Yasmina Rezas Stück „Kunst“ in Essen

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Männer reden über Kunst in der Essener Inszenierung von Yasmina Rezas „Kunst“. Mit Jan Pröhl (von links) als Marc, Thomas Büchel als Serge und Gregor Henze als Yvan.

Essen - Ganz weiß ist das Bühnenmobiliar im Essener Grillo-Theater. Die Wohn-, Ess-, Sitz-Landschaft fügt sich aus Vierecken und Quadraten zu einer skulpturalen Großstadtwabe. Bequem ist das nicht, was Fabian Lüdicke aufgebaut hat, aber cool.

Nur, wo bleibt der Mensch? Um den geht es in Yasmina Rezas Stück „Kunst“ vornehmlich, also um Freundschaft, um das Miteinander, um Anstand, Ehrlichkeit, um den Zeitgeist... So geraten seit fast 20 Jahren drei Freunde auf den Bühnen der Welt über ein monochromes Bild bitterböse aneinander, werden handgreiflich, heucheln, lügen, beleidigen sich, um am Ende doch eine Art salomonische Moral zu finden: Der Mensch ist wichtiger, ohne der Kunst zu schaden. Yasmina Rezas Stück ist das meistgespielte zeitgenössische Sprechtheater.

In Essen hätte Marc gewarnt sein müssen. Da sein Freund Serge in so einem aseptisch-abstrakten Wohnraum existiert, ist es doch nicht verwunderlich, dass er sich auch noch ein weißes Bild mit weißen Streifen aufhängt. Aber Jan Pröhl dreht den Marc sofort zielsicher auf. Beim Blick aufs imaginäre Bild (im Publikumsraum) sperrt er das Maul auf, fast sich an die Nase, knibbelt mit den Augen und verschränkt die Arme, um sich zu stabilisieren. Er brüllt nicht nur los vor lachen, sondern nennt die Malerei auch noch „Scheiße“. Für 60 000 Euro, wo gibt’s denn sowas?

Regisseurin Anne Spaeter setzt das Konfliktpotential des Stücks unverholen unter Druck. Serge mockiert sich im Spotlicht über den arroganten Ingenieur, der schon zu lange die eigene Selbstgefälligkeit pflegt („perfides Lachen“) und nun herablassend sein Bild beschimpft. Yvan, der dritte im Bunde, soll gefragt werden. Er stellt sich dem Publikum vor, aber gerät mit seiner Rede gleich an den Rand des Dreiecks. Keinen Erfolg im Beruf, ist er gerade ins Papiergeschäft gewechselt und hofft auf die Hochzeit mit Katrin aus guter Familie. Ihr Onkel ist sein Arbeitgeber.

Am Grillo-Theater scheint es weniger um die einzelnen Figuren aus Rezas Stück zu gehen, sondern mehr um die Spezies Mann. Regisseurin Spaeter will jeden lächerlich machen. Selbst der Dermatologe Serge im blauen Anzug und mit Cognac-Schwenker verliert die Contenance, wird rabiat wie laut, nur weil sich Yvan verspätet. Hier ist jeder Kerl ein Sonderling. Und die Sorge um Kunst, um Glück, Zukunft und Eigensinn wirkt nur als Mittel zum schrulligen Konflikt, wie in einer Boulevardkomödie: Drei Männer und ein Bild.

Die Schauspieler geben folglich alles. Jan Pröhl ist der Obermacker, der mit stierem Blick nur den eigenen Horizont bewacht. Seine Einfalt hat etwas Fleischiges, Unbeugsames („Es gibt keine Farben!“). Er ist ein Schwadroneur, wenn er Verständnis heuchelt und ein Bulle, wenn er die Ehre seiner Frau verteidigen will, die von Serge als runzelig und reizlos diffamiert wird. Thomas Büchel gibt dem Kunstliebhaber Serge den bemühten Gestus eines Intellektuellen, der sich freie Kunst ans Revers heftet, um seinen Geisteswert zu steigern. Wie brüchig diese Eitelkeit ist, zeigt sich, wenn Großmut und Toleranz gefragt sind. Beides fehlt dem Trio ohnehin. Büchel bellt den einfältigen Yvan an, der mit der Meinung seines Psychaters kontert, um letztlich durch diese Schwäche („Er bezahlt in bar“) ganz klein zu wirken. Gregor Henze zeigt ihn taktierend, wenn es um die Malerei geht, zeigt ihn gequält, wenn ihm die Familie die Einladungskarten zur Trauung diktieren will und zeigt ihn verzweifelt, wenn niemand sein Jammern erhört. Ein netter Mitläufer.

Am Ende stehen die Männer nach temporeichen und kraftraubenden 90 Minuten etwas mitgenommen am Bühnenrand. Dass jeder eine Bierflache hält, signalisiert Freundschaft und Einigkeit. Die Monologe, die Yasmina Reza am Ende geschrieben hat, hätte es nicht mehr gebraucht. Das Premierenpublikum klatschte ausgiebig.

Das Stück

Temporeiche und laute Dialogschlacht zwischen drei Freunden, die über ein Bild streiten. Sehr boulevardesk inszeniert.

Kunst von Yasmina Reza am Grillo-Theater Essen.

18., 22., 29. 10.; 29. 11.; 9., 30. 12.; Tel. 0201/812 22 200

www.schauspiel-essen.de

Quelle: wa.de

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