaten, wenige Zeilen lang entsteht eine minimalistische Erzählung. Robert Stripling betreibt die Internetseite verpasstehauptwerke. tumblr.com, und natürlich sollte man stark anzweifeln, ob diese Sprüche ge- oder erfunden wurden. Es ist jedenfalls ein Riesenspaß, wenn die Esoteriklehrerin betont, wie sehr die 13 Aufenthalte in der Psychiatrie zu ihrem Lebenslauf gehören. Oder wenn die (echte oder ausgedachte) Tochter des Philosophen Bertrand Russell konstatiert: „Logik – Schnee von gestern!“ Oder wenn ein Heimatforscher notiert: „Möbel transportieren Heimat. Das ist das Eigenartige. Der Ort wechselt mit.“ Da versteht man, wozu man Minister braucht. Das oszilliert auf intelligente Weise zwischen beziehungssatter Satire und Albernheit. Und wie wahr ist das marokkanische Sprichwort: „Besser eine schwule Brieftaube auf dem Dach als einen Friseur mit Glatze.“

Robert Stripling (Hg.): Verpasste Hauptwerke. Mikrotext Verlag, Berlin. 324 S., 21, 99 Euro

Quelle: wa.de

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