Exklusivkünstler Nézet-Séguin stellt sich in Dortmund vor

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Im Dialog mit seiner Solistin Anne-Sophie Mutter: Dirigent Yannick Nézet-Séguin wird neuer Exklusivkünstler am Konzerthaus Dortmund – und stellte sich mit dem London Philharmonic Orchestra vor.

DORTMUND - Überlebensgroß, die Arme hochgeschwungen, so dass der Körper ein Y formt – Yannick Nézet-Séguin wurde mit Pomp als neuer Exklusivkünstler am Konzerthaus Dortmund eingeführt. Das Riesenplakat, das die „Yannick Experience“ verkündet, wurde entrollt zum Abschluss eines Gastspiels des London Philharmonic Orchestra unter seinem ersten Gastdirigenten.

Von Edda Breski

Der klein gewachsene Frankokanadier Nézet-Séguin war seit 2008 fünf Mal im Konzerthaus aufgetreten. Mit seiner Residenz der „Erfahrung“ löst er Esa-Pekka Salonen ab, der im Mai nochmals nach Dortmund kommt, dann mit dem Philharmonia Orchestra und einem Filmmusikprogramm von Korngold bis Herrmann (24. Mai).

Die „Expedition Salonen“, wie das Haus die Residenz des Finnen betitelte, war geprägt von Experimenten, etwa einer halbszenischen Aufführung von „Tristan und Isolde“ mit Videosequenzen von Peter Sellars, er dirigierte auch den „Wozzeck“ und ließ eigene Kompositionen spielen. Nézet-Séguin, der in der nächsten Spielzeit Chef beim Philadelphia Orchestra wird, stellte sich mit einem konventionelleren Programm vor. Mit seinen 38 Jahren passt er ins jugendliche Profil des Konzerthauses. Und er ist einer der weltweit geachteten Shooting Stars am Dirigentenpult und wird, das lohnt sich anlässlich seiner Bindung an Dortmund im Gedächtnis zu behalten, als einer der Kandidaten auf die Nachfolge von Simon Rattle bei den Berliner Philharmonikern 2018 gehandelt.

Im Konzert hat sich Nézet-Séguin als einer präsentiert, der sein Publikum mitreißen kann, dessen Interpretationen zugleich geprägt sich von sensibler Feinsteuerung und klarer Motivarbeit. Auf dem Programm standen Mussorgskys Chowanschtschina-Vorspiel und Schostakowitschs Fünfte.

Den Mussorgsky lässt Nézet-Séguin unter einer samtigen Oberfläche rumpeln, mit einem wuchtigen, zugeschärften Blech. Dem Schostakowitsch gibt er einen grandios-finsteren Gestus, eine glanzvolle Hoffahrt. Darunter fächert er klar die Motivik, die Wendungen ins Dunkle oder Groteske auf.

Mit der Fünften versuchte der Komponist sich gegenüber Stalins Zensoren zu rehabilitieren. Das funktionierte, die Uraufführung wurde ein Triumph, aber auch ein Sieg der Täuschung. Deutlich arbeitet Nézet-Séguin das heraus, wenn das Schlagwerk im ersten Satz an eine Militärmaschine gemahnt. Der Satz endet in einem fiebrigen Violinsolo, das mit der Celestabegleitung zu einer Albtraumstimmung verschmilzt.

Der zweite Satz ist von Mahler inspiriert mit seiner falschen Lustigkeit, dem grellen Holz und dem Schrumm-schrumm der Bässe. Unter Nézet-Séguin wirkt das wie eine Spieluhr kurz vor dem Ablaufen. Er fasst den Satz im Grunde mechanisch auf, ein durchchoreografiertes Ballett der Jahrmarkteffekte, das kurz vor dem Stolpern steht.

Auf das Largo mit seinem albtraumhaft schönen Orgelklang, der vom Fundament aus stets transparent bleibt, folgt der Finalsatz, in dem grelle Lustigkeit und der finstere Hochmut des ersten Satzes verschmelzen. Die Entwicklungen liegen klar zutage und finden im Finale mit seinem falschen Dur-Strahlen eine überwältigende Apotheose.

Im Zusammenspiel mit Anne-Sophie Mutter präsentiert sich Nézet-Séguin als aufmerksamer, zugleich selbstbewusster Begleiter. Mutter spielt Tschaikowskys Violinkonzert als einen tsiganehaften Tanz, mit dunkel glühendem Ton und abrupten Temporückungen. Nézet-Séguin und das London Philharmonic fordert das enorme Reaktionsgeschwindigkeit ab. Sie bleiben jedoch präsent, der Solopart ist eingebettet in ein klar gegliedertes Tonumfeld. Dabei kann Nézet-Séguin urplötzlich eine theatralische Spannung aufbauen und schleudert das Thema im Tutti prachtvoll in den Saal hinaus.

Quelle: wa.de

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