Xavier Naidoo verwandelt Arena in sein Wohnzimmer

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Köln - 15.500 Zuhörer in der komplett bestuhlten Kölner Lanxess-Arena - aber trotzdem eine intime „Wohnzimmer“-Atmosphäre: ein Lob, das Xavier Naidoo ans Publikum raus schickt. Er fühlt sich sichtlich wohl auf der kreisrunden Bühne in der Hallenmitte, umringt von seinen Fans, auf einem „Präsentierteller vom Feinsten“, wie er sagt. Mit einem Set voller Akustikversionen seiner Stücke ist er an den Rhein gereist.

Neu arrangiert versprühen Songs wie „20.000 Meilen“, „Wo willst du hin“ und „Bitte hört nicht auf zu träumen“ ein ganz besonderes Flair. Neben Klassikern, wie zum Beispiel auch „Sie sieht mich nicht“ und „Ich kenne nichts (das so schön ist wie du)“, sind auch neue Stücke seines erst vor wenigen Wochen erschienen Albums „Für dich.“ Teil des Programms, das Xavier Naidoo auf einem Hocker sitzend darbietet. Gemeinsam mit seiner dreiköpfigen Band – bestehend aus einem Perkussionisten, einem Gitarristen und einem Klavierspieler – hat er es sich auf der Bühne gemütlich gemacht.

Zuvor ist Xavier Naidoo aus einem Nebeneingang gekommen und in die Hallenmitte geführt worden. Klar trägt er Schirmmütze und Brille mit getönten Gläsern, letztere aus gesundheitlichen Gründen, wie er einmal sagte, als Schutz vor zu grellem Licht. Dabei ist die Lanxess-Arena an diesem Abend in schummrig roten und blauen Schein gehüllt. Die Bühne, die sich zwischen den Songs dreht, damit der Sänger jeder Seite der Halle einmal zugewendet ist, könnte so – natürlich in Miniaturform – auch in einem Club stehen. So heimelig und behaglich wirkt das große Hallenrund an diesem Abend.

Xavier Naidoo begeistert 15.500 Zuhörer in Köln

Dabei war‘s für den Sänger in der jüngeren Vergangenheit alles andere als gemütlich: Skandale und Kontroversen bestimmten aufgrund zumindest fragwürdiger Aussagen sein Bild in der Öffentlichkeit. Er wurde in der Nähe von Reichsbürgern und Verschwörungstheoretikern verortet, Liedtexte wurden als homophob und antisemitisch bezeichnet.

Seiner kontroversen Meinungen war er sich schon 2013 bewusst, da waren die ersten Vorwürfe bereits aufgekommen. Im Song „Hört, hört“, den er auch in Köln singt, gibt es Liedzeilen wie „Meine Worte haben viele verstört“ und „Ich schrieb aus vollem Herzen, selten mit dem Verstand“, was schon fast entschuldigend wirkt. Ganz lassen kann er es aber auch in Köln nicht: Er gucke viel Fernsehen und Nachrichten, weil er wissen wolle, wie er belogen werde, sagt er und lacht.

Daneben zeigt sich Naidoo in der Lanxess-Arena sehr persönlich, berichtet von seinem vierjährigen Sohn und den Ängsten, die seine Mutter hatte, als er sich für den Künstlerberuf entschied. Für sie habe er deshalb das Stück „Mach dir keine Sorgen“ geschrieben. „Meine Mutter war so tapfer, weil sie mich unterstützt hat, obwohl sie nicht wusste, wohin es für mich geht“, sagt er. Relaxt und groovy kommt das Stück daher, so wie die meisten der umarrangierten Nummern.

Das Lied „Alles kann besser werden“, bei dem das Publikum gesanglich einen Teil des Refrains übernimmt, bekommt im Verlauf einen beschwingten Drive. Bei der Zugabe „Dieser Weg“ hält es die Fans nicht mehr auf ihren Sitzen. Schon zuvor fiel es Gitarrist Alex Auer schwer, auf seinem Stuhl zu verweilen: Beim bluesigen „Söldnerlied (Drogen und Geld)“, das von jemandem handele, der in den Krieg ziehen wollte, aber nicht durfte, wie Naidoo erklärt, zappelt Auer zum ausgelassenen Gitarrensolo auf seinem Sitz herum, als würde er ihn am liebsten von sich treten.

Er habe eine lange Tradition von Antikriegsliedern in seinem Repertoire, sagt Xavier Naidoo. „Alle Männer müssen kämpfen“ sei das erste gewesen. Nur vom Piano begleitet, kommen seine stimmlichen Qualitäten dabei besonders beeindruckend zur Geltung – ähnlich wie bei „Halte durch“. Da kleben die Fans an seinen Lippen. Oder aber beim neuen Stück „Stille“, das elegisch und mit durchdringendem Gesang vorgetragen alle Zuhörer mucksmäuschenstill auf ihren Plätzen verharren lässt.

Heimlicher Höhepunkt des Abend ist aber das Sam-Cooke-Cover „A Change Is Gonna Come“, ein Song, den er 2000, 3000 Mal im Jahr anstimme, wie der 46-jährige gebürtige Mannheimer sagt. „Ein endloser Ohrwurm, den ich 2017 erstmals in einer Liveshow gesungen habe.“ Die soulige R&B-Nummer, klagend und predigend, die 1964 veröffentlicht wurde, scheint wie für ihn komponiert worden zu sein. Einen weiteren Oldie gibt‘s ganz zum Schluss: Beim Verlassen der Bühne singt Xavier Naidoo a cappella Ben E. Kings „Stand by Me“. Beim Refrain ruft er noch „Und jetzt alle“. Die Fans singen, und er ist weg. Ein kleiner charmanter Zaubertrick zum Abschluss eines Konzerts im großen, kleinen Kreis.

Quelle: wa.de

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