Wutausbruch: Paul Wellers Album „Wake Up The Nation“

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Paul Weller

Von Frank Osiewacz ▪ Es ist nicht das Schwelgen in vergangenen, vermeintlich besseren Zeiten, das Paul Weller zu seinem Weckruf an die Nation veranlasst. Die britische Mod- und Rock-Ikone steht mit seinen 51 Jahren mitten im Jetzt. Auf seinem 25. Studio-Album „Wake Up The Nation“ (Island/Universal) verpackt er seine Gedanken in 16 aufreibenden Songs von zusammen gerade einmal 40 Minuten Länge. Gemessen an den Vorgänger-Alben ist das ein musikalischer Wutausbruch sondergleichen.

Bloß kein Folk, soll Weller vorgegeben haben, als er sich für „Wake Up The Nation“ ins Studio und unter die Regie von Produzent Simon Dine begab. Dieser hatte auch schon aktiv auf „Illumination“ und als Produzent von „22 Dreams“ mitgewirkt. Aus den Songschnipseln und Ideen, die Paul Weller ihm – teilweise noch ohne Texte – vorstellte, entstand ein energiegeladenes Paket, das sich durch vieles auszeichnet – am wenigsten allerdings durch den gepflegten Wohlklang, wie ihn der „Modfather“ in den Genres Soul, Jazz und Pop schon oft zelebrierte.

Das aktuelle (zehnte) Solo-Album ist eine durch und durch urbane, zeitgemäße Rockscheibe, die sich dagegen sperrt, auf Anhieb zu gefallen. Weller grummelt, grantelt und rumpelt in den gut zweiminütigen Songs durch alle Facetten von Rock, Punk, Pop, Soul und Funk. Das Album startet mit „Moonshine“ und furiosem Brit-Rock, steigert sich noch einmal im zornigen Titelstück, ehe Weller dann mit „No Tears to Cry“ wieder ins Pop-Balladen-Fahrwasser zu steuern scheint. Doch der Schmusekurs ist durch „Fast Car/Slow Traffic“ jäh beendet. Das Stück erinnert in seiner Explosivität unweigerlich an frühe Jam-Tage und klingt wie ein Sprung in die stinkige Londoner Rush Hour um fünf. Passenderweise rekrutierte der ehemalige „Angry Young Man“ seinen alten Jam-Bassisten Bruce Foxton für zwei Songs, unter anderem diesen.

Weller nimmt sich viel Raum für seine musikalischen Innenansichten, tänzelt instrumental durch „In Amsterdam“, produziert völlig Schräges mit My Bloody Valentine-Gitarrist Kevin Shields in „7 + 3 (Is The Striker‘s Name“ und schreibt mit „Trees“ eine kleine Rock-Oper zwischen Elektronik-Ballade und Psychedelik.

Wenn der fünffache Vater in „Trees“ laut über das Altern nachdenkt, tut er das nicht mit Wehmut, sondern voller Ironie. Es scheint, als hätte Weller seinen inneren Fixpunkt gefunden, eine bisher noch nicht dagewesene Souveränität, aus der er seine Energie schöpft. Der überzeugte Linke haut nicht einfach nur drauf, sondern beobachtet die Verhältnisse auf der Insel. Und diese stecken seiner Meinung nach tief im Mittelmaß. „Die Aussage lautet, dass wir uns aufbäumen müssen und dafür sorgen sollten, dass in diesem Land ausnahmsweise mal wieder etwas Großartiges passiert“, sagt er. „Die Medien, das Fernsehen, die Musik, die Politik – das alles ist heutzutage einfach nur farblos. Und es liegt keinesfalls an den Leuten, also nicht daran, dass ihnen alles gleichgültig wäre – sie fühlen sich vielmehr entrechtet.“

Weller fordert mit seinem Album Kreativität und Persönlichkeit ein, distanziert sich vom geistigen Rückzug und der Bevormundung in der Medienwelt. Wohl nie hat er zu Solo-Zeiten seinen Zorn so offen und gleichzeitig so zukunftsbezogen formuliert.

Als die englische Kultfigur aus Woking Anfang der 90er-Jahre mit seinem Paul Weller Movement ohne Plattenvertrag einen Neuanfang wagte, wurde er belächelt. Nachdem The Style Council in schwülstigem Disaster geendet waren, traute ihm kaum jemand etwas zu. Im Düsseldorfer Tor 3 spielte er damals vor 200 Leuten. Was sollte die Zukunft bringen? Er wusste es nicht recht, glaubte aber an sich. Heute lächelt Weller, hat mit 51 immer noch jede Menge Zukunft und gerade ein großartiges Album gemacht.

Paul Weller kommt im Rahmen seiner Welttournee nur für ein Konzert nach Deutschland. Er tritt am 18. Mai in Köln in der Live Music Hall auf.

http://www.paulweller.com

Quelle: wa.de

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