Yann Mingards Konzeptfotografie zeigt in Essen die Orte genetischer Information

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Geheimnisvoll und unter Kontrolle: Die In-vitro-Kultivierung von Bananenpflanzen über 30 bis 45 Tage fotografierte Yann Mingard im Institut für die Optimierung tropischer Pflanzen in der Katholischen Universität Leuven, Belgien, 2010. Das Inkjet-Print ist in Essen zu sehen.

Von Achim Lettmann ESSEN - Fotografien sind immer dann interessant, wenn sie etwas Unbekanntes zeigen, etwas ans Licht holen. Yann Mingard hat diesen Forscherdrang. Er zeigt die Orte, wo unser Erbgut konserviert wird, wo Pflanzen optimiert werden, wo Genmaterial von Tieren aufbewahrt wird, die vom Aussterben bedroht sind. Sein dokumentarisches Projekt „Deposit“ (deponieren, ablagern), das im Essener Museum Folkwang ausgestellt wird, macht das Objekthafte dieser Konservenverfahren sichtbar.

Der Geist, der den DNA-Schlüssel fürs Leben zur biotechnischen Angelegenheit gemacht hat, der lässt sich nicht visualisieren. Und doch scheinen die Fotografien von Yann Mingard von einer Kälte durchdrungen, mit der er die rationale Aneignung und Beherrschung des Lebens kennzeichnet. So wirkt die In-vitro-Kultivierung einer Bananenpflanze, die Mingard 2010 fotografierte, wie eine Zurschaustellung der funktionalisierten Natur. Hier hat der Biotechniker alles im Griff, alles ist in die Vorrichtung gespannt. Im belgischen Leuwen ist das Erbgut von über 1100 Bananenarten deponiert.

Wie lebensnah Mingards Projekt ist, zeigt eine Nachricht der letzten Tage: Die Technologiekonzerne Apple und Facebook stellen pro Mitarbeiterin zehn bis 20 000 Euro zur Konservierung von Eizellen bereit. Somit können die Frauen ihre Karriere ausbauen, ohne auf die Möglichkeit zu verzichten, Kinder auf die Welt zu bringen. Die Krykonservierung („Social Freezing“) ist in den USA schon ein Massenphänomen. Der Schweizer Fotograf hat für diesen Umgang mit Genmaterial allerdings keine Fotostrecke, die den „Fortschritt“ feiert. Es herrscht Skepsis in der Essener Ausstellung.

Mingard, 1973 geboren, arbeitete zuerst als Gärtner, bevor er sich entschied, Fotograf zu werden. Er ist sachlich, beobachtend und dokumentiert den Umgang mit der DNA von Menschen, Tieren und Pflanzen als Spurensuche. Auf dem Schweizer Nationalgestüt in Avenches (westlich von Bern) lichtet er 2011 eine Wand ab, an der ein Deckgeschirr für brünftige Stuten hängt. Das minimalistische Bild zeigt Macken in der tiefgrünen Wand, die vom erregten Hengst stammen.

Die Fotografien fordern aber immer einen Gedanken mehr. Weniger, wie sieht das aus, wenn die „assistierte Fortpflanzung“ durchgeführt wird, als vielmehr, welcher Ordnungssinn hat sich durchgesetzt, wenn die Fortpflanzung vor allem unter Optimierungsaspekten vollzogen wird. Der Zufall in der Natur wird systematisch ausgesschlossen. Eine Fotografie von 2011 zeigt beispielsweise die Kastration eines Hengstes detailiert im Spotlicht.

Jocko Besné, ein Superbulle der Samenbank Creavia in Frankreich, hat weltweit 350 000 Milchkühe „gezeugt“. Das Tier produzierte mehr als 1,7 Millionen Samenröhrchen, die von 23 370 Züchtern gekauft wurden. Der Bulle, 2012 gestorben, kommt ins Pariser Naturkundemuseum. Yann Mingard hat die Informationen zu seinen Bildern im Katalog aufgeführt. Er fotografierte die Deckstation, das Labor von Creavia und die künstliche Vagina, die Spenderbullen aufgestülpt wird. Angesichts der Zahlen, die den Zuchterfolg belegen, wirken die Fotografien als Abbild eines solchen Vorgangs untauglich. Mingard demonstriert auch, wie beschränkt die Mittel des Lichtbilds sind. Seine Dokumentarfotografie notiert die Dinge, Vorgänge und Umstände von Prozessen, die er an 21 Orten vorgefunden hat. Die Ausstellung ist in die Kapitel Pflanzen, Tiere, Menschen und Daten gegliedert.

Auf der zoologischen Seite des Kapitel Tiere findet sich die Aufnahme eines betäubten Sonnenbären (Zoo Basel, 2013), der in Malaysia fast ausgestorben ist und nur noch in Tierparks gehalten wird. Von ihm wird ein Hautstück aufbewahrt. Die Bilder wirken wie die Katalogisierung eines Todgeweihten. Der Sonnenbär liegt ausgestreckt auf einem Behandlungstisch.

Düster, wie aus einem Hollywoodthriller, wirken die Fotografien zu „Mount10“, einem Bunker in Saanen-Gstaad, den die Schweizer Armee 1946 in den Berg gebohrt hat. Heute befinden sich hier Datenspeicher, die atomaren, biologischen und chemischen Gefährdungen trotzen und die angemietet werden können. Sogar die Londoner Ausstellungshalle Tate Modern hat hier verschlüsselte Daten hinterlegt. Das Foto einer „Innenwand“ (2010) wirkt rau, dunkel, archaisch. Es ist mattglänzend, minimalistisch und Teil von Yann Mingards Konzeptfotografie. Auf einem anderen Foto ist ein Wachmann vor einer Panzertür zu sehen; künstlich wirkt das, wie die Szenerie in einem B-Movie.

Yann Mingard blickt in einen Keller, wo 500 000 Pipetten mit Blutproben bei minus 25 Grad konserviert werden. Hier wird das Genom der Isländer verwahrt, also die DNA aller Isländer. Die Firma deCode genetics aus Reykjavik musste allerdings schon einräumen, dass das Erbgut kommerziell genutzt wurde. Die Fotografie zeigt im Halbdunkel Regalmeter mit kleinen Röhrchen, mal blau, mal rot abgesetzt.

Zur Ausstellung zählen auch Fotografien der 20/30er Jahre. Sie sind mit dem optimistischen Blick des neusachlichen Fotografen gemacht, zählen zur Folkwang Sammlung und stehen im Gegensatz zum Skeptizismus, den Yann Mingard ausdrückt.

Yann Mingard – Deposit im Museum Folkwang Essen.

Bis 18. 1. 2015; di-so 10 bis 18 Uhr, fr bis 22 Uhr; Katalog-Buch, alle Besucher erhalten eine Übersetzung kostenlos

Tel. 0201/8845 444

www.museum-folkwang.de

Quelle: wa.de

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